Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs - Chapter 7 | Fet Library

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Birke Becker presents

Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs

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Chapter 7 of 17

Chapter 7

Der Morgen nach Klothildes Züchtigung brach herein, doch für Annegret war es kein gewöhnlicher Sonnenaufgang. Die Schmerzen in ihrem Gesäß waren noch immer präsent, ein dumpfes Pochen, das sie an die Ereignisse der letzten Nacht erinnerte. Sie lag wach in ihrem Bett im Schlafsaal, lauschte dem leisen Atmen der anderen Mädchen, die noch schliefen, und den fernen Geräuschen des erwachenden Internats. Ein Gefühl der Erschöpfung, aber auch einer seltsamen, kalten Genugtuung lag in der Luft. Die Gerechtigkeit hatte gesiegt, wenn auch auf brutale Weise.

Doch diese Ruhe währte nicht lange. Punkt sieben Uhr in der Frühe, als der Himmel draußen noch in ein tiefes Dunkel getaucht war, zerriss ein lautes, ungestümes Klopfen an der Tür des Schlafsaals die Stille. Es war kein gewöhnliches Klopfen, sondern ein hartes, befehlendes Hämmern, das die Mädchen aus dem Schlaf riss. Ein Pedell rief mit panischer Stimme: „Öffnen Sie! Die Polizei ist da! Sie verlangen Zutritt im Namen Seiner Majestät!“

Annegrets Herz setzte einen Schlag aus. Polizei? Was sollte das bedeuten? Panik ergriff sie, als die Tür aufgestoßen wurde und zwei uniformierte Polizisten in den Schlafsaal stürmten, ihre Gesichter waren streng und unbewegt. Hinter ihnen standen der Pedell und Direktor Hoffmann, sein Gesicht war aschfahl und von tiefer Sorge gezeichnet, und Lehrerin Richter, deren Miene, so unbewegt sie auch war, eine Spur von Enttäuschung und Wut verriet.

„Annegret Lutz!“, bellte einer der Polizisten, seine Stimme war rau. „Sie sind verhaftet! Im Namen Seiner Königlich-Kaiserlichen Majestät, wegen Körperverletzung und Anstiftung zur Unruhe!“

Annegret erstarrte. Verhaftet? Für das, was sie getan hatte? Sie war doch nur ein Werkzeug der Gerechtigkeit gewesen! Ihre Augen huschten zu Direktor Hoffmann, der den Blick abwandte, dann zu Lehrerin Richter, die ihr einen kurzen, fast entschuldigenden Blick zuwarf. Die anderen Mädchen im Schlafsaal saßen aufrecht in ihren Betten, ihre Augen waren weit vor Schock und Angst.

„Stehen Sie auf! Ziehen Sie sich an!“, befahl der Polizist.

Annegret gehorchte mechanisch, ihre Hände zitterten, als sie ihre Uniform überzog. Sie spürte die Blicke der Polizisten auf sich, die Blicke der anderen Mädchen. Die Scham war überwältigend, eine neue Art von Demütigung.

„Direktor Hoffmann! Konrektorin Richter!“, sagte der zweite Polizist, seine Stimme war ebenfalls befehlend. „Auch Sie sind verhaftet. Wegen Amtsmissbrauchs und Verletzung der Aufsichtspflicht. Sie werden uns sofort begleiten!“

Der Direktor nickte stumm, sein Gesicht war ein Ausdruck tiefer Resignation. Lehrerin Richter hob das Kinn, ihre Augen blitzten, doch sie widersetzte sich nicht. Sie wusste, dass der Prinz von Hohenzollern seine Drohungen wahr gemacht hatte.

Annegret wurde von einem Polizisten am Arm gepackt und aus dem Schlafsaal geführt. Sie sah, wie der Direktor und Lehrerin Richter ebenfalls abgeführt wurden, ihre Gesichter waren nun Ausdruck einer gemeinsamen Niederlage. Draußen warteten bereits zwei Polizeikutschen. Annegret wurde in die erste hineingestoßen, die Tür hinter ihr zugeschlagen. Die Kutsche setzte sich in Bewegung, und das Königlich-Kaiserliche Internat Bad Godesberg verschwand schnell im Morgengrauen.


