Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs - Chapter 5 | Fet Library

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Birke Becker presents

Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs

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Chapter 5 of 17

Chapter 5

In der alten, klammen Turnhalle, die nach Holz und altem Leder roch, warteten Annegret und Ilse bereits. Sie waren von Frau Richter dorthin bestellt worden, und ihre Herzen pochten vor Nervosität. Sie wussten nicht, was sie erwartete.

Frau Richter trat ein, ihre Schritte hallten in dem leeren Raum. Ihr Blick war ernst, aber in ihren Augen lag ein Funke, den Annegret und Ilse noch nie zuvor gesehen hatten – eine Mischung aus Entschlossenheit und einer seltsamen, fast mütterlichen Strenge.

„Lutz! Bukow!“, sagte Frau Richter, ihre Stimme war klar und fest. „Ihr wisst, was heute Abend geschehen wird. Ihr werdet eine Rolle in der Bestrafung von Fräulein von Hohenzollern und Herrn Gottfried spielen.“

Annegret und Ilse nickten stumm, ihre Gesichter waren blass. Die Vorstellung, die Rohrstockschläge selbst zu verabreichen, war beängstigend und gleichzeitig von einer bitteren Genugtuung erfüllt.

Frau Richter ging zu einem Schrank und holte zwei Rohrstöcke hervor. Sie waren dünner als der, den der Direktor benutzt hatte, aber immer noch fest und biegsam. Sie reichte je einen Stock an Annegret und Ilse. Die Mädchen nahmen sie zögernd entgegen, ihre Finger umschlossen das glatte Holz.

„Ihr werdet die Hälfte der Schläge verabreichen“, fuhr Frau Richter fort. „Und es ist von größter Wichtigkeit, dass ihr dies korrekt tut. Nicht aus Rache, sondern aus Gerechtigkeit. Die Schläge müssen fest und präzise sein, um die Lehre zu vermitteln.“

Sie trat vor eine alte Turnbank. „Nun, Lutz. Zeigen Sie mir, wie Sie den Stock halten würden.“

Annegret hob den Stock unsicher. Frau Richter korrigierte ihre Handhaltung, zeigte ihr, wie sie den Stock locker, aber bestimmt führen musste. „Der Schwung kommt aus dem Handgelenk, Lutz. Nicht aus dem ganzen Arm. Und der Treffpunkt muss präzise sein.“

Sie ließ Annegret üben, den Stock auf die Bank schlagen. Zuerst zögerlich, dann mit mehr Kraft. Annegret spürte, wie sich eine seltsame Entschlossenheit in ihr regte. Es war nicht nur Rache; es war eine Pflicht, die Wahrheit zu verteidigen.

Dann war Ilse an der Reihe. Ilse, die sonst so ungeschickt war, überraschte Frau Richter mit ihrer Präzision. Ihr analytischer Verstand erfasste die Mechanik des Schlages sofort. Ihre Schläge waren zwar nicht so kräftig wie Annegrets, aber sie waren exakt.

„Sehr gut, Bukow. Sehr gut“, lobte Frau Richter, ein seltenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Denkt daran. Dies ist keine Freude, sondern eine notwendige Pflicht. Für die Gerechtigkeit.“

Die Lektion dauerte fast eine Stunde. Als sie die Turnhalle verließen, trugen Annegret und Ilse nicht nur die Erinnerung an die Schläge auf ihren eigenen Körpern, sondern auch das Wissen, wie man Schläge austeilt. Die Abenddämmerung brach herein, und die Zeit bis zur Vollstreckung des Urteils wurde immer knapper.


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