Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs | Fet Library

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Birke Becker presents

Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs

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A note from Birke Becker
Ich bin wirklich für alle Anregungen und Kritiken dankbar. Entweder hier drunter, oder per email: birke.becker@icloud.com.

Chapter 1 of 17

Chapter 1

Das schrille Läuten der Schulglocke um halb sechs riss Annegret jäh aus ihrem Traum. Mit einem leisen Stöhnen wühlte sie sich aus den groben Leinentüchern und schlug die Augen auf. Der Raum war noch in ein dämmriges Grau getaucht, nur wenige Sonnenstrahlen kämpften sich durch die hohen, schmalen Fenster des Schlafsaals. Fünf Mädchen teilten sich diesen spartanischen Raum im Königlich-Kaiserlichen Internat Bad Godesberg. Auch ihre Mitschülerinnen kämpften sich aus ihren Betten. 

Neben ihr, auf einem schmalen Bett, das knarzend unter ihrem Gewicht ächzte, regte sich Ilse. Ihre Haare waren ein zerzaustes Nest, und im fahlen Licht wirkten ihre Pickel noch röter als sonst. Ilse rieb sich die Augen und murmelte etwas von Quadratsätzen, ehe sie sich ebenfalls aufsetzte.

Die Morgenroutine war eine gut geölte, wenn auch freudlose, Maschine. Schnell übergestreifte Unterwäsche, das kratzige Hemd, der dunkle Rock der Schuluniform. Dann der Gang zu den Waschbecken, wo man sich mit eiskaltem Wasser die Müdigkeit aus dem Gesicht wischte. Annegret kämmte ihre langen, blonden Haare zu einem ordentlichen Zopf – eine der wenigen Dinge, die sie mühelos und anmutig tun konnte. Ihr Spiegelbild zeigte ein blasses, aber hübsches Gesicht, umrahmt von feinem Haar. Ilse hingegen kämpfte mit einer Bürste in ihrem widerspenstigen Braunhaar, ehe sie es in einen unförmigen Knoten bändigte.

Das Frühstück war schweigsam. Haferschleim, hartes Brot, lauwarmer Tee. Gespräche waren verboten, und so aßen die Mädchen unter den wachsamen Blicken der Aufsichtslehrerinnen, nur das Klappern von Löffeln und das leise Räuspern unterbrachen die Stille.

Um sieben Uhr versammelten sich die Schüler im Klassenzimmer für die erste Stunde: Arithmetik. Der Raum war hoch und streng, die Tische aus dunklem Holz glänzten vom ständigen Polieren. Wie in jedem Unterrichtsraum des koedukativen Internats waren die Sitzreihen streng geteilt: Links die Jungen, rechts die Mädchen. Dazwischen ein breiter Gang, eine unsichtbare Grenze, die nicht überschritten werden durfte. Herr Gruber, ein strenger Mann mit dünnem Haar und einer nickelgerahmten Brille auf der Nase, stand vor der Tafel. Sein Blick wanderte unerbittlich durch die Reihen.

Annegret saß ganz vorne rechts, ihre Hände gefaltet, ihr Geist jedoch schon bei dem bevorstehenden Versagen. Die Zahlen tanzten vor ihren Augen wie unbezähmbare Ameisen. Ilse saß direkt hinter ihr, der Kopf gesenkt, aber ihre Augen folgten jeder Bewegung von Herrn Grubers Kreide auf der Tafel.

„Lutz! Was ist die Wurzel aus 144?“, bellte Herr Gruber plötzlich, seine Stimme wie ein Schuss in der Stille.

Annegret zuckte zusammen. Ihr Herz sank in die Magengrube. Sie wusste es nicht. Ihre Wangen wurden heiß. Sie spürte die Blicke auf sich, besonders den von Klothilde, die ein paar Reihen weiter hinten saß und bereits ein spöttisches Lächeln auf den Lippen trug.

Plötzlich spürte Annegret einen leichten Druck auf ihrem Rücken. Ilses Finger tippten unauffällig einen Code in ihren Rücken: einmal, dann zweimal. 12. Annegret verstand sofort. Ilse war nicht nur ein wandelndes Lexikon, sie hatte auch ein einfaches Zeichensystem für Notfälle entwickelt.

„Zwölf, Herr Gruber!“, sagte Annegret schnell, ihre Stimme dünn, aber bestimmt.

