Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs - Chapter 13 | Fet Library

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Birke Becker presents

Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs

5.0 (6)

Extreme
Heavy
Light

Chapter 13 of 17

Chapter 13

Die Nacht in dem kleinen, kalten Zimmer war keine Flucht, sondern eine Fortsetzung der Qual. Der Schlaf, der Annegret schließlich wie ein schweres, erstickendes Tuch überfiel, war kein Hafen der Ruhe, sondern ein Meer aus albtraumhaften Schemen. Sie sah das Gesicht des Grafen, seine kalten, emotionslosen Augen, die sie musterten, als wäre sie ein lebloses Objekt. Sie spürte die phantomhaften Berührungen, das Gewicht seines alten Körpers und den brennenden Schmerz der Demütigung, der tiefer saß als jede Wunde, die ein Rohrstock oder eine Peitsche je hätte schlagen können. Der Schmerz der Haut war vergänglich, er wurde zu blauen Flecken, dann zu gelben und verblasste schließlich. Doch die Befleckung der Seele, die war für die Ewigkeit.

Als das erste graue Morgenlicht durch das hochgelegene Fenster sickerte, war Annegret bereits wach. Sie lag regungslos auf der dünnen Matratze, die Augen weit geöffnet, und starrte auf die rissige Decke. Ihr Körper war ein einziges, dumpfes Schmerzkonglomerat. Ein stechender Schmerz zwischen ihren Beinen, ein brennender Schmerz auf ihrer Haut, ein ziehender Schmerz in ihren Gelenken von der Streckbank. Doch all das war seltsam fern. Es war, als würde sie ihren eigenen Körper von einer großen, kalten Distanz aus betrachten. Der Schmerz war eine Tatsache, wie die Steine der Mauern oder die Kälte des Bodens, aber er erreichte nicht mehr den Kern ihres Wesens. Dieser Kern war in der vergangenen Nacht gestorben und durch etwas anderes ersetzt worden. Etwas Hartes, Kaltes, Unzerbrechliches. Etwas, das Hass atmete wie andere Luft.

Sie bewegte sich nicht, als die Tür ohne anzuklopfen aufgestoßen wurde. Frau Schmidt trat ein, eine dunkle, strenge Silhouette gegen das fahle Licht des Korridors. Ihr Gesicht war wie immer eine Maske aus unbewegter Disziplin, doch Annegret glaubte, in ihren Augen ein neues Glimmen zu erkennen. Es war nicht Neugier, nicht Mitleid. Es war die kühle, professionelle Befriedigung einer Handwerkerin, die ihr Werkzeug für den nächsten, entscheidenden Schritt vorbereitet.

„Steht auf, Fräulein Lutz“, sagte die Hausdame. Ihre Stimme war so scharf und klar wie das Geräusch von brechendem Eis. „Seine Hoheit, der Prinz, wünscht Euch unverzüglich zu sprechen. Kleidet Euch an.“

Sie warf ein Bündel Stoff auf den Boden. Es war wieder das grobe, graue Leinengewand. Annegret rührte sich nicht. Sie starrte weiter an die Decke.

„Hört Ihr schlecht?“, fragte Frau Schmidt, und nun war ein Hauch von Ungeduld in ihrer Stimme. „Der Prinz wartet nicht gern.“

Langsam, Glied für Glied, als würde sie einen fremden Körper befehligen, setzte Annegret sich auf. Sie ignorierte den Schmerz, der durch ihren geschundenen Leib schoss. Sie stand auf, ihre nackten Füße spürten die eisige Kälte der Steinplatten. Sie blickte Frau Schmidt direkt in die Augen. Ihr Blick war leer, aber fest. Es war der Blick einer Person, die nichts mehr zu verlieren hatte und dies auch wusste. Für einen Sekundenbruchteil schien die unerschütterliche Fassade der Hausdame zu wanken. Sie hatte ein verängstigtes, weinendes Mädchen erwartet, nicht diese kalte, stille Statue des Widerstands.

