Novella
Birke Becker presents
5.0 (6)
Chapter 8 of 17
Der nächste Tag brach an, und Annegret erwachte mit einem Körper, der schmerzte, als wäre sie überrollt worden. Jeder Muskel schrie, und die blauen Flecken, die sich auf ihrer Haut ausbreiteten, waren ein stummer Zeuge der nächtlichen Tortur. Der Geruch in der Zelle war noch immer widerlich, und die feuchte Pritsche stank noch schlimmer. Die drei anderen Mädchen warfen ihr beim Aufstehen nur verächtliche Blicke zu.
Noch bevor die Sonne richtig aufgegangen war, wurde Annegret erneut aus ihrer Zelle gerufen. Diesmal war es nicht die grimmige Aufseherin, die sie abholte, sondern ein Diener in einer sauberen Uniform, dessen Miene ungewohnt respektvoll war. Annegret spürte eine seltsame Vorahnung.
Sie wurde in einen anderen Besuchsraum geführt, größer und heller als der, in dem sie Herrn Schmidt getroffen hatte. Das Gitter war hier feiner, die Stühle waren gepolstert. Hinter dem Gitter saß ein Mann, der eine ganz andere Aura ausstrahlte als der junge, nervöse Pflichtverteidiger. Er war älter, vielleicht Ende fünfzig, mit einem sorgfältig gestutzten, grauen Bart, der ihm ein würdiges Aussehen verlieh. Seine Kleidung war von feinster Qualität, und seine Augen, obwohl streng, strahlten eine kühle Intelligenz aus. Dies war kein Anfänger. Dies war der Anwalt des Prinzen.
„Fräulein Lutz“, sagte der Mann, seine Stimme war tief und sonor, erfüllt von Autorität. „Mein Name ist Dr. von Ehrenfels. Ich bin der persönliche Rechtsbeistand Seiner Hoheit, des Prinzen von Hohenzollern.“
Annegret nickte stumm, ihr Herz pochte. Der Prinz. Das musste etwas mit Klothilde zu tun haben.
„Ich komme im Auftrag Seiner Hoheit“, fuhr Dr. von Ehrenfels fort, sein Blick war fest auf Annegret gerichtet. „Der Prinz ist zutiefst betroffen von den jüngsten Ereignissen, die sich im Königlich-Kaiserlichen Internat Bad Godesberg zugetragen haben. Insbesondere von der… öffentlichen Züchtigung seiner Nichte, Fräulein Klothilde von Hohenzollern. Er ist der Ansicht, dass die Umstände, die zu dieser… unglücklichen Situation geführt haben, einer genaueren Betrachtung bedürfen.“
Annegret spürte, wie sich in ihr ein Funke Hoffnung regte. Würde er die Wahrheit ans Licht bringen?
„Fräulein Lutz“, sagte Dr. von Ehrenfels, seine Stimme wurde nun ernster, „es steht in der Macht des Prinzen, Ihre derzeitigen Probleme mit dem Staat aus dem Weg zu räumen. Die Anklage wegen Körperverletzung und Anstiftung zur Unruhe könnte fallen gelassen werden. Sie könnten dem Zuchthaus entgehen.“
Annegrets Augen weiteten sich. Dem Zuchthaus entgehen? Zehn Jahre? Das war unvorstellbar.
„Allerdings“, fuhr der Anwalt fort, und Annegrets Hoffnung sank wieder, als er das Wort sprach, „ist der Preis hoch. Der Prinz ist ein Mann von Ehre und Prinzipien. Er ist der Ansicht, dass ein Vergehen, selbst wenn es unter… missverständlichen Umständen geschieht, nicht ungesühnt bleiben darf. Besonders, wenn es die Ehre seiner Familie betrifft.“
Er lehnte sich leicht vor, seine Augen bohrten sich in Annegrets. „Der Prinz bietet Ihnen eine Alternative. Im Gegenzug für die Einstellung des Verfahrens und Ihre Freilassung aus diesem Gefängnis würden Sie einen Monat auf der Burg des Prinzen verbringen müssen. Dort würden Sie eine… angemessene Erziehung und Disziplin erfahren. Sie würden regelmäßig gezüchtigt und gedemütigt werden – doch Strafe müsse sein. Es wäre eine… private Angelegenheit, die die Ehre der Familie wiederherstellt und Ihnen die notwendige Lehre erteilt.“
Ein Monat. Regelmäßige Züchtigung und Demütigung. Auf der Burg des Prinzen. Annegrets Gedanken rasten. Es war eine schreckliche Wahl. Zehn Jahre Zuchthaus, oder ein Monat Schande. Aber nach einem Monat wäre es vorbei. Nicht nach einem Jahr.
„Einzelheiten?“, fragte Annegret, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Was genau… würde das bedeuten? Wie oft? Und… und wie?“
Dr. von Ehrenfels lächelte schwach, ein Lächeln, das Annegret als kalt und unerbittlich empfand. „Die Einzelheiten würden von der Hausdame des Prinzen festgelegt werden. Sie ist eine sehr… erfahrene Frau, was die Erziehung junger Damen betrifft. Die Züchtigungen würden der Schwere Ihrer Vergehen angemessen sein, und die Demütigungen würden dazu dienen, Ihren Stolz zu brechen und Ihnen zu lehren, sich Ihrer Stellung im Leben gemäß zu verhalten. Aber, Fräulein Lutz, nach diesem Monat wären Sie frei. Frei von allen Anschuldigungen. Frei, Ihr Leben neu zu beginnen. Unter der Bedingung, dass Sie über die Ereignisse auf der Burg absolutes Stillschweigen bewahren.“
Annegret starrte ihn an, ihr Kopf schwirrte. Die Worte des Anwalts hallten in ihren Ohren wider. Ein Monat der Schande, um zehn Jahre Zuchthaus zu entgehen. Ein Handel mit dem Teufel. Aber war es wirklich ein Handel? Oder war es nur eine andere Form der Gefangenschaft? Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Die Entscheidung lag allein bei ihr.
Annegret saß stumm da, die Worte von Dr. von Ehrenfels hallten in ihrem Kopf wider. Zehn Jahre Zuchthaus. Ein Monat auf der Burg des Prinzen. Die Wahl war klar, und doch so unerträglich. Die Schmerzen ihres Körpers, die Demütigung der letzten Nacht – all das drängte sie zu einer Entscheidung. Was war schlimmer? Die Gewissheit einer langen, grausamen Haft in diesem kalten Gefängnis, oder die Ungewissheit eines Monats unter der Kontrolle des Prinzen, mit regelmäßigen Züchtigungen und Demütigungen?
Sie dachte an Ilse, an ihre Eltern, an das Leben, das sie verlieren würde. Zehn Jahre. Zehn Jahre in der Dunkelheit dieser Mauern. Das war keine Wahl. Das war ein Ausweg.
„Ich… ich nehme das Angebot an“, flüsterte Annegret schließlich, ihre Stimme war heiser. Es war keine Kapitulation, sondern eine strategische Entscheidung. Ein Monat. Das konnte sie ertragen. Sie musste es ertragen.
Dr. von Ehrenfels nickte, ein Ausdruck kühler Zufriedenheit auf seinem Gesicht. „Eine weise Entscheidung, Fräulein Lutz. Ich werde die notwendigen Schritte einleiten. Sie werden noch heute entlassen und zur Burg des Prinzen gebracht.“
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