Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs - Chapter 11 | Fet Library

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Birke Becker presents

Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs

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Chapter 11 of 17

Chapter 11

Als die „Darbietung“ im Folterkeller beendet war, lösten die Diener Annegrets Fesseln. Ihr Körper war ein einziger Schmerz, jeder Muskel schrie, und die frischen Striemen brannten höllisch. Sie lag keuchend auf der Streckbank, unfähig, sich zu rühren.

„Lösen Sie sie und bringen Sie sie in den Speisesaal“, befahl der Prinz mit einer Geste. „Fräulein Lutz hat noch eine weitere Lektion zu lernen.“

Zwei Diener hoben Annegret vorsichtig von der Streckbank. Sie konnte kaum stehen, ihre Beine waren schwach und zitterten. Frau Schmidt, die Hausdame, trat vor und reichte ihr das grobe Leinengewand. „Ziehen Sie sich an, Fräulein Lutz. Schnell.“

Annegret zitterte, als sie versuchte, das Gewand über ihren schmerzenden Körper zu ziehen. Jeder Stofffetzen, der ihre wunden Stellen berührte, war eine Qual. Frau Schmidt half ihr nicht, sondern beobachtete sie mit unbewegter Miene.

Schließlich, als Annegret angezogen war, wurde sie von Frau Schmidt in den großen Speisesaal geführt. Der Raum war noch immer hell erleuchtet und erfüllt vom Gemurmel der Gäste, die nun am reich gedeckten Buffet standen und sich bedienten. Doch die Aufmerksamkeit aller richtete sich sofort auf Annegret, als sie den Raum betrat.

In der Mitte des Saales, wo zuvor der Holzbock gestanden hatte, war nun eine kleine, erhöhte Bühne aufgebaut. Frau Schmidt führte Annegret dorthin.

„Meine Damen und Herren!“, rief Frau Schmidt, ihre Stimme war klar und deutlich, sodass jeder sie hören konnte. „Wir haben heute Abend die Ehre, Ihnen eine weitere Darbietung der Demut zu präsentieren. Fräulein Lutz wird Ihnen zeigen, was es bedeutet, seinen Stolz abzulegen und sich den Regeln zu beugen.“

Annegrets Herz hämmerte in ihrer Brust. Sie wusste, was nun kommen würde.

„Entkleiden Sie sich, Fräulein Lutz!“, befahl Frau Schmidt, ihre Stimme war unerbittlich. „Und stellen Sie sich auf die Bühne! Zeigen Sie allen Ihre Demut!“

Klothilde und ihre Freundinnen saßen an einem der Tische, ihre Augen glänzten vor Schadenfreude. Sie hatten ihre Plätze strategisch gewählt, um Annegret von allen Seiten sehen zu können.

Annegret zögerte einen Moment, doch der Blick von Frau Schmidt ließ ihr keine Wahl. Mit zitternden Händen begann sie, ihr Leinengewand abzulegen. Jeder Blick, der auf sie gerichtet war, war eine Nadelspitze auf ihrer Haut. Als sie nackt auf der Bühne stand, ihre blauen Flecken und Striemen deutlich sichtbar, schlang sie die Arme um ihren Körper, um sich zu bedecken, doch es war zwecklos: “Die Arme bitte hinter dem Kopf verschränken”, kam der Befehl von Frau Schmidt. Die Scham war überwältigend.

Klothilde und ihre Freundinnen kicherten laut. „Seht nur, wie sie zittert!“, säuselte Adelheid. „Das ist wahre Demut, nicht wahr, Klothilde?“

Klothilde lächelte, ihre Augen waren kalt. „Oh ja, Adelheid. Eine Lektion, die sie nie vergessen wird.“

Annegret stand da, nackt und bloß, während die Gäste aßen und tranken, ihre Blicke auf sie gerichtet. Sie versuchte, sich unsichtbar zu machen, doch es gab kein Entrinnen. Die Zeit schien stillzustehen.

Doch dann, nach einer Weile, als Annegret bereits am Rande des Zusammenbruchs war, trat Frau Schmidt wieder vor. „Genug, meine Damen“, sagte sie, ihre Stimme war nun an die Mädchen gerichtet. „Fräulein Lutz hat ihre Demut ausreichend demonstriert. Nun ist es Zeit für Sie, ins Bett zu gehen.“

Klothilde und ihre Freundinnen sahen sich enttäuscht an, doch sie wagten nicht zu widersprechen. Mit einem letzten spöttischen Blick auf Annegret erhoben sie sich und verließen den Speisesaal.

Annegret blieb allein auf der Bühne zurück, nackt und gedemütigt. Frau Schmidt trat zu ihr. „Sie bleiben hier, Fräulein Lutz. Der Abend geht für unsere erwachsenen Gäste weiter.“

Die Mädchen räumten widerwillig das Feld. Der Prinz ergriff das Wort. 

„Verehrte Herrschaften, liebe Freunde! Ich habe mir eine kleine Auktion ausgedacht. Ich habe aus sicherer Quelle erfahren, dass unser Gast noch reine Magd ist. Mir steht das droit de seigneur, wie unsere französischen Nachbarn zu sagen pflegen, zu, wenn sie einmal heiraten sollte. Das sehen sie doch auch so? Nun, ich will nicht so lange warten. Wir ziehen die Ausübung dieses Rechts vor. Ich will es auch gar nicht selbst ausüben. Da es aber mir zusteht, kann ich es meistbietend versteigern. Für einen guten Zweck - die kaiserliche Marine! Ich habe extra einen Auktionator aus Köln besorgt - das Mindestgebot beträgt 100 Reichsmark.”

Der Auktionator, ein Mann mit polierter Glatze und einem gestärkten Kragen, der ihn zu erwürgen schien, bestieg die kleine Bühne. Er klopfte mit seinem hölzernen Hammer leicht auf das Pult. Die Gespräche im Saal verstummten, und alle Augen richteten sich erst auf ihn, dann auf Annegret. Sie stand noch immer nackt auf der Bühne, zitternd vor Kälte, Schmerz und einer alles verzehrenden Scham.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren!“, begann der Auktionator mit einer lauten, öligen Stimme, als würde er erlesene Weine oder seltene Antiquitäten anpreisen. „Wir kommen nun zum Höhepunkt des Abends! Ein wahrhaft exquisites Los, einmalig und von unberührter Qualität! Eine junge Dame, wie Sie sehen, im besten Alter, gesund und, wie uns versichert wurde, von makelloser Reinheit.“

Einige Männer im Publikum lachten leise, andere musterten Annegret mit taxierenden Blicken, als wäre sie ein Stück Vieh. Annegret spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, aber sie blinzelte sie wütend weg. Sie würde ihnen nicht auch noch ihre Tränen schenken.

„Das Recht, das heute Abend zur Versteigerung steht, ist ein Recht von historischer Bedeutung, das von Seiner Hoheit, dem Prinzen, großzügig zur Verfügung gestellt wird. Der Erlös, meine Herrschaften, kommt unserer glorreichen kaiserlichen Marine zugute! Denken Sie daran: Jeder Taler ist ein Beitrag zur Stärke unseres Vaterlandes!“

Er machte eine kunstvolle Pause und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf Annegret. „Beginnen wir also. Das Mindestgebot liegt, wie bereits erwähnt, bei einhundert Reichsmark. Einhundert Reichsmark für eine unvergessliche Nacht und das Privileg, der Erste zu sein. Wer bietet mir einhundert Reichsmark?“

Einen Moment lang herrschte Stille. Annegret hielt den Atem an, ein winziger, törichter Funke Hoffnung flackerte in ihr auf. Vielleicht wollte sie niemand?

Doch dann hob ein korpulenter Baron mit einem glänzenden, verschwitzten Gesicht und einem zu engen Gehrock sein Glas. „Einhundert!“, rief er mit dröhnender Stimme.

„Einhundert Reichsmark sind geboten vom Herrn Baron!“, rief der Auktionator. „Ein edler Anfang! Wer bietet einhundertfünfzig? Einhundertfünfzig für diese Blüte der Jugend?“

Ein jüngerer, hagerer Graf mit einem grausamen Lächeln auf den dünnen Lippen hob lässig eine Hand. „Zweihundert.“

„Zweihundert vom Herrn Grafen! Sehr gut! Die Gebote kommen schnell! Wer bietet zweihundertfünfzig? Dreihundert vielleicht? Meine Herren, denken Sie an die Exklusivität!“

Die Gebote stiegen. Dreihundert. Vierhundert. Fünfhundert. Annegret fühlte sich, als würde sie schrumpfen, sich auflösen unter der Wucht der Zahlen und der gierigen Blicke. Jedes neue Gebot war ein weiterer Nagel in ihrem Sarg, eine weitere Bestätigung, dass sie nichts weiter war als ein Objekt, dessen Wert in Gold aufgewogen wurde. Sie hörte die Stimmen, das Lachen, das Klingen der Gläser, als wäre sie unter Wasser.

Die Bietenden waren ein Querschnitt der dekadenten Oberschicht: alte, lüsterne Männer mit zittrigen Händen, jüngere, arrogante Adlige, die sich im Glanz ihrer Titel sonnten, und sogar einige reiche Industrielle, die sich in diese erlauchte Gesellschaft eingekauft hatten. Sie boten nicht nur auf Annegret, sie boten gegeneinander, ein Spiel um Status und Dominanz.

„Siebenhundert Reichsmark vom Herrn Bankier! Wer bietet achthundert? Achthundert! Ein Schnäppchen, meine Herren!“

„Eintausend!“, kam es von einem ruhigen, älteren Mann, der bisher geschwiegen hatte. Er saß etwas abseits, sein Gesicht lag im Halbschatten. Annegret konnte nur einen scharf geschnittenen Anzug und einen silbergrauen Bart erkennen. Die plötzliche Höhe des Gebots ließ ein Murmeln durch den Saal gehen.

Der korpulente Baron schnaubte und zog sich aus dem Bieten zurück. Der junge Graf zögerte, sein Blick verfinsterte sich, als er den älteren Herrn musterte.

„Eintausend Reichsmark! Ein starkes Gebot vom Herrn Grafen von Hardenberg!“, verkündete der Auktionator, seine Augen leuchteten. „Tausend Reichsmark! Wer wagt es, mehr zu bieten? Wer will dieses Juwel für sich beanspruchen?“

Der junge Graf hob zögernd die Hand. „Eintausendeinhundert.“

Graf von Hardenberg antwortete sofort, seine Stimme war ruhig, aber eisern. „Zweitausend.“

Der Saal war nun still. Zweitausend Reichsmark. Das war eine ungeheure Summe, mehr als ein einfacher Arbeiter in mehreren Jahren verdiente. Der junge Graf wurde blass und schüttelte kaum merklich den Kopf. Er war aus dem Rennen.

„Zweitausend Reichsmark!“, rief der Auktionator triumphierend. Er blickte sich im Raum um. „Zweitausend zum Ersten… Zweitausend zum Zweiten…“ Er hob seinen Hammer. Die Stille war absolut. Annegret spürte, wie ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte. Sie starrte auf den Mann im Schatten, den Grafen von Hardenberg. Sein Gesicht war nun besser zu erkennen. Er war alt, vielleicht über sechzig, mit kalten, grauen Augen, die keinerlei Emotion verrieten.

„Und… zum Dritten!“, rief der Auktionator und ließ den Hammer mit einem lauten Knall auf das Pult fallen. „Verkauft! An den Herrn Grafen von Hardenberg für zweitausend Reichsmark! Herzlichen Glückwunsch, Herr Graf!“

Ein höflicher Applaus erfüllte den Raum. Der Prinz trat vor und schüttelte dem Grafen die Hand, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen.

Graf von Hardenberg erhob sich langsam und trat auf die Bühne zu. Annegret wich unwillkürlich zurück, doch es gab kein Entrinnen. Er blieb direkt vor ihr stehen, sein Blick wanderte kühl über ihren nackten, geschundenen Körper.

„Ein guter Kauf“, sagte er leise, seine Stimme war ein trockenes Rascheln. „Sie wird mir gute Dienste leisten.“

Er streckte eine Hand aus und berührte mit einem Finger eine der frischen Striemen auf ihrer Hüfte. Annegret zuckte zusammen, als wäre sie von einer Schlange gebissen worden.

Der Graf wandte sich an den Prinzen. „Ich werde mein Recht noch heute Nacht in Anspruch nehmen. Sorgen Sie dafür, dass sie in meine Gemächer gebracht wird. Sauber und bereit.“

Annegret spürte, wie die letzte Kraft aus ihr wich. Dies war es also. Das Ende. Sie wurde von Frau Schmidt von der Bühne geführt, während der Graf von Hardenberg sich wieder zu den anderen Gästen gesellte. Während sie durch die Gänge zu den Bädern geführt wurde, um für ihren neuen Herrn "vorbereitet" zu werden, fasste sie einen einzigen, klaren Gedanken. Sie würde auch das überleben. Und sie würde sich das Gesicht dieses Mannes einprägen. Sie würde jeden Schlag, jede Demütigung, jeden Namen und jedes Gesicht in ihrem Gedächtnis einbrennen. Eines Tages, so schwor sie sich in der Dunkelheit ihrer Seele, würde sie frei sein. Und dann würde die Zeit der Abrechnung kommen.


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