Annegret bückte sich, nahm das Gewand und zog es an. Der raue Stoff kratzte auf den frischen Striemen, doch ihr Gesicht verzog sich nicht. Sie war bereit.

Der Weg zu den Gemächern des Prinzen war ein langer, schweigender Marsch durch das Herz der Burg. Sie verließen die kargen Dienstbotenflügel und betraten die prunkvollen Korridore des herrschaftlichen Bereichs. Jeder Schritt auf den dicken, persischen Teppichen schien das Klappern von Annegrets nicht vorhandenen Holzschuhen zu verspotten. Ölgemälde von streng blickenden Ahnen in Rüstungen und Seidenkleidern starrten von den Wänden auf sie herab, ihre gemalten Augen voller Verachtung für die geringe Kreatur, die es wagte, durch ihre heiligen Hallen zu schreiten. Frau Schmidt ging mit schnellen, gemessenen Schritten voran, ihr Rücken steif und gerade. Annegret folgte ihr, ein grauer Schatten in einer Welt aus Gold und Purpur. Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Warum wollte der Prinz sie sehen? Die Antwort lag auf der Hand. Der Graf. Der alte Mann war unzufrieden gewesen. Eine kalte, bittere Ironie durchfuhr sie. Sie war nicht nur verkauft worden, sie hatte auch noch eine mangelhafte Leistung erbracht. Der Kunde beschwerte sich.

Sie erreichten eine massive, doppelflügelige Tür aus poliertem Mahagoni, flankiert von zwei steinernen Löwen. Frau Schmidt klopfte respektvoll, aber bestimmt.

„Herein!“, donnerte eine Stimme von drinnen. Es klang wie das Grollen eines herannahenden Gewitters.

Frau Schmidt öffnete die Tür und trat zur Seite. Mit einer unmissverständlichen Geste wies sie Annegret an, einzutreten. Annegret hob den Kopf, atmete einmal tief durch und trat über die Schwelle.

Das Arbeitszimmer des Prinzen war ein Schrein männlicher Macht und aristokratischer Arroganz. Der Raum war riesig, die Wände waren mit dunklem, fast schwarzem Holz vertäfelt und von Bücherregalen gesäumt, die bis zur hohen Decke reichten. Die Bücher sahen aus, als wären sie seit Jahrhunderten nicht mehr berührt worden. Ein penetranter Geruch von altem Leder, Zigarrenrauch und Möbelpolitur hing in der Luft. An den Wänden hingen die Köpfe von erlegten Tieren: ein Elch mit einem gewaltigen Geweih, ein grimmig dreinblickender Keiler, dessen Hauer bedrohlich blitzten, und sogar ein Bär, dessen gläserne Augen Annegret anzustarren schienen.

In der Mitte des Raumes stand ein Schreibtisch, so groß wie ein kleines Boot, aus demselben dunklen Holz wie die Wände. Und hinter diesem Schreibtisch saß der Prinz.

Er war ein Mann in den besten Jahren, vielleicht Anfang fünfzig, mit einem kräftigen Körperbau, der durch einen tadellos sitzenden Reitanzug noch betont wurde. Sein Haar war bereits ergraut, aber voll, sein Gesicht gerötet, entweder von zu viel Wein oder von ständiger Wut. In diesem Moment war es eindeutig die Wut. Seine blauen Augen, normalerweise von einer kühlen Arroganz erfüllt, blitzten nun gefährlich. Er trommelte mit den Fingern einer Hand auf die polierte Tischplatte, während die andere ein halb gerauchte Zigarre hielt, von der eine dünne Rauchsäule aufstieg.

Frau Schmidt trat hinter Annegret und schloss leise die Tür. Sie blieb wie ein Wachposten an der Tür stehen, ihre Anwesenheit eine stille Drohung.

Der Prinz sagte zunächst nichts. Er ließ die Stille wirken, ließ Annegret in der Mitte des Raumes stehen wie eine Angeklagte vor dem Tribunal. Er musterte sie von Kopf bis Fuß, sein Blick war eine Mischung aus Abscheu und Verärgerung. Schließlich nahm er einen tiefen Zug von seiner Zigarre und blies den Rauch langsam aus.