Herr Grubers Augen verengten sich. Er musterte Annegret misstrauisch. „So ist es. Glück gehabt, Lutz. Aber passen Sie besser auf. Arithmetik ist kein Spielplatz für Tagträumer.“

Annegret atmete auf. Ein Blick über die Schulter zu Ilse, die ein winziges, kaum merkliches Lächeln zeigte. Die Gefahr, erwischt zu werden, war real. Jede Interaktion zwischen Schülern im Unterricht, besonders eine, die als Schummeln ausgelegt werden konnte, hätte drastische Folgen gehabt. Ein Lineal auf die Finger, ein Verweis – oder, schlimmer, der Rohrstock des Lehrers oder des Direktors.

Nach der Stunde, als der Chor der Stühle über den Boden scharrte und die Schüler in den Gang strömten, geschah es. Eine von Klothildes Freundinnen rempelte Ilse an. Es war Adelheid, Klothildes treuer Schatten, die Ilse absichtlich zur Seite stieß. Ilse, die ohnehin schon mit ihrer übervollen Schultasche kämpfte, verlor das Gleichgewicht. Ihre Tasche rutschte ihr aus den Händen und knallte auf den Holzboden. Bücher, Tintenfass, Federn, sogar ein kleines, verstohlenes Stück Schokolade – alles verteilte sich über den staubigen Boden.

Lautes Gelächter brach aus. Klothilde stand etwas abseits, die Arme verschränkt, ein überhebliches Grinsen auf ihrem Gesicht. „Schon wieder so ungeschickt, Ilse? Pass doch besser auf - Schulsachen sind teuer, besonders für solche wie dich!“, spottete sie.

Annegrets Wangen glühten vor Wut. Sie kniete sofort nieder. „Lass nur, Ilse. Ich helfe dir.“ Sie sammelte die zerstreuten Gegenstände ein, während Ilse mit gesenktem Kopf dastand, ihr Gesicht feuerrot. Die anderen Mädchen gingen achtlos vorbei oder traten fast auf die herumliegenden Dinge. Annegret spürte die Scham ihrer Freundin wie ihre eigene. Was hatte diese Klothilde doch für einen miesen Charakter! 

Einige Tage später war Sportunterricht. Die Mädchen versammelten sich in den Umkleidekabinen, um ihre steifen Uniformen gegen die lockerere Sportkleidung zu tauschen – einfache Leinenhosen und weiße Blusen. Annegret und Ilse zogen sich wie immer in eine Ecke zurück, um den Blicken der anderen zu entgehen. Als sie fertig waren, hängten sie ihre Uniformen ordentlich an die Haken.

Nach dem Sport, als die Mädchen verschwitzt in die Umkleide zurückkehrten, um sich für den nächsten Unterricht – Latein bei Frau Schmidt – umzuziehen, bemerkte Annegret sofort, dass etwas nicht stimmte. Ilses Uniform, die ordentlich an ihrem Haken gehangen hatte, war verschwunden. Nur der leere Haken baumelte.

„Meine Uniform!“, rief Ilse entsetzt, ihre Stimme brach. Sie durchsuchte panisch die anderen Haken, die Bänke, den Boden. Nichts.

Einige der Mädchen, die bereits angezogen waren, kicherten leise. Annegret sah, wie Klothilde und ihre Freundinnen, die bereits in ihren Uniformen steckten, sich vielsagende Blicke zuwarfen. Es war ein Streich, gemein und kalkuliert.

„Ich… ich kann doch so nicht in den Unterricht!“, flüsterte Ilse, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie trug nur ihre weite Sporthose und die einfache Bluse. Das war ein eklatanter Verstoß gegen die strenge Kleiderordnung des Internats. Außerdem waren die Ärmel der Bluse so weit, dass man(n) tiefe Einblicke gewährt kriegte. Auch aus diesem Grund war der Sportunterricht am Internat nach Geschlechtern getrennt. 

„Wir müssen es der Lehrerin melden!“, sagte Annegret, doch Ilse schüttelte verzweifelt den Kopf. „Das nützt nichts. Sie werden sagen, ich hätte sie verloren oder wäre unvorsichtig gewesen. Und ich komme zu spät zum Lateinunterricht.“

Die Zeit drängte. Die Glocke für die nächste Stunde würde jeden Moment läuten. Mit zitternden Knien und einem vor Scham glühenden Gesicht blieb Ilse keine Wahl. Sie musste so zum Unterricht. Annegret legte ihr tröstend die Hand auf den Arm, während Ilse mit gesenktem Kopf aus der Umkleide schlich.

