Novella
Birke Becker presents
5.0 (6)
Chapter 4 of 17
Die Tinte kratzte über das feine Papier, während Klothilde von Hohenzollern in ihrem Einzelzimmer saß, ihre Hand zitterte vor Wut und Verzweiflung. Die Demütigung der letzten Stunden brannte sich tiefer in ihre Seele als jede öffentliche Züchtigung es je könnte. Sie musste handeln, und zwar sofort. Ihr einziger Ausweg war ihr Vater, der Neffe Seiner Majestät des Kaisers.
Königlich-Kaiserliches Internat Bad Godesberg, den 28. Juli 1895
Mein liebster Vater,
ich schreibe Ihnen in tiefster Not und mit einem Herzen, das vor Ungerechtigkeit und Abscheu fast zerspringt. Es ist etwas Ungeheuerliches geschehen, etwas, das den Namen unserer Familie und die Ehre des gesamten Adels in den Schmutz ziehen wird, wenn Sie nicht unverzüglich einschreiten.
Sie werden es kaum glauben, welche Schmach mir hier widerfahren ist. Nach dem beklagenswerten Vorfall mit jener bürgerlichen Lutz, die es wagte, mich zu verleumden – und dafür gestern auch ihre gerechte Strafe erhielt, wie ich Ihnen berichtete – hat sich die Situation ins Unerträgliche zugespitzt.
Heute Morgen wurde ich, zusammen mit dem armen Gottfried, vor dem gesamten Kollegium verhört. Trotz meiner ehrlichen Erklärungen und Gottfrieds Beteuerungen, die alle nur meine Unschuld beweisen sollten, hat diese verbitterte Frau Richter, die, wie ich vermute, aus den niederen Ständen stammt und einen Groll gegen alles Edle hegt, es geschafft, das gesamte Kollegium gegen uns aufzuwiegeln. Sie hat die Wahrheit verdreht und uns der Unzucht bezichtigt, als ob wir uns wie gewöhnliche Bauernkinder verhalten hätten!
Und nun kommt das Schlimmste, mein Vater. Das Urteil wurde soeben verkündet, und es ist eine Beleidigung, die ich kaum in Worte fassen kann. Man hat beschlossen, dass Gottfried und ich dreißig Schläge mit dem Rohrstock erhalten sollen! Dreißig! Und nicht nur das, mein Vater! Um die Demütigung zu maximieren, muss ich mich vor der Züchtigung jeglicher Kleidung entledigen soll! Ich, Klothilde von Hohenzollern, soll nackt vor der gesamten Schule stehen! Es ist unvorstellbar, eine solche Schande!
Und als ob das nicht genug wäre, soll die Strafe nicht nur vom Direktor verabreicht werden. Nein! Die Hälfte der Schläge für mich soll von dieser Annegret Lutz verabreicht werden, jener bürgerlichen Lügnerin, die mich überhaupt erst in diese Lage gebracht hat! Und Gottfried soll von Frau Richter und der dicken, pickligen Ilse Bukow gezüchtigt werden! Es ist ein Komplott, mein Vater, ein abscheulicher Angriff auf unseren Stand und unsere Ehre!
Sie müssen sofort handeln! Dieses Urteil soll bereits morgen abend vollstreckt werden! Ich kann diese Schmach nicht ertragen, die den Namen unserer erhabenen Familie für immer beflecken würde. Bitte, mein liebster Vater, setzen Sie alle Hebel in Bewegung. Sprechen Sie mit dem Kaiser, sprechen Sie mit dem Kultusminister! Dieses Internat muss zur Rechenschaft gezogen werden, und diese Frau Richter muss entlassen werden!
Ich flehe Sie an, retten Sie mich vor dieser unerträglichen Erniedrigung. Meine Ehre und die Ehre der Hohenzollern stehen auf dem Spiel.
In tiefster Verzweiflung und mit der Hoffnung auf Ihre sofortige Hilfe,
Ihre gehorsame und zutiefst leidende Tochter,
Klothilde
Mit zitternden Fingern faltete Klothilde den Brief und versiegelte ihn mit ihrem persönlichen Siegelwachs. Sie schlich zur Tür ihres Einzelzimmers, lauschte einen Moment auf die Stille des Ganges. Dann schob sie den Brief vorsichtig unter dem Türspalt hindurch. Sie wusste, dass eine ihrer loyalen Freundinnen, Adelheid oder Friederike, ihn finden und sich um die Zustellung kümmern würde. Es war ihre einzige Hoffnung.
Und tatsächlich. Wenig später schlich Adelheid, die von Klothildes Kammerzofe diskret über die Botschaft informiert worden war, zum Zimmer ihrer Freundin. Sie fand den Brief, hob ihn auf und verstaute ihn hastig in ihrer Schultasche. Klothildes Verzweiflung war spürbar, und Adelheid wusste, dass Eile geboten war. Sie würde den Brief persönlich zur Post bringen, um sicherzustellen, dass er so schnell wie möglich Klothildes Vater erreichte.
Auf dem Weg zur Post, die sich am Rande des kleinen Städtchens befand, das an das Internat grenzte, kam Adelheid am Schwarzen Brett des Pensionats vorbei. Normalerweise beachtete sie die dort angehefteten Ankündigungen kaum, aber heute zog etwas ihren Blick an. Ein großes, frisch angeheftetes Plakat, dessen Schriftzug in fetten Lettern prangte. Adelheid blieb abrupt stehen.
Ihr Herz begann zu rasen, als sie die Überschrift las: „ÖFFENTLICHE ZÜCHTIGUNG UND MORALISCHE REINIGUNG!“ Darunter, in detaillierter, unmissverständlicher Sprache, wurde die Bestrafung von Fräulein Klothilde von Hohenzollern und Herrn Gottfried angekündigt. Die Anzahl der Schläge, die Art der Züchtigung – und das Schlimmste: die Zeit. „Die Vollstreckung des Urteils wird am morgigen Abend, nach dem Abendessen, in der Aula stattfinden.“
Adelheids Gesicht wurde kreidebleich. Morgen Abend! Das war viel zu früh! Klothildes Vater würde niemals rechtzeitig eingreifen können. Panik ergriff sie. Ohne einen weiteren Blick auf das Plakat, riss sie sich los und rannte los, so schnell ihre Beine sie tragen konnten, den Brief fest an ihre Brust gepresst. Sie musste zur Post, und dann zurück zum Internat, um Klothilde diese schreckliche Nachricht zu überbringen. Die Zeit rannte ihnen davon.
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