Novella
Birke Becker presents
5.0 (6)
Chapter 12 of 17
Frau Schmidt führte Annegret mit festem Griff vom Speisesaal weg. Die Musik und das Gelächter der Gäste verblassten hinter ihnen und wurden durch die kalte Stille der langen, steinernen Korridore ersetzt. Annegret fühlte nichts mehr. Der Schmerz ihres Körpers war zu einem dumpfen, allgegenwärtigen Pochen geworden, und ihre Seele hatte sich in einen eisigen Kokon zurückgezogen. Sie war ein Objekt, verkauft und nun auf dem Weg zur Auslieferung.
Sie wurde in ein großes Badezimmer gebracht, das mit dampfendem Wasser und dem Duft von Lavendelöl gefüllt war. Zwei junge Mägde, die kaum älter waren als sie, warteten bereits. Ihre Blicke waren eine Mischung aus Mitleid und Furcht. Sie wuschen Annegret, ihre Berührungen waren vorsichtig, fast ehrfürchtig, als sie die Striemen und blauen Flecken sahen. Das warme Wasser linderte den Schmerz ein wenig, aber es konnte die Wunden in ihrer Seele nicht heilen.
Nach dem Bad wurde sie in ein feines Nachthemd aus Seide gekleidet. Der Stoff fühlte sich fremd und kalt auf ihrer geschundenen Haut an. Frau Schmidt musterte sie mit einem prüfenden Blick. „Ihr seid bereit“, sagte sie emotionslos. „Folgt mir.“
Der Weg zu den Gemächern des Grafen führte in einen anderen Flügel der Burg, einen, den Annegret noch nicht gesehen hatte. Die Teppiche waren dicker, die Wandbehänge prächtiger. Alles hier schrie nach altem Geld und unangefochtener Macht. Frau Schmidt klopfte an eine schwere, doppelflügelige Tür aus dunklem Eichenholz.
„Herein“, ertönte die trockene, raschelnde Stimme des Grafen.
Frau Schmidt öffnete die Tür und schob Annegret sanft, aber bestimmt in den Raum. Dann schloss sie die Tür leise hinter ihr. Annegret war allein mit dem Mann, der sie gekauft hatte.
Das Zimmer war riesig und erdrückend. Schwere Samtvorhänge verdunkelten die Fenster, und das einzige Licht kam von einem knisternden Kaminfeuer und einigen wenigen Kerzen. Ein massives Himmelbett dominierte den Raum, seine Pfosten mit finsteren Gestalten geschnitzt. Der Graf von Hardenberg saß in einem schweren Ledersessel am Kamin. Er hatte seinen Anzug abgelegt und trug nun einen langen, dunkelroten Morgenmantel aus Seide. In seiner Hand hielt er ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit.
Er musterte sie einen langen Moment lang, seine kalten, grauen Augen schienen sie zu durchbohren. Er sagte nichts, sondern genoss die Stille, die Macht, die er über sie hatte. Annegret stand wie erstarrt da, das seidene Nachthemd klebte an ihrem zitternden Körper.
„Zieh das Hemd aus“, befahl er schließlich, seine Stimme ein leises, aber scharfes Kommando. Er benutzte nun das verächtliche "Du".
Annegret gehorchte mechanisch. Ihre Finger zitterten, als sie den feinen Seidenstoff ergriff und ihn über ihren Kopf zog. Er fiel lautlos auf den Teppich. Wieder stand sie nackt da, ihr geschundener Körper dem Blick des alten Mannes preisgegeben.
„Zum Bett“, sagte er und deutete mit einem Nicken auf das riesige Himmelbett. „Leg dich auf den Rücken. Die Beine gespreizt.“
Ein kalter Schauer lief Annegret über den Rücken, aber ihr Gesicht blieb eine Maske. Sie ging zum Bett, die weichen Laken fühlten sich kühl an unter ihrem gepeinigten Körper. Sie legte sich hin, wie er es befohlen hatte, und spreizte die Beine, eine Geste der totalen Unterwerfung, die ihr die letzte Würde zu rauben schien. Sie starrte an die Decke, auf die dunklen Holzbalken, und versuchte, ihren Geist von ihrem Körper zu trennen.
Der Graf stand langsam auf und kam zum Bett. Er stellte sich an die Seite und begann, sich ebenfalls zu entkleiden. Er löste den Gürtel seines Morgenmantels und ließ ihn zu Boden gleiten. Darunter trug er nichts. Sein Körper war alt, die Haut schlaff und von Altersflecken übersät. Annegret wandte den Blick nicht ab. Sie zwang sich, hinzusehen, sich jedes Detail einzuprägen. Dies war ihr Peiniger. Dies war das Gesicht, das sie in ihren Racheträumen sehen würde.