Frau Schmidt, eine hagere Frau mit einem strengen Dutt und einem noch strengeren Blick, stand vor der Klasse, als Ilse, in ihrer Sportkleidung, zögernd den Raum betrat. Ein Raunen ging durch die Reihen der Schüler, gefolgt von sofortiger Stille, als Frau Schmidts Blick sie traf.

„Ilse Bukow! Was soll das bedeuten? In Sportkleidung im Lateinunterricht? Das ist ein unerhörter Verstoß gegen die Schulordnung!“, donnerte die Lehrerin, ihre Stimme schnitt durch die Luft. „Treten Sie vor die Klasse!“

Ilse gehorchte, ihre Wangen glühten vor Scham. Sie vermied jeden Blickkontakt, ihre Augen auf den Boden geheftet. Klothilde und ihre Freundinnen saßen in der dritten Reihe und tauschten vielsagende Blicke aus, ein Lächeln des Triumphes auf ihren Gesichtern. Annegret, die den Anblick kaum ertragen konnte, ballte ihre Hände unter dem Tisch zu Fäusten.

„Für diesen eklatanten Verstoß gegen die Kleiderordnung und die Missachtung der Disziplin werden Sie umgehend bestraft“, fuhr Frau Schmidt fort. Sie nahm einen dünnen Rohrstock von ihrem Pult, der mit einem leisen Zischen durch die Luft schnitt, als sie ihn probeweise schwang. „Strecken Sie die Hände aus, Bukow!“

Ilse zögerte einen Moment, dann streckte sie zitternd ihre kleinen, fleckigen Hände aus. Sie waren blass, die Finger krampften sich unwillkürlich zusammen. Der erste Hieb traf mit einem scharfen Knall auf ihre linke Handfläche. Ilse zuckte zusammen, ein leiser Laut entwich ihren Lippen, den sie sofort unterdrückte. Der Schmerz schoss durch ihren Arm, ließ ihre Augen wässrig werden.

Frau Schmidt wartete nicht. Ein zweiter Knall, dann ein dritter, ein vierter, ein fünfter. Jeder Hieb war präzise und schmerzhaft, das Zischen des Stocks, gefolgt vom peitschenden Geräusch auf Ilses Haut, hallte in der stillen Klasse wider. Ilse presste die Lippen aufeinander, um nicht zu weinen, aber ihre Schultern zuckten unkontrolliert. Annegret spürte den Schmerz ihrer Freundin wie ihren eigenen, ein brennendes Gefühl der Hilflosigkeit und Wut.

Auch Annegret brannte innerlich vor Wut. Sie beobachtete Klothilde, wie diese selbstgefällig zu lächeln schien. Und auf der Seite der Jungen … einer hatte die Hand in der Hosentasche und schien am ganzen Körper zu vibrieren … widerlich! 

„Das wird Ihnen hoffentlich eine Lehre sein, Bukow“, sagte Frau Schmidt, als sie den Stock wieder ablegte. „Setzen Sie sich. Und sorgen Sie dafür, dass Sie beim nächsten Mal ordnungsgemäß gekleidet sind.“

Ilse schlich zurück zu ihrem Platz, ihre Hände waren rot und geschwollen, ihre Augen feucht. Sie vermied Annegrets Blick, zu groß war die Scham. Annegret konnte nur hoffen, dass Ilse ihre stumme Anteilnahme spürte.

Der Nachmittag war für Annegret eine Qual. Die verhasste Französischstunde zog sich wie Kaugummi, gefolgt von einer weiteren Arithmetik-Lektion, die ihre Kopfschmerzen nur noch verschlimmerte. Am späten Nachmittag, als die Sonne bereits tiefer stand und lange Schatten warf, suchte Annegret Zuflucht im weitläufigen Schulpark. Es war einer der wenigen Orte, wo man ein wenig Ruhe finden konnte, abseits der strengen Augen der Lehrer.

Sie wanderte ziellos zwischen den hohen Bäumen und dicht bewachsenen Büschen, der kieselige Weg knirschte unter ihren Schritten. Sie dachte über die Demütigung Ilses nach, die Ungerechtigkeit, die in diesem Internat an der Tagesordnung war. Ein Gefühl der Hilflosigkeit nagte an ihr.

Als sie sich einem besonders dichten Gebüsch näherte, hörte sie leise Stimmen. Ein Flüstern, das nicht nach gewöhnlichen Schülergesprächen klang. Neugierig, und vielleicht auch ein wenig getrieben von der Einsamkeit, schlich sie näher heran. Durch einen Spalt in den Blättern spähte sie hindurch.

Was sie sah, ließ ihr das Herz in die Hose rutschen.

Da, im Schutz der Bäume und Büsche, saßen Klothilde von Hohenzollern und ein Junge vom Knabenflügel. Es war Gottfried, ein gut aussehender, sportlicher Kerl, von dem gemunkelt wurde, er sei ein entfernter Verwandter Bismarcks. Sie saßen auf einer Decke, die dicht aneinandergeschmiegt. Gottfried hielt Klothildes Hand, seine andere Hand war in ihrer Bluse, während sie leise kicherte. Er beugte sich vor, und ihre Lippen trafen sich in einem langen, verbotenen Kuss. Jetzt sah Annegret auch, dass Klothildes Hand in Gottfrieds Hose steckte …

Annegret zog sich hastig zurück, ihr Herz pochte wie wild gegen ihre Rippen. Sie hatte etwas gesehen, das niemand sehen durfte. Klothildes großes Geheimnis. Und in diesem Moment, da die Wut über Ilses Erniedrigung und ihre eigene Machtlosigkeit in ihr hochkochte, keimte in Annegret ein gefährlicher Gedanke. Ein Gedanke an Rache.

Die nächsten Stunden verbrachte Annegret in einem fiebrigen Zustand. Der Anblick von Klothilde und Gottfried brannte sich in ihr Gedächtnis ein. Der Gedanke daran, dass Klothildes Brust von einem Jungen geliebkost worden war, und dass Klothilde - Klothilde! - es erfahren durfte, ihre Hand in die Hose eines Jungen zu stecken (was doch erst nach der Ehe erlaubt war, wenn überhaupt!) ließ sie vor Eifersucht und moralischer Entrüstung (in welcher Mischung, da war sie sich nicht so sicher) erschauern. Dann dachte sie an die Demütigung Ilses, den Spott, die unverdiente Bestrafung ihrer Freundin – all das nährte ihren Entschluss. Sie würde Klothilde bloßstellen, so wie Klothilde Ilse bloßgestellt hatte. Es war nur gerecht.

Am Abend, als die Lichter im Schlafsaal bereits erloschen waren und die anderen Mädchen schliefen, stahl sie sich davon. Sie suchte die Vertrauenslehrerin und Konrektorin, Frau Richter, auf. Die war auch gerade dabei, ins Bett zu gehen, und war nicht erfreut, Annegret zu sehen. Doch diese ließ sich nicht abwimmeln und beschrieb, was sie gesehen hatte: das Schäferstündchen im Park, die verbotene Zuneigung zwischen Klothilde und Gottfried. “Danke, Frau Lutz, für diese Informationen. Ich werde mich darum kümmern. Jetzt aber ins Bett!”

Die Stunden vergingen in quälender Langsamkeit. Annegret erwartete, dass Klothilde jeden Moment zur Rede gestellt würde, dass ein Skandal ausbräche. Doch nichts geschah. Klothilde saß in den Stunden wie immer da, ihr Lächeln unversehrt, ihr Blick triumphierend. Annegret begann, sich Sorgen zu machen. Hatte die Lehrerin denn nichts unternommen?

Am späten Nachmittag, kurz vor dem Abendessen, wurde Annegret von einer Aufsichtslehrerin in das Büro des Direktors zitiert. Ihr Herz sank. Sie wusste, dass etwas furchtbar schiefgelaufen war.

Direktor Hoffmann saß hinter seinem massiven Schreibtisch, sein Gesicht ein steinerner Ausdruck der Missbilligung. Frau Richter stand neben ihm, ihre Arme verschränkt, ihr Blick auf Annegret fixiert wie der eines Raubvogels. Und da war sie – Klothilde. Sie saß in einem Stuhl am Rande des Raumes, ihre Haltung makellos, ein Hauch von Arroganz in ihrem Blick.