Die Fahrt schien endlos. Annegret saß steif auf der harten Bank der Kutsche, ihr Herz pochte wie wild. Sie wusste nicht, wohin sie gebracht wurde, aber die Richtung, die die Kutsche einschlug, führte sie immer weiter weg von allem Vertrauten. Schließlich hielt die Kutsche vor einem großen, grauen Gebäude, dessen Mauern hoch und fensterlos aufragten. Ein eisernes Tor, noch massiver als das des Internats, öffnete sich knarrend.

„Königlich-Kaiserliches Mädchengefängnis“, las Annegret die Inschrift über dem Tor, ihr Magen zog sich zusammen. Ein Gefängnis. Sie, Annegret Lutz, im Gefängnis.

Sie wurde aus der Kutsche gezerrt und in einen kühlen, kargen Empfangsraum geführt. Der Geruch von Desinfektionsmittel und feuchtem Stein lag in der Luft. Eine strenge Aufseherin mit einem Schlüsselbund an ihrer Seite empfing sie.

„Name?“, bellte die Aufseherin, ihre Stimme war rau.

„Annegret Lutz“, flüsterte Annegret.

„Alter? Vergehen?“, fuhr die Aufseherin fort, während sie in ein großes Buch schrieb.

„Fünfzehn. Körperverletzung… und Anstiftung zur Unruhe“, sagte Annegret, ihre Stimme brach.

Die Aufseherin schnaubte. „Noch so eine Göre, die meint, sie könnte sich über die Regeln stellen. Nun, hier lernen Sie Manieren. Folgen Sie mir. Zuerst die Untersuchung.“

Annegret wurde in einen kleinen Raum geführt, der nur mit einem groben Holztisch und einem Stuhl ausgestattet war. Kurz darauf traten zwei Männer ein. Einer war groß und kräftig, trug einen weißen Kittel und hatte einen strengen, unbewegten Blick – der Gefängnisarzt. Der andere war jünger, noch unsicher in seinen Bewegungen, und trug ebenfalls einen Kittel – ein Medizinstudent. Die Aufseherin blieb im Türrahmen stehen.

„Entkleiden Sie sich, Fräulein“, befahl der Arzt, seine Stimme war sachlich und kalt.

Annegrets Wangen glühten. Wieder diese Scham. Sie zögerte, doch der Blick der Aufseherin ließ ihr keine Wahl. Mit zitternden Händen begann sie, ihre Kleidung abzulegen. Zuerst die Uniform, dann das Unterhemd, die Unterhose. Sie stand da, nackt und bloß, vor dem männlichen Arzt, dem Medizinstudenten und der Aufseherin. Die Luft war kalt auf ihrer Haut, und die Scham war überwältigend.

Der Arzt musterte sie von Kopf bis Fuß, seine Augen waren klinisch und ohne jegliches Gefühl. Er tastete ihren Körper ab, prüfte ihre Gliedmaßen, ihre Zähne. Annegret versuchte, die Augen zu schließen, sich unsichtbar zu machen, doch sie konnte die Berührungen nicht ignorieren. Besonders als er ihren Rücken und ihr Gesäß untersuchte, wo die Striemen der Züchtigung noch deutlich sichtbar waren. Er drückte leicht auf die geröteten Stellen, und Annegret zuckte zusammen.

„Frische Striemen. Offenbar vor kurzem gezüchtigt worden“, murmelte der Arzt, mehr zu sich selbst als zu Annegret. Dann wandte er sich dem Studenten zu. „Beachten Sie die Hämatome, junger Mann. Typisch für stumpfe Gewalteinwirkung.“

Annegrets Scham erreichte ihren Höhepunkt, als der Arzt fortfuhr. „Nun zur gynäkologischen Untersuchung. Fräulein, legen Sie sich auf den Tisch. Beine angewinkelt.“

Annegret gehorchte, ihr Körper war steif vor Angst und Erniedrigung. Der Arzt instruierte den Studenten, während er die Untersuchung durchführte. „Beachten Sie die Beschaffenheit der Schleimhäute, die Elastizität des Gewebes. Achten Sie auf Anzeichen von Verletzungen oder Infektionen.“ Seine Finger waren kalt und unpersönlich. Annegret presste die Lippen aufeinander, Tränen stiegen ihr in die Augen, aber sie weigerte sich, sie fallen zu lassen. Der Medizinstudent beugte sich näher, seine Augen waren konzentriert, aber Annegret spürte seine Blicke wie Nadelstiche. Die Untersuchung schien eine Ewigkeit zu dauern, jede Berührung war eine weitere Demütigung.

„Keine Auffälligkeiten“, verkündete der Arzt schließlich. „Jungfräulichkeit intakt. Keine Anzeichen von Missbrauch. Sie kann sich wieder anziehen.“

Die Erleichterung war so groß, dass Annegret fast zusammenbrach. Sie durfte sich wieder anziehen. Ihr wurden grobe, graue Gefängniskleidung und ein Paar schwere Holzschuhe gereicht. Ihre eigene Kleidung wurde ihr abgenommen.

Annegret wurde in ihre Zelle geführt. Es war ein kleiner, kalter Raum mit Steinwänden, einem schmalen Pritschenbett mit einer dünnen Strohmatratze und einem kleinen, vergitterten Fenster hoch oben an der Wand. Ein Eimer in der Ecke diente als Toilette. Doch Annegret war nicht allein. Auf den anderen drei Pritschen saßen bereits drei Mädchen, ihre Gesichter waren hart und misstrauisch.

Als Annegret die Zelle betrat, musterten sie sie von oben bis unten. Ein Mädchen, mit einem schiefen Grinsen und einer Narbe über der Augenbraue, spuckte auf den Boden. „Na, seht mal einer an. Eine feine Dame. Was hat die denn hier verloren? Hat wohl zu viel mit den Professoren getanzt, was?“

Die anderen beiden kicherten. Annegret spürte sofort ihre Abneigung. Sie war anders. Die anderen drei konnten ihr Privileg förmlich riechen.

Der erste Tag im Gefängnis war eine endlose Qual. Die Stunden krochen dahin. Annegret saß auf ihrer Pritsche, die Knie an die Brust gezogen, und starrte ins Leere. Sie dachte an Ilse, an ihre Eltern, an das Internat. An Klothilde. Ein Gefühl der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit ergriff sie. War dies das Ende?

Zum Mittagessen wurde sie zusammen mit ihren Zellengenossinnen in den Speisesaal geführt. Der Raum war laut und unordentlich, erfüllt vom Klappern der Löffel und dem Geschwätz der Insassinnen. Annegret wurde an einen Tisch gedrängt, ihre Zellengenossinnen stießen sie absichtlich zur Seite. Sie bekam einen Teller mit wässriger Brühe und einem Stück hartem Brot. Es schmeckte nach nichts. Sie aß mechanisch, ohne Appetit, während die anderen Mädchen sie mieden oder ihr abfällige Blicke zuwarfen.

Am Nachmittag wurde sie zusammen mit anderen Mädchen in einen kleinen Hof geführt, der von hohen Mauern umgeben war. Sie durften eine Stunde lang im Kreis gehen, unter den wachsamen Blicken der Aufseherinnen. Ihre Zellengenossinnen schlossen sich zusammen, lachten und tuschelten, während sie Annegret bewusst ignorierten oder ihr im Vorbeigehen einen Stoß versetzten. Annegret fühlte sich einsamer als je zuvor, umgeben von Feindseligkeit.

Als die Dunkelheit hereinbrach, wurde sie zurück in ihre Zelle gebracht. Die Tür schloss sich erneut mit einem lauten Knall. Annegret legte sich auf die harte Strohmatratze, die Augen starr auf das kleine, vergitterte Fenster gerichtet, durch das sie einen winzigen Ausschnitt des sternenklaren Himmels sehen konnte. Die Kälte des Steins kroch in ihre Knochen, aber die Kälte in ihrem Herzen war noch tiefer. Sie war gefangen, gedemütigt, und die Welt draußen schien sie vergessen zu haben.

Am nächsten Morgen, noch vor dem Frühstück, wurde Annegret von der Aufseherin aus ihrer Zelle geholt. „Besuch!“, knurrte sie, und Annegret spürte einen winzigen Hoffnungsschimmer. Ihre Eltern? Ilse?

Sie wurde in einen kleinen, schmucklosen Raum geführt, der nur durch ein Gitter von einem anderen Raum getrennt war. Dahinter saß ein junger Mann. Er war nicht viel älter als sie, vielleicht Anfang zwanzig, und seine Kleidung, obwohl ordentlich, wirkte ein wenig zu neu und steif. Er hatte ein blasses Gesicht und nervöse Augen, die unruhig hin und her huschten. Er sah aus, als hätte er gerade erst sein Staatsexamen bestanden und dies sei sein erster Fall. Annegret spürte sofort, dass sie kein großes Vertrauen in ihn setzen konnte.

„Fräulein Lutz?“, fragte der junge Mann, seine Stimme war dünn und unsicher. „Mein Name ist Herr Schmidt. Ich bin Ihr… Ihr Pflichtverteidiger.“

Annegret nickte stumm. Ein Pflichtverteidiger. Das sagte schon alles.

„Ich… ich habe Ihre Akte studiert“, fuhr Herr Schmidt fort, er räusperte sich nervös. „Die Lage ist… nun ja, sie ist ernst, Fräulein Lutz. Sehr ernst.“ Er zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich die Stirn.

„Was droht mir?“, fragte Annegret, ihre Stimme war überraschend fest.

Herr Schmidt zögerte. „Die Anklage lautet auf schwere Körperverletzung und Anstiftung zur Unruhe. Angesichts der… der Stellung des Opfers…“ Er schluckte. „Dem Gericht liegt der Antrag vor, Sie zu einer Zuchthausstrafe von zehn Jahren zu verurteilen.“

Zehn Jahre Zuchthaus. Annegrets Atem stockte. Zehn Jahre. Sie war fünfzehn. Ihr ganzes Leben würde in diesem grauen Gebäude vergehen. Die Vorstellung war unerträglich.

„Aber das ist doch nicht fair!“, rief Annegret, ihre Stimme hob sich. „Ich habe doch nur getan, was die Lehrerin Richter von mir verlangt hat! Und Klothilde hat gelogen! Sie hat Ilse und mich verleumdet, und sie hat sich mit Gottfried im Park getroffen! Ich habe es gesehen!“

Herr Schmidt nickte, seine Augen huschten zur Aufseherin, die unbewegt im Raum stand. „Ich verstehe, Fräulein Lutz. Ich habe Ihre Version der Ereignisse zur Kenntnis genommen. Aber… es wird sehr schwer sein, das Gericht davon zu überzeugen. Die Erlaubnis der Lehrer, eine Mitschülerin zu verletzen, mindert Ihre Schuld in den Augen des Gesetzes leider nicht. Im Gegenteil, es könnte sogar als Beweis für Ihre… Ihre Neigung zur Gewalt ausgelegt werden, da Sie sich so bereitwillig darauf eingelassen haben.“

Annegret starrte ihn ungläubig an. Er verstand es nicht. Er wollte es nicht verstehen.

„Ich… ich rate Ihnen dringend, Fräulein Lutz“, sagte Herr Schmidt, seine Stimme war nun fester, fast flehend. „Bekennen Sie sich schuldig. Wir können dann vielleicht auf Milde hoffen. Eine kürzere Strafe. Aber wenn Sie auf unschuldig plädieren und die Umstände so darstellen, wie Sie es tun… das Gericht wird das als Uneinsichtigkeit werten. Und die Strafe könnte… noch härter ausfallen.“

Schuldig bekennen. Für etwas, das sie nicht getan hatte. Für etwas, das Klothilde verdient hatte. Annegret spürte, wie sich ein kalter Knoten in ihrem Magen bildete. Ihr Prozess war in nur einer Woche. Eine Woche, um ihr Schicksal zu besiegeln. Sie hatte kein Vertrauen in diesen jungen, nervösen Anwalt. Sie war allein. Völlig allein.

Als Annegret nach dem Gespräch mit ihrem Anwalt in die Zelle zurückgeführt wurde, schlug ihr sofort ein übler Geruch entgegen. Sie blieb abrupt stehen. Ihre Pritsche, ihre einzige Zuflucht in diesem kalten Raum, war durchnässt. Der Inhalt des Nachttopfes, der wohl seit der Nacht nicht geleert worden war, war über ihre dünne Strohmatratze und das grobe Leinentuch gekippt worden. Der Gestank war beißend, und ein Gefühl der Übelkeit stieg in ihr auf.

Die drei anderen Mädchen saßen auf ihren Pritschen und starrten sie mit leeren, fast triumphierenden Blicken an. Das Mädchen mit der Narbe über der Augenbraue grinste schief. „Na, Prinzessin? Ist dir das feine Lager nicht gut genug?“

Annegrets Wangen glühten vor Wut und Scham.

Sie drehte sich um und klopfte mit der Faust an die schwere Zellentür. „Aufseherin!“, rief sie, ihre Stimme war dünn, aber bestimmt. „Aufseherin! Meine Pritsche ist … sie ist beschmutzt worden!“

Kurz darauf öffnete sich die Luke in der Tür, und das grimmige Gesicht der Aufseherin erschien. Sie musterte Annegrets nasse Pritsche, dann die drei anderen Mädchen, die nun unschuldig in die Luft pfiffen. Ein verächtliches Lachen entwich ihr. „Na, na, Fräulein Lutz. Schon so ungeschickt? Hier, nehmen Sie das.“ Sie reichte Annegret einen feuchten, schmutzigen Lappen durch die Essensklappe. „Machen Sie das sauber. Und beschweren Sie sich nicht so viel. Hier sind wir alle gleich.“ Mit einem weiteren Lachen schloss sie die Luke wieder.

Annegret stand da, der schmutzige Lappen in ihrer Hand, die Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie hatte keine Wahl. Mit angewidertem Gesicht begann sie, die Nässe von ihrer Pritsche zu wischen. Es war eine Sisyphusarbeit. Der Geruch blieb, und die Matratze war durch und durch feucht. Sie versuchte, das Stroh so gut es ging zu trocknen, aber es war aussichtslos. Schließlich legte sie sich auf die noch immer feuchte Pritsche, ihre Augen starrten in die Dunkelheit der Zelle.

Die Nacht war eine Qual. Die Kälte kroch in ihre Knochen, und der üble Geruch des Nachttopfes schien sie zu umhüllen. Sie schlief unruhig, immer wieder geweckt von den leisen Geräuschen ihrer Zellengenossinnen.

Plötzlich, mitten in der tiefsten Nacht, wurde Annegret jäh aus dem Schlaf gerissen. Zwei Hände packten sie fest an den Armen, drückten sie auf die Matratze. Sie riss die Augen auf. Im Schemenlicht sah sie die Gesichter ihrer Zellengenossinnen, verzerrt von einem kalten, harten Ausdruck. Das Mädchen mit der Narbe über der Augenbraue grinste. „Petzen ist nicht, Prinzessin! Hast du gedacht, du kommst damit durch?“

Annegret versuchte, sich zu wehren, doch die Mädchen waren stärker. Eine von ihnen zog ihr die grobe Gefängniskleidung vom Leib, riss sie ihr herunter, bis sie nackt auf der feuchten Pritsche lag. Dann begannen die Schläge. Fäuste trafen ihren Bauch, ihre Brust, ihre Oberschenkel. Offene Hände klatschten auf ihr Gesäß, ihre Schenkel. Sie schrien sie an, flüsterten Drohungen, während die Schläge auf sie niederprasselten. Annegret schrie auf, versuchte, sich zu winden, doch die Hände hielten sie fest. Ihre Schreie verhallten im Nichts der dicken Steinmauern. Niemand würde sie hören. Niemand würde ihr helfen.

Die Schläge dauerten an. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Eine halbe Stunde. Annegret verlor das Gefühl für die Zeit. Ihr Körper war ein einziger Schmerz, ihr Atem ging in kurzen, panischen Zügen. Sie wimmerte, flehte, doch die Schläge hörten nicht auf. Immer wieder hörte sie die Worte: „Petzen ist nicht, Prinzessin! Das ist deine Lektion!“

Schließlich, als Annegret kaum noch atmen konnte, als ihr Körper nur noch ein einziger blauer Fleck zu sein schien, ließen sie von ihr ab. Die Mädchen zogen sich zurück, ihre Schatten verschwanden in der Dunkelheit der Zelle. Annegret lag da, nackt, zitternd, ihr Körper schmerzte von Kopf bis Fuß. Sie presste die Lippen aufeinander, um nicht zu weinen, doch die Tränen liefen ihr ungehindert über die Schläfen. Die Erniedrigung war vollständig. Sie war in dieser Hölle gefangen, und niemand, wirklich niemand, würde ihr helfen.


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