„Fräulein Lutz“, begann er, seine Stimme war trügerisch ruhig, doch unter der Oberfläche brodelte ein Vulkan. „Wir hatten eine Übereinkunft. Eine sehr einfache, wie Ich fand. Wir erlassen Euch die gerechte Strafe des Zuchthauses, und im Gegenzug erweist Ihr Euch als gelehrig und erfüllt die Euch aufgetragene Pflicht zur Wiederherstellung der Ehre Meines Hauses. Ist das soweit korrekt?“

„Ja, Euer Hoheit“, flüsterte Annegret, ihre Stimme war kaum hörbar.

„Ja, Euer Hoheit“, äffte der Prinz sie nach, und seine Stimme schwoll plötzlich zu einem wütenden Brüllen an, das die Tierköpfe an der Wand erzittern zu lassen schien. „Sprecht lauter, Mädchen! Habt Ihr die Zunge verloren?“

„Ja, Euer Hoheit“, sagte Annegret lauter, ihre Stimme zitterte leicht, aber sie hielt seinem Blick stand.

„Gut“, sagte der Prinz und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Das Leder knarrte unter seinem Gewicht. „Dann erklärt Mir, warum Ich heute Morgen die unerfreuliche Notwendigkeit hatte, einen Meiner geschätztesten Gäste, den Grafen von Hardenberg, zu empfangen, der sich in den höchsten Tönen über die… Qualität der Ware beschwert hat, die Ich ihm gestern Abend zukommen ließ!“

Er spuckte die Worte förmlich aus. „Ware! Das seid Ihr! Eine Ware, für die der Graf die außerordentliche Summe von zweitausend Reichsmark entrichtet hat! Zweitausend! Und was bekommt er dafür? Nichts! Absolut nichts!“

Er sprang auf, seine Fäuste schlugen auf den Schreibtisch, dass ein silberner Brieföffner klirrend zu Boden fiel. Frau Schmidt zuckte nicht einmal mit der Wimper.

„Der Graf ist ein Mann von Welt! Ein Kenner! Er erwartet für sein Geld eine gewisse… Gegenleistung! Eine gewisse… Begeisterung! Und was habt Ihr ihm geboten?“ Er machte eine verächtliche Geste in ihre Richtung. „Ich zitiere den Herrn Grafen: ‚Sie lag da wie eine Schaufensterpuppe! Eine Puppe aus Wachs, kalt und unbelebt!‘“

Er schritt um den Schreibtisch herum und baute sich vor Annegret auf. Er war einen ganzen Kopf größer als sie, und sein Schatten fiel auf sie wie der eines Raubvogels. Der Geruch von Zigarren und Wut war überwältigend.

„Habt Ihr eine Ahnung, welche Schande das für Mich ist? Für Mein Haus? Ich veranstalte eine Auktion, Ich preise die Exklusivität an, und dann liefert das Auktionsgut eine derart erbärmliche Vorstellung! Der Graf verlangt sein Geld zurück! Und er verlangt Genugtuung! Er fühlt sich betrogen und verspottet! Und das alles wegen Eurer unverschämten, starrsinnigen Arroganz!“

Er packte sie am Kinn und zwang ihren Kopf nach oben, sodass sie ihm direkt in die funkelnden Augen sehen musste. Sein Griff war wie eine eiserne Zange.

„Also, sprecht! Was habt Ihr dazu zu sagen, Mädchen? Was ist Eure Entschuldigung für dieses klägliche Versagen?“

Annegret starrte ihn an. In ihrem Inneren war ein Strudel aus Emotionen. Hass, so rein und kalt, dass er fast schmerzte. Eine absurde, hysterische Komik über die Situation – sie wurde zur Rede gestellt, weil sie sich bei ihrer eigenen Vergewaltigung nicht genug Mühe gegeben hatte. Und darunter, zum ersten Mal, ein Gefühl von Macht. Denn sie verstand. Sie verstand die Regeln dieses grausamen Spiels. Es ging nicht um Gerechtigkeit, nicht um Moral. Es ging um verletzten Stolz. Um Geld. Um Ansehen. Und sie war die Figur auf dem Brett, die all das durcheinandergebracht hatte.

„Euer Hoheit“, sagte sie, und zu ihrer eigenen Überraschung klang ihre Stimme fest und klar, ohne das geringste Zittern. „Ich habe keine Entschuldigung.“

Der Prinz runzelte die Stirn, überrascht von ihrer Antwort. Er hatte Flehen erwartet, Tränen, Ausreden.

„Keine Entschuldigung?“, wiederholte er langsam und ließ ihr Kinn los.

„Nein, Euer Hoheit“, fuhr Annegret fort und rieb sich unauffällig die schmerzende Stelle. „Der Herr Graf hat recht. Ich war nicht… entgegenkommend. Es war mein Stolz, der mir im Wege stand. Ein Fehler, den ich zutiefst bedauere, da er Euer Hoheit solche Unannehmlichkeiten bereitet hat.“

Sie senkte den Blick in gespielter Demut, während ihr Gehirn fieberhaft arbeitete. Sie wusste, dass dies der entscheidende Moment war.

Der Prinz starrte sie an, sichtlich verblüfft. Er schien nicht zu wissen, was er von dieser unerwarteten Einsicht halten sollte. Er ging langsam zurück zu seinem Schreibtisch und setzte sich wieder. Er nahm seine Zigarre, die beinahe erloschen war, und zündete sie umständlich wieder an. Die Stille im Raum war zum Zerreißen gespannt.

„Stolz“, sagte er schließlich und blies eine nachdenkliche Rauchwolke in die Luft. „Ihr gebt also zu, dass es Euer Stolz war. Eure Uneinsichtigkeit. Euer Unwille, Euch der Situation zu fügen, wie es Eure Pflicht gewesen wäre.“

„Ja, Euer Hoheit.“

„Nun gut“, sagte der Prinz, und ein kaltes, grausames Lächeln umspielte seine Lippen. Er hatte die Kontrolle wiedergefunden. „Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Aber Einsicht allein genügt nicht. Auf ein solches Versagen muss eine angemessene Strafe folgen. Eine Strafe, die nicht nur Euren Körper züchtigt, sondern vor allem diesen unangebrachten Stolz bricht, ein für alle Mal. Eine Strafe, die dem Grafen Genugtuung verschafft und Mir die Gewissheit gibt, dass Ihr Eure Lektion gelernt habt.“

Er lehnte sich vor, die Ellenbogen auf den Schreibtisch gestützt, die Finger ineinander verschränkt. Seine Augen fixierten sie.

„Und hier, Fräulein Lutz, wird es interessant. Ich habe Mir bereits eine Strafe für Euch ausgedacht. Eine sehr… kreative Strafe, wie Ich finde. Ich habe sie Frau Schmidt bereits mitgeteilt.“ Er nickte in Richtung der Hausdame, deren Gesicht unbewegt blieb. „Doch Ich möchte Euch eine Chance geben. Eine Chance, Eure neu gefundene Einsicht unter Beweis zu stellen.“

„Ihr werdet Mir jetzt einen Vorschlag für Eure eigene Bestrafung machen. Ihr werdet Mir darlegen, wie Ihr selbst glaubt, für Euer Versagen am besten bestraft werden zu können. Bedenkt dabei das Vergehen: die Beleidigung Meines Gastes, die Schande für Mein Haus und vor allem – Euren unnachgiebigen Stolz.“

Sein Lächeln wurde breiter, raubtierhaft. „Und hier ist die Bedingung: Sollte Euer Vorschlag in Meinen Augen zu milde sein, eine feige Ausflucht, um einer gerechten Strafe zu entgehen, so wird die Strafe, die Ich Mir ausgedacht habe, verdoppelt. Ihr versteht? Ver-dopp-elt.“ Er sprach das Wort langsam, Silbe für Silbe, und genoss die Wirkung. „Sollte Euer Vorschlag jedoch… angemessen sein, von einer gewissen Härte und Originalität zeugen, die dem Vergehen entspricht, so werde Ich auf meine Strafe verzichten. Sie wird Euch erlassen, und Ihr werdet stattdessen die Strafe erdulden, die Ihr Euch selbst auferlegt habt.“

Er lehnte sich zurück. „Also, Fräulein Lutz. Ich bin ganz Ohr. Überrascht Mich. Wie gedenkt Ihr, Euren Stolz zu brechen? Macht Euren Vorschlag.“

Die Welt schien stillzustehen. Annegret spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Dies war eine Falle, eine teuflische, psychologische Folter, perfider als jede Streckbank. Sie sollte ihre eigene Hölle entwerfen, mit der vagen Hoffnung, einer noch schlimmeren zu entgehen. Jede Faser ihres Körpers schrie danach, die mildeste vorstellbare Strafe zu erbitten – ein paar zusätzliche Schläge, einen Tag ohne Essen. Doch sie wusste, das wäre ihr Untergang. Das wäre der Beweis für den Stolz und die Feigheit, die er ihr unterstellte, und würde eine unvorstellbare Verdopplung seiner geheimen Strafe nach sich ziehen.

Sie musste denken. Nicht wie ein Opfer. Sie musste denken wie er. Was wollte er hören? Was würde ihn beeindrucken, was würde seine sadistische Ader befriedigen und gleichzeitig als "gerecht" in seiner perversen Welt gelten?

Ihr Blick wanderte durch den Raum, über die toten Tierköpfe, die stummen Bücher, das Gesicht der unbewegten Frau Schmidt. Sie war die Hüterin des Geheimnisses. Was konnte es sein? Was hatte sich dieser Mann ausgedacht? Es musste etwas Theatralisches sein, etwas, das seine Macht zur Schau stellte. Etwas, das über bloßen Schmerz hinausging. Vielleicht eine Brandmarkung? Die Vorstellung ließ sie innerlich erbeben. Oder eine öffentliche Zurschaustellung von noch nie dagewesenem Ausmaß?

Die Verdopplung. Was konnte man verdoppeln? Die Anzahl der Schläge? Die Dauer einer Qual? Die Tiefe einer Demütigung?

Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, ihren rasenden Puls zu kontrollieren. Sie musste die Elemente analysieren.

Erstens, das Vergehen: Passivität. Das "Daliegen wie eine Schaufensterpuppe". Ihre Strafe durfte also nicht passiv sein. Sie einfach nur an einen Pranger zu stellen, wäre eine Wiederholung des Fehlers. Sie musste eine aktive Rolle in ihrer eigenen Bestrafung spielen.

Zweitens, das Ziel: Den Stolz brechen. Die Strafe musste also zutiefst demütigend sein. Nacktheit war bereits ein zentrales Element. Das musste beibehalten, vielleicht sogar gesteigert werden.

Drittens, der Adressat der Genugtuung: Der Graf. Die Strafe musste also einen Bezug zu seinem Ärger haben. Sie musste zeigen, dass Annegret nicht länger eine "kalte Puppe" war.

Ihr kam eine Idee. Ein schrecklicher, entsetzlicher Gedanke, der in den dunkelsten Winkeln ihres geschundenen Geistes geboren wurde. Es war ein ungeheures Risiko. Aber es war logisch. Es war grausam. Es war genau die Art von perverser Poesie, die diesem Mann gefallen könnte.

Sie atmete tief durch. Sie hob den Kopf und blickte den Prinzen direkt an.

„Euer Hoheit“, begann sie mit fester Stimme. „Mein Vergehen war es, ein lebloses Objekt zu sein, eine Puppe ohne Willen und Gefühl. Mithin kann die Strafe nicht darin bestehen, mich erneut zu einem passiven Objekt zu machen, das Schläge empfängt. Das würde die Lektion nicht lehren.“

Der Prinz hob eine Augenbraue. Ein Anflug von Interesse zeigte sich in seinem Blick.

„Mein Stolz manifestierte sich in meiner Unbeweglichkeit“, fuhr sie fort, ihre Worte sorgfältig wählend, als würde sie auf einem Minenfeld wandeln. „Daher muss die Strafe Bewegung und Ausdauer erfordern. Mein Vergehen war die Stille. Daher muss die Strafe die Möglichkeit des Schreis beinhalten, der jedoch durch Disziplin unterdrückt werden muss.“

Sie machte eine kurze Pause und sammelte all ihren Mut für den letzten, entscheidenden Teil ihres Vorschlags.

„Ich schlage daher folgendes vor, Euer Hoheit. Eine Lektion, die ich ‚Die Lebende Statue‘ nennen möchte.“

Der Name allein schien dem Prinzen zu gefallen. Ein dünnes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Fahrt fort.“

„Für die Dauer eines ganzen Tages, vom Mittagsläuten bis zum Abendläuten, werde ich nackt auf einem Podest im großen Säulengang aufgestellt, durch den die Dienerschaft und, so Euer Hoheit es wünschen, auch Eure Gäste gehen.“

Das war die Demütigung. Öffentlich, langanhaltend.

„Ich werde dort nicht einfach nur stehen. Ich werde in meinen ausgestreckten Händen einen Rohrstock halten. Den schwersten, den Frau Schmidt finden kann.“

Das war die Ausdauer, die Anspielung auf die Bestrafung.

„Meine Haltung muss aufrecht und unbeweglich sein, wie die einer Statue. Die Arme dürfen nicht sinken. Mein Blick muss geradeaus gerichtet sein.“

Das war die Disziplin.

„Und hierin liegt die eigentliche Prüfung meines Willens, Euer Hoheit. Frau Schmidt wird neben dem Podest Wache halten, mit einer neunschwänzigen Katze. Für jedes Mal, dass meine Arme merklich sinken, für jedes Mal, dass meine Haltung nachlässt oder ich ein Wort spreche, wird sie mir ohne Vorwarnung einen Hieb mit der Peitsche über den Rücken, die Schenkel oder das Gesäß geben. Die Anzahl der Hiebe ist nicht begrenzt. Sie hängt allein von meiner Fähigkeit ab, den Schmerz der Haltung zu ertragen und die Disziplin zu wahren.“

Sie schloss ihre Augen für einen Moment. Das war es. Es war eine Folter von unvorstellbarer Dauer und Grausamkeit. Der Schmerz der ausgestreckten Arme, die einen schweren Gegenstand halten, würde nach kurzer Zeit unerträglich werden. Die Schläge der Peitsche würden diesen Schmerz nicht lindern, sondern nur neue Qualen hinzufügen. Und all das unter den Blicken unzähliger Menschen. Es war eine perfekte, sich selbst erhaltende Maschine der Qual, die direkt auf ihr "Vergehen" abzielte.

Sie öffnete die Augen wieder. „Auf diese Weise, Euer Hoheit, werde ich gezwungen, aktiv gegen meinen eigenen Körper zu kämpfen. Mein Stolz wird durch die öffentliche Zurschaustellung und die unweigerlichen Schläge gebrochen. Und der Herr Graf von Hardenberg, sollte er Zeuge dieser Darbietung werden, wird sehen, dass ich keine kalte Puppe bin, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der fähig ist, eine Lektion unter größtem Schmerz zu lernen. Das ist mein Vorschlag.“

Sie hatte alles gesagt. Es herrschte eine Totenstille im Raum. Selbst die Zigarre in der Hand des Prinzen war erstarrt. Annegret spürte, wie Schweiß ihren Rücken hinunterlief. Hatte sie zu hoch gepokert? War der Vorschlag so grausam, dass er ihn als Anmaßung empfand? Oder war er zu milde? Hatte sie die Tiefen seiner sadistischen Fantasie unterschätzt?

Der Prinz starrte sie lange an. Sein Gesicht war undurchdringlich. Er stand langsam auf, ging zum Fenster und blickte hinaus auf die weitläufigen Gärten seiner Burg. Es schien eine Ewigkeit zu dauern. Annegrets Herz hämmerte so laut, dass sie fürchtete, er könnte es hören.

Schließlich drehte er sich langsam um. Auf seinem Gesicht war ein Ausdruck, den Annegret nicht deuten konnte. Es war eine Mischung aus Erstaunen, Respekt und einer tiefen, abgründigen Grausamkeit, die nun eine neue Form der Befriedigung gefunden hatte.

„Frau Schmidt“, sagte der Prinz leise, ohne den Blick von Annegret abzuwenden.

„Ja, Euer Hoheit?“, antwortete die Hausdame.

„Die Strafe, die Ich Mir ausgedacht hatte“, sagte der Prinz langsam. „Sie bestand darin, Fräulein Lutz mit einem heißen Eisen das Wappen Meines Hauses auf die linke Gesäßbacke zu brennen, damit sie für den Rest ihres Lebens eine sichtbare Erinnerung an ihre Pflichten trägt. Anschließend sollte sie für eine Woche bei Wasser und Brot in den Keller gesperrt werden.“

Annegret erstarrte. Ein Brandzeichen. Eine Narbe für immer. Die Vorstellung ließ das Blut in ihren Adern gefrieren.

„Im Falle ihrer unzureichenden Reue“, fuhr der Prinz fort, „hätte die Verdopplung bedeutet, dass wir auch die rechte Seite gebrandmarkt und die Zeit im Keller auf zwei Wochen verlängert hätten.“

Er machte eine Pause.

„Ihr Vorschlag, Fräulein Lutz“, sagte er dann, und seine Stimme klang fast sanft, was es umso schrecklicher machte, „ist bei weitem überlegen. Er ist poetischer. Er ist lehrreicher. Und er verspricht eine weitaus unterhaltsamere Darbietung.“

Ein kaltes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Angenommen. Die von Mir erdachte Strafe sei Euch erlassen.“

Er wandte sich an die Hausdame. „Frau Schmidt. Sorgt für die Vorbereitungen. Morgen Mittag im Säulengang. Sucht den schwersten Rohrstock aus unserer Sammlung. Und schärft die Katze. Ich erwarte eine tadellose Durchführung.“

„Zu Befehl, Euer Hoheit“, sagte Frau Schmidt, und zum ersten Mal glaubte Annegret, einen Hauch von echter, grausamer Vorfreude in ihrer Stimme zu hören.

„Ihr könnt gehen, Lutz“, sagte der Prinz und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch, als wäre die Angelegenheit erledigt. Er griff nach einem Dokument und tat so, als würde er lesen.

Annegret drehte sich wie in Trance um und folgte Frau Schmidt aus dem Raum. Die schwere Mahagonitür schloss sich hinter ihr und schnitt sie von dem Mann ab, der gerade ihr Schicksal besiegelt hatte.

Als sie wieder durch die prunkvollen Korridore ging, spürte Annegret eine seltsame, schreckliche Mischung aus Gefühlen. Da war die abgrundtiefe Angst vor der Qual, die sie am nächsten Tag erwartete. Es würde die Hölle sein, eine Hölle, die sie sich selbst entworfen hatte.

Aber darunter war noch etwas anderes. Ein winziger, eiskalter Funke des Triumphs. Sie hatte das Spiel gespielt und gewonnen. Sie hatte einer dauerhaften Entstellung entgehen können. Sie hatte die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal übernommen, auch wenn es nur die Wahl zwischen zwei verschiedenen Arten von Folter war.

Sie hatte überlebt. Und sie hatte dem Prinzen gezeigt, dass sie keine Puppe war. Sie war seine Schülerin. Und sie lernte schnell. Zu schnell. Der Gedanke gab ihr eine kalte Kraft, während sie schweigend hinter Frau Schmidt herging, auf dem Weg in die nächste Runde ihrer Prüfung. Der Tag der lebenden Statue würde kommen. Und sie würde ihn überstehen. Sie musste.


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