Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs - Chapter 17 | Fet Library

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Birke Becker presents

Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs

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Chapter 17 of 17

Chapter 17

Der Winter wich einem zögerlichen, nassen Frühling, und mit ihm kehrte Annegret wie ein Geist aus einer anderen Welt in das Leben ihrer Eltern zurück. Sie fanden sie eines Morgens auf der Türschwelle, abgemagert, mit leeren Augen und in Lumpen gehüllt. Die Wiedersehensfreude war ekstatisch und tränenreich. Für ihre Eltern war ein Wunder geschehen: Ihre geliebte Tochter war, wie sie glaubten, wegen guter Führung vorzeitig aus dem Zuchthaus entlassen worden.

Annegret widersprach nicht. Sie ließ sie in dem Glauben, ließ sich baden, füttern und in saubere Kleider stecken. Sie war zu Hause, umgeben von der vertrauten Wärme der elterlichen Wohnung, dem Geruch von Apfelkuchen und Bohnerwachs. Und doch war sie unendlich weit entfernt. Sie saß stundenlang stumm in ihrem alten Zimmer und starrte aus dem Fenster, unfähig, die einfache, unschuldige Freude ihrer Umgebung zu empfinden. Die Burg brannte noch immer in ihrem Gedächtnis, die Schreie waren ein ewiges Echo in der Stille ihres Herzens. Sie war eine leere Hülle, deren Seele auf einem Hügel im Schnee geblieben war, umgeben von der Asche ihrer Rache.

Diese surreale, zerbrechliche Idylle dauerte drei Wochen.

Dann, an einem regnerischen Dienstagnachmittag, klopfte es an der Tür. Es waren nicht die Nachbarn. Zwei Männer in dunklen Mänteln und steifen Hüten standen auf dem Treppenabsatz. Einer von ihnen zeigte eine Marke vor. Kriminalpolizei.

„Annegret Lutz?“, fragte der ältere Kommissar, seine Stimme war sachlich, aber nicht unfreundlich.

Annegrets Mutter trat schützend vor sie. „Was wollen Sie von meiner Tochter? Sie hat ihre Strafe verbüßt!“

„Wir fürchten, es liegt ein Missverständnis vor, gnädige Frau“, sagte der Kommissar. „Fräulein Lutz wurde nie in ein Zuchthaus eingeliefert. Wir verhaften sie unter dem dringenden Tatverdacht des fünfundsechzigfachen Mordes und der schweren Brandstiftung, begangen auf Burg Hohenzollern.“

Die Welt von Annegrets Eltern brach zum zweiten Mal zusammen. Die Anschuldigung war so monströs, so unfassbar, dass sie sie zunächst nicht begreifen konnten. Erst als der Kommissar den Namen des einzigen Überlebenden nannte, der sie schwer belastete – ein junger Graf Kaspar, den man schwer betrunken, aber lebendig aus dem gefrorenen Burggraben gezogen hatte –, verstanden sie, dass dies kein Irrtum war.

Annegret zeigte keine Regung. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen konnte. Sie streckte ihre Hände für die Fesseln aus, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.

Der Prozess wurde zu einem nationalen Skandal. Die Zeitungen waren voll davon. Annegret wurde zum „Racheengel von Hohenzollern“, zur „gepeinigten Mörderin“. Die Öffentlichkeit war gespalten. Die Geschichte ihrer monatelangen Folter, die durch die schamlose Aussage des Grafen Kaspar und die heimlich weitergegebenen Gerüchte ehemaliger Diener ans Licht kam, erregte tiefes Mitleid und Abscheu gegen den dekadenten Adel. Petitionen wurden eingereicht, Leitartikel geschrieben. Das einfache Volk sah in ihr eine von ihnen, die auf die denkbar schrecklichste Weise zurückgeschlagen hatte.

Doch vor dem kaiserlichen Schwurgericht zählte Mitleid nicht. Das Gesetz war klar, unbarmherzig und auf den Schutz der bestehenden Ordnung ausgelegt. Ihre Eltern hatten ihr Erspartes zusammengekratzt, um einen Anwalt zu engagieren, einen ehrbaren, aber mittelmäßigen Juristen, der mit der Wucht des Falles sichtlich überfordert war.

Er tat sein Bestes. Er rief Ilse in den Zeugenstand, die unter Tränen von der fröhlichen, lebenslustigen Freundin erzählte, die Annegret einmal gewesen war. Er ließ die Eltern von der unversehrten Seele ihres Kindes berichten. Er versuchte, ein Bild von unerträglichem Leid zu malen, von einer Notwehr der Seele.

Es war vergeblich. Der Staatsanwalt, ein scharfer, ehrgeiziger Mann mit einem Monokel, zerlegte die Verteidigung mit kalter Präzision.

„Die Angeklagte hat nicht in einem Anfall von Panik gehandelt“, donnerte er durch den Gerichtssaal. „Sie hat nicht im Affekt getötet, um einen gegenwärtigen Angriff abzuwehren. Nein, meine Herren Richter, meine Herren Geschworenen! Sie hat mit kalter, teuflischer Überlegung geplant. Sie hat Öl und Schnaps gesammelt. Sie hat die Türen verriegelt, um sicherzustellen, dass niemand, nicht einmal die unschuldigen Mägde und Diener, entkommen konnte. Sie hat Feuer an mehreren Stellen gelegt, um ein Inferno zu schaffen. Dies ist nicht die Tat eines Opfers. Dies ist die Tat eines Monsters. Dies ist Mord, wie er im § 211 des Reichsstrafgesetzbuches definiert ist. Fünfundsechzigfacher Mord.“

Annegret saß während des gesamten Prozesses regungslos auf der Anklagebank. Sie sprach kein einziges Wort. Ihr Gesicht war eine leere Leinwand, auf die jeder im Saal seine eigenen Ängste, sein Mitleid oder seine Verurteilung projizieren konnte. Sie war nur noch Körper, der auf das unausweichliche Ende wartete.

Der Tag der Urteilsverkündung war gekommen. Der Gerichtssaal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Ilse und Annegrets Eltern saßen in der ersten Reihe, ihre Gesichter waren von Trauer und Angst gezeichnet. Als die Geschworenen hereinkamen, vermied ihr Obmann den Blickkontakt mit der Anklagebank. Ein untrügliches Zeichen.

Der vorsitzende Richter erhob sich. Die Stille im Saal war absolut.

„Im Namen Seiner Majestät, des Kaisers“, begann er mit dröhnender Stimme, „ergeht folgendes Urteil: In der Strafsache gegen Annegret Lutz wird die Angeklagte des fünfundsechzigfachen Mordes in Tateinheit mit schwerer Brandstiftung für schuldig befunden.“

Ein erstickter Schrei kam von Annegrets Mutter. Ihr Vater stützte sie, sein eigenes Gesicht eine Maske des Schmerzes.

„Das Gesetz“, fuhr der Richter unerbittlich fort, „schreibt für das Verbrechen des Mordes zwingend die Todesstrafe vor. Das Gericht hat keinen Ermessensspielraum. Daher wird die Angeklagte Annegret Lutz zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung wird durch das Fallbeil vollzogen. Möge Gott ihrer sündigen Seele gnädig sein.“

Der Hammer fiel. Das Urteil war gesprochen. Die Tragödie hatte ihren letzten Akt erreicht.

Die letzten Tage verbrachte Annegret in einer Todeszelle des Zentralgefängnisses. Sie lehnte den Besuch eines Priesters ab. Welchen Gott hätte sie anbeten sollen? Der Gott der Hohenzollern war in den Flammen umgekommen, und ihr eigener war in der Dunkelheit der Burg gestorben.

Am Morgen ihrer Hinrichtung wurde sie früh geweckt. Der Himmel war grau und verhangen. Sie wurde in ein einfaches, weißes Hemd gekleidet. Zwei Wärter führten sie aus ihrer Zelle, durch lange, stille Gänge, hinaus in einen kleinen, von hohen Mauern umschlossenen Innenhof.

Dort stand es. Das Fallbeil. Es war höher, als sie es sich vorgestellt hatte, eine düstere, hölzerne Konstruktion, die sich gegen den grauen Himmel abzeichnete. Die Klinge, ein breites, schräges Stück Stahl, blitzte selbst im fahlen Morgenlicht unheilvoll. Darunter wartete ein Korb, der mit Sägemehl gefüllt war.

Eine kleine Gruppe von Männern war als Zeugen anwesend: der Richter, der Staatsanwalt, ein Arzt und der Gefängnisdirektor. Sie standen mit ernsten Gesichtern und steifen Hüten da.

Annegret spürte keine Angst mehr. Sie war jenseits der Angst. Sie fühlte eine seltsame, letzte Klarheit. Sie dachte an den Moment zurück, als sie auf dem Hügel gestanden und zugesehen hatte, wie die Burg brannte. Das war ihr Urteil gewesen. Dies hier war nur noch eine verwaltungstechnische Formalität.

Der Scharfrichter und seine Gehilfen, Männer in schwarzen Anzügen, traten vor. Sie arbeiteten schnell und ohne ein Wort. Man führte sie zu einem schrägen Brett, das an der Maschine befestigt war. Ihre Hände wurden auf dem Rücken gefesselt. Man schnallte ihren Körper an das Brett.

Ihre letzten Gedanken galten weder dem Himmel noch der Hölle. Sie dachte an den Duft von frisch gemähtem Gras an einem Sommertag. An das Gefühl von Ilsens Hand in ihrer. An das Gesicht ihrer Mutter, bevor das alles begonnen hatte. Ein kurzes, schmerzhaftes Aufflackern einer Welt, die unwiederbringlich verloren war.

Das Brett kippte nach vorne. Ihr Kopf wurde in die halbmondförmige Aussparung gelegt, die Lunette. Ein hölzerner Riegel schloss sich über ihrem Nacken und hielt sie fest. Ihr Blick war auf die groben, feuchten Pflastersteine des Hofes gerichtet.

Sie hörte das leise, quietschende Geräusch eines Seils, das über eine Rolle gezogen wurde.

Sie hörte das scharfe, klickende Geräusch, als der Haltemechanismus gelöst wurde.

Sie hörte ein kurzes, pfeifendes Zischen, das schneller war als ein Gedanke.

Dann hörte sie nichts mehr.

Fin.


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