Er trat zwischen ihre gespreizten Beine, doch zu Annegrets Überraschung war seine Männlichkeit schlaff und unbeteiligt. Ein Anflug von Verärgerung huschte über das sonst so kontrollierte Gesicht des Grafen. Er schien mit diesem Problem nicht gerechnet zu haben.
Sein kalter Blick traf ihren. „Du wirst mir helfen“, zischte er, seine Stimme nun von einer kaum unterdrückten Wut gefärbt. „Du wirst dafür sorgen, dass ich mein Recht bekomme.“
Er packte ihre Hand und führte sie zu seinem schlaffen Glied. „Mach schon“, befahl er.
Annegrets Finger waren eiskalt und zitterten, als sie ihn berührte. Es war eine absurde, groteske Situation. Sie, das Opfer, sollte nun die Lust ihres Peinigers wecken. Ein bitteres, fast wahnsinniges Lächeln zuckte um ihre Lippen, doch sie unterdrückte es sofort. Sie tat, was er verlangte, ihre Bewegungen waren mechanisch, ungeschickt, ohne jede Leidenschaft. Ihr Geist war weit weg, in einer Festung aus Hass und Verachtung. Sie beobachtete sein Gesicht, die Anspannung in seinem Kiefer, die wachsende Frustration in seinen Augen, als sein Körper sich seinem Willen widersetzte.
„Mehr!“, knurrte er, seine Ungeduld wuchs. „Streng dich an, Mädchen, oder ich finde andere Wege, dich zu bestrafen!“
Annegret schloss die Augen und konzentrierte sich. Sie dachte an Klothilde, an den Prinzen, an all die Demütigungen. Und mit einer plötzlichen, kalten Entschlossenheit wusste sie, was sie zu tun hatte. Ihre Hand bewegte sich nun mit einer neuen, fast einstudierten Sicherheit. Sie würde ihm geben, was er wollte. Sie würde dieses Spiel mitspielen, um es zu überleben. Aber jeder Moment, jede Berührung, war ein weiterer Stein, den sie für das Fundament ihrer Rache legte.
Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, spürte sie, wie sich unter ihren Fingern eine Veränderung vollzog. Ein triumphierendes Grunzen entwich dem Grafen. Er hatte bekommen, was er wollte. Er stieß sie zurück auf die Kissen und beugte sich über sie.
Annegret spürte den Schmerz, als er in sie eindrang, aber ihr Geist war weit weg. Sie war nicht mehr in diesem Raum, nicht mehr in diesem Körper. Sie war an einem dunklen, kalten Ort in ihrer Seele, wo sie ihre Rache schmiedete. Sie zählte die Sekunden, die Minuten. Sie wartete darauf, dass es vorbei war.
Als er fertig war, stieg er ohne ein weiteres Wort von ihr herab. Er zog seinen Morgenmantel wieder an und ging zurück zu seinem Sessel am Kamin, als wäre nichts geschehen. Er nahm sein Glas und trank.
Annegret lag regungslos auf dem Bett, die Tränen brannten in ihren Augen. Sie fühlte sich beschmutzt, zerbrochen, aber nicht besiegt.
„Ihr könnt gehen“, sagte der Graf, ohne sie anzusehen. „Frau Schmidt wird Euch zu Eurem Zimmer bringen. Morgen früh beginnt Eure Arbeit wie gewohnt.“
Annegret richtete sich mühsam auf. Ihr Körper schmerzte, und zwischen ihren Beinen spürte sie ein feuchtes, klebriges Gefühl. Sie griff nach dem seidenen Nachthemd, das auf dem Boden lag, und zog es wieder an. Sie warf dem Grafen einen letzten, langen Blick zu. Sein Gesicht war im Schatten verborgen, aber sie würde es nie wieder vergessen.
Als sie die Tür öffnete, wartete Frau Schmidt bereits im Korridor. Ihr Gesicht war wie immer eine unbewegte Maske. Sie führte Annegret schweigend zurück in ihr kleines Zimmer.
In dieser Nacht, als Annegret allein in der Dunkelheit lag, weinte sie nicht. Der Schmerz war zu tief für Tränen. Stattdessen fühlte sie, wie sich in ihr etwas veränderte. Das verängstigte Mädchen aus dem Internat war gestorben. An ihrer Stelle war eine Frau geboren, eine Frau aus Eis und Feuer, deren einziges Ziel es war, zu überleben und Rache zu nehmen. Der Monat war bald vorbei. Und die Zeit der Abrechnung würde kommen.
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