Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 12 of 34
Der Minister war ein Mann der leisen Töne und der psychologischen Grausamkeit. Linda wusste das. Sie hatte es in seinen Augen während der „Wahl“ gesehen und seine Strafe – die perverse Umwandlung von Schmerz in erzwungene Lust – hatte seine wahre Natur offenbart. Er genoss nicht den rohen Schmerz wie der Industrielle oder die kalte Logik wie der Richter. Er genoss das Schauspiel der Demütigung, den öffentlichen Zusammenbruch der Würde. Und sie wusste, dass ihre Woche mit ihm eine sorgfältig inszenierte Performance ihrer eigenen Entmenschlichung sein würde.
Er bezog eine private Suite im Gästetrakt des Instituts, und Linda wurde ihm am Montagmorgen von Professor Lirpa übergeben, nackt und mit gesenktem Kopf.
„Sie steht Ihnen zur Verfügung, Herr Minister“, sagte Lirpa. „Ihr Wille ist der ihre.“
Montag: Das Verhör
Der Minister begann seine „Lektionen“ nicht mit Gewalt, sondern mit einer kalten, klinischen Prozedur. In der Mitte seiner Suite stand ein einzelner, harter Stuhl, daneben ein medizinisches Gerät mit einem Monitor und einer Reihe von Kabeln und Sensoren. Ein Lügendetektor.
„Setz dich“, befahl er. Linda gehorchte. Er begann, die Sensoren an ihrem nackten Körper zu befestigen. Ein Gurt um ihre Brust, um die Atmung zu messen. Elektroden an ihren Fingerspitzen für den Hautleitwert. Eine Manschette um ihren Arm für den Blutdruck. Seine Berührungen waren unpersönlich, die eines Technikers, der eine Maschine kalibriert.
„Ich bin ein Mann der Wahrheit, Linda“, sagte er, während er die Anzeigen auf dem Monitor überprüfte. „Und ich habe festgestellt, dass die Wahrheit oft tief vergraben ist, unter Schichten von Scham und Angst. Dieses Gerät wird uns helfen, diese Schichten abzutragen. Ich werde dir eine Reihe von Fragen stellen. Du wirst ehrlich antworten. Die Maschine wird mir sagen, ob du lügst. Jede Lüge, die die Maschine anzeigt, wird mit einem Tadel vermerkt. Am Ende der Woche werden wir sehen, wie viele Tadel du gesammelt hast. Und wir werden eine angemessene Konsequenz für jeden einzelnen finden.“
Er setzte sich ihr gegenüber. Das Verhör begann. Die Fragen waren eine systematische Invasion ihrer gesamten Existenz.
„Wann hast du deine erste Periode bekommen, Linda?“
„Mit dreizehn.“ Die Nadel des Polygraphen zitterte kaum. Wahrheit.
„Wann hast du zum ersten Mal masturbiert?“
Sie zögerte. Die Scham brannte in ihr. „Ich… ich weiß es nicht mehr genau.“
Ein schriller Ton ertönte vom Gerät. Die Nadel schlug heftig aus.
„Das ist ein Tadel“, sagte der Minister tonlos. „Die Maschine sagt, du lügst. Versuch es noch einmal.“
„Mit vierzehn“, flüsterte sie. Wahrheit.
Er bohrte weiter. Er fragte nach ihren Fantasien, nach ihren geheimsten Wünschen, nach jedem Detail ihrer Beziehung zu Mark. Er zwang sie, ihre ersten, ungeschickten sexuellen Erfahrungen mit ihm zu beschreiben, während die Maschine jede ihrer physiologischen Reaktionen aufzeichnete. Er fragte sie, ob sie mit Mark geschlafen habe. "Nein”. Wahrheit. Ob sie denn dann noch Jungfrau sei? “Ja”. Wahrheit.
Dann kam er zum Institut. Er fragte nach jeder einzelnen Bestrafung. Er zwang sie, den Schmerz zu beschreiben, die Demütigung, die Angst. Er fragte sie, ob sie es heimlich genossen hätte. Als sie unter Tränen verneinte, schlug die Maschine erneut aus. Ein weiterer Tadel. Er fragte sie nach dem Vorfall mit Daniel im Turnunterricht.
„Hast du ihn geschlagen, weil du Angst hattest, oder weil du wütend warst?“
„Ich hatte Angst“, sagte sie.
Die Maschine blieb ruhig. Wahrheit.
„Hast du es genossen, ihn zu schlagen?“
„Nein!“, stieß sie hervor.
Der schrille Ton. Die zuckende Nadel. Tadel Nummer drei.
Das Verhör dauerte Stunden. Als es vorbei war, hatte sie sieben Tadel gesammelt. Sie fühlte sich nackter, entblößter als je zuvor. Er hatte nicht nur ihren Körper gesehen. Er hatte in ihre Seele geblickt und jeden dunklen Winkel mit seiner kalten, unpersönlichen Neugier ausgeleuchtet.
Dienstag: Die Inspektion
Am zweiten Tag stand Linda nackt in der Mitte des Raumes. Der Minister hielt eine große Lupe in der Hand.
„Der Lügendetektor misst die Reaktionen deines Körpers auf deine Gedanken“, sagte er. „Aber der Körper selbst erzählt seine eigene Geschichte, ohne zu lügen. Heute werden wir diese Geschichte lesen.“
Er begann eine langsame, methodische Inspektion ihres gesamten Körpers. Er untersuchte die verblassenden Striemen auf ihrem Rücken und ihrem Gesäß, kommentierte die unterschiedliche Heilung der Wunden, die von der Peitsche und dem Rohrstock verursacht worden waren. Er fuhr mit der Lupe über ihre Haut, bemerkte jede kleine Narbe, jeden Leberfleck.
Dann konzentrierte er sich auf ihren Unterleib. Er zwang sie, die Beine zu spreizen, während er mit der Lupe ihre Scham untersuchte.
„Du hast mir gestern gesagt, du hättest nicht mit deinem Freund Mark geschlafen und seist noch Jungfrau“, sagte er, seine Stimme war nachdenklich. „Die Maschine hat das als Wahrheit gewertet.“ Er richtete sich auf und blickte sie an. „Aber dein Körper, Linda, erzählt mir eine andere Geschichte. Dein Hymen ist nicht nur gerissen. Es ist kaum noch vorhanden. Das ist nicht das Ergebnis von nichts. Das ist das Ergebnis von… etwas anderem.“
Linda starrte ihn entsetzt an. Sie wusste nicht, wovon er sprach.
„Hat der Lügendetektor versagt?“, fragte er leise. „Oder gibt es eine Wahrheit, die so tief vergraben ist, dass selbst du sie nicht mehr als Lüge erkennst?“ Er ließ die Frage in der Luft hängen, eine neue, schreckliche Saat des Zweifels und der Verwirrung in ihrem Geist pflanzend.
Mittwoch: Die Demonstration
„Deine Antworten gestern waren… unbefriedigend“, sagte der Minister am nächsten Morgen. „Dein Körper und dein Geist sind im Widerspruch. Wir müssen diesen Widerspruch auflösen. Wir müssen sehen, was dein Körper will, wenn dein Verstand schweigt.“
Er setzte sie auf den Stuhl. „Du wirst dich jetzt vor mir selbst befriedigen“, befahl er. „Langsam. Und du wirst mir jeden Schritt, jede Empfindung, jede Fantasie, die dir in den Sinn kommt, beschreiben.“
Es war die ultimative Demütigung. Unter seinem kalten, beobachtenden Blick musste sie ihren eigenen Körper berühren. Ihre Hände zitterten. Jedes Zögern, jede Weigerung, ins Detail zu gehen, wurde mit der leisen Drohung kommentiert: „Soll ich die Maschine holen, Linda? Wollen wir sehen, ob du die Wahrheit sagst?“
Sie gehorchte. Mit steifen, ungelenken Fingern begann sie sich zu berühren, ihre Bewegungen waren mechanisch und leer.
„Sprich“, befahl er.
„Ich… ich stelle mir Mark vor“, flüsterte sie. Eine sichere, unschuldige Lüge.
„Langweilig“, sagte der Minister. „Dein Puls ist vollkommen ruhig. Das ist keine Erregung. Das ist eine Pflichtübung. Ich will die Wahrheit, Linda. Die Wahrheit, die dein Körper mir gestern erzählt hat. Die Wahrheit, die du selbst nicht zugeben willst.“
Sie wusste, was er hören wollte. Sie wusste, welche Geschichte sie ihm erzählen musste, um ihn zufriedenzustellen. Eine dunkle, verdorbene Geschichte.
„Ich… ich stelle mir den Korrekturraum vor“, begann sie, ihre Stimme war kaum ein Hauch. Sie schloss die Augen. „Ich knie auf dem Boden. Nackt. Und… und Sie stehen vor mir.“
Der Puls auf dem Monitor begann, leicht anzusteigen.