„Annegret Lutz“, begann der Direktor, seine Stimme war kühl und schneidend. „Frau Richter sagt, dass sie schwerwiegende Anschuldigungen gegen Fräulein von Hohenzollern erhoben haben.“ Er zog die Augenbrauen hoch. “Sie haben ausgesagt, Sie hätten Fräulein von Hohenzollern und Herrn Gottfried im Park bei einem… unziemlichen Zusammentreffen beobachtet.“

Annegret nickte stumm, ihre Kehle war wie zugeschnürt. „Ja, Herr Direktor. Ich habe es gesehen.“

Frau Richter schnaubte leise. „Fräulein Lutz, Fräulein von Hohenzollern hat diese Anschuldigungen entschieden zurückgewiesen. Sie war zur fraglichen Zeit in der Bibliothek, um für ihre Lateinprüfung zu lernen, und kann dies durch mehrere Zeuginnen bestätigen.“

Annegret starrte Klothilde an. Klothilde lächelte süffisant, ein Lächeln, das Annegret das Blut in den Adern gefrieren ließ. Zeuginnen? Klothilde hatte alles vorbereitet, alles geleugnet. Annegret hatte keine Beweise, nur ihr Wort. Und ihr Wort zählte nichts gegen das einer von Hohenzollern und mehreren Zeuginnen, wenn diese auch die Busenfreundinnen Klothildes waren. 

„Es scheint, Annegret Lutz“, fuhr der Direktor fort, seine Stimme wurde lauter, „dass Sie nicht nur eine unentschuldbare Lüge verbreitet, sondern auch versucht haben, eine Mitschülerin zu diffamieren, die von untadeligem Ruf ist. Solche Verleumdungen untergraben die Moral unserer Anstalt und können nicht toleriert werden. Ein Exempel muss statuiert werden.“

Annegret versuchte zu protestieren, zu erklären, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Die Blicke des Direktors und der Lehrerin waren wie eiskalte Schläge. Sie war gefangen, ihre Rache hatte sich gegen sie selbst gewendet.

„Sie werden morgen früh, vor versammelter Schülerschaft, die Konsequenzen Ihrer Handlungen tragen“, verkündete der Direktor. „Eine öffentliche Züchtigung wird Ihnen die Bedeutung von Wahrheit und Anstand lehren.“

Annegret stolperte aus dem Büro, ihre Knie waren weich wie Pudding. Die Welt schien sich um sie zu drehen. Sie war nicht nur gescheitert, sie war nun die Angeklagte, die Lügnerin, die Bestrafte. Die Scham und die Angst waren überwältigend.

Sie fand Ilse im Schlafsaal mit einem Buch. Ilse sah Annegrets blasses Gesicht und die Tränen, die sich in ihren Augen sammelten. Ohne ein Wort zu sagen, legte Ilse ihr Buch weg, stand auf und nahm Annegret in den Arm. Es war eine stumme Umarmung, aber sie sprach Bände. Ilse wusste, was geschehen war. Sie war die Einzige, die Annegret glaubte. Und sie würde Annegret nicht allein lassen, als die Stunde der Strafe in der Aula des Internats näher rückte.

Die schwach beleuchtete Aula des Königlich-Kaiserlichen Internats Bad Godesberg roch nach Bohnerwachs und Angst. Jeder einzelne der über hundert Schüler saß stramm auf den harten Holzbänken, ihre Blicke, heimlich oder offen, auf die kleine Gestalt gerichtet, die in der Mitte des Ganges stand. Annegret. Ihr Atem stockte in ihrer Brust, ein kleiner, gefangener Vogel, der verzweifelt versuchte, zu entkommen. Das dünne Wollkleid ihrer Schuluniform klebte feucht an ihrem Rücken, obwohl die Fenster der großen Halle geschlossen waren. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, die Nägel gruben sich in die Handflächen. Sie spürte nicht den Schmerz, nur die brennende Scham, die ihr Gesicht rot färbte und sich heiß in ihren Ohren ausbreitete.

Ganz vorne, auf dem erhöhten Podium, stand Direktor Hoffmann. Seine Statur war imposant, sein Gesicht ein ausdrucksloser Block preußischer Autorität. Neben ihm, wie eine steinerne Statuette, Frau Richter, deren ehrlicher Blick Annegret noch vor wenigen Tagen dazu gebracht hatte, ihr das Geheimnis von Klothilde und Gottfried anzuvertrauen. Wie naiv sie gewesen war!

„Annegret Lutz“, donnerte die Stimme des Direktors durch die Stille, so laut, dass Annegret zusammenzuckte. „Sie haben es für angebracht befunden, grundlose und ehrverletzende Anschuldigungen gegen eine Ihrer Mitschülerinnen zu erheben. Anschuldigungen, die, wie sich gezeigt hat, völlig der Wahrheit entbehren.“

Ein leises Kichern huschte durch die Reihen der Mädchen auf der rechten Seite. Klothilde von Hohenzollern saß dort, die Haare zu einem makellosen Knoten gesteckt, ein triumphierendes Lächeln auf ihren vollen Lippen, das nur Annegret sehen sollte. Neben ihr schnalzte eine ihrer Freundinnen verächtlich mit der Zunge. Die Nichte des Kaisers schien keinen Schaden genommen zu haben, und Klothilde hatte es tatsächlich geschafft, die Geschichte umzudrehen.

Annegrets Blick suchte Halt. In der dritten Reihe, etwas abseits, entdeckte sie Ilse. Ilses von Akne gezeichnetes Gesicht war ernst, ihre Augen waren dunkel vor Sorge. Als ihre Blicke sich trafen, nickte Ilse ihr kaum merklich zu, ein winziges Zeichen der Solidarität, das Annegret wie ein warmer Strom durchfuhr. Es war der einzige Trost in diesem eisigen Raum.

Der Direktor fuhr fort, seine Worte waren Hammerschläge auf Annegrets ohnehin zerbrechliche Fassade. „Solche Verleumdungen untergraben die Moral unserer Anstalt und können nicht toleriert werden. Ein Exempel muss statuiert werden. Treten Sie vor!“

Annegrets Beine schienen zu Stein erstarrt zu sein, aber irgendwie bewegte sie sich, Schritt für Schritt, bis sie direkt vor dem Podium stand. Ihr Blick war auf den staubigen Boden geheftet. Sie hörte das leise Knistern von Stoff, als der Direktor einen langen, dünnen Rohrstock vom Podium nahm. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie fürchte, jeder in der Aula könnte es hören.

„Beugen Sie sich vor über das Pult!“, befahl der Direktor, seine Stimme nun tiefer und kälter.

Annegret zögerte. Der Gedanke an den Schmerz, die Scham, die Blicke all dieser Augen… Ein winziger Funke Trotz glühte in ihr auf, erstickte aber sofort im Angesicht der unnachgiebigen Autorität. Zitternd beugte sie sich über das schmale Holzpult, das eigens für solche Strafen bereitstand. Das feste Tuch ihrer Uniform spannte sich unbequem über ihr Gesäß - allerdings nicht lange, denn der Direktor hob den Saum ihres Rockes und legte ihr Gesäß frei, nur noch vom dünnen Leinenhöschen geschützt. Sie spürte, wie ihre Wangen glühten. Sie würde ihnen nicht die Genugtuung geben, zu weinen.

Sie hörte, wie der Stock sich hob, ein zischendes Geräusch, das die Stille zerriss. Der erste Hieb traf mit einem scharfen, peitschenden Knall auf ihr Gesäß. Ein stechender Schmerz schoss durch sie, ließ sie zusammenzucken und einen leisen Laut unterdrücken. Sie presste die Lippen aufeinander, um nicht aufzuschreien. Der Direktor wartete nicht, wieder hob sich der Stock. Wieder fiel er. Ein zweiter Knall, der Schmerz intensiver, brennend, gefolgt von einem stechenden Gefühl, das ihr die Luft raubte. Ihre Augen waren nun feucht, aber sie weigerte sich, zu weinen. Sie würde ihnen nicht die Genugtuung geben. Doch die Hitze, die sich in ihrem Gesäß ausbreitete, wurde unerträglich. Mit jedem Schlag schien nicht nur ihr Körper zu brennen, sondern auch ihre Würde zu zerfallen. Jeder Knall hallte in der Stille der Aula nach, ein Beweis ihrer Erniedrigung.

In der dritten Reihe ballte Ilse die Fäuste, ihr Gesicht war kreidebleich. Der Schmerz, den Annegret litt, fühlte sich an wie ihr eigener. Sie sah, wie Annegret versuchte, die Tränen zurückzuhalten, und ihr kleiner, fester Nicken wiederholte sich stumm.

Annegret und Ilse waren gedemütigt, aber nicht gebrochen. Ein Funke neuen Widerstands begann in Annegret zu glühen, genährt von der Wut über die Ungerechtigkeit und der unbeirrbaren Loyalität ihrer Freundin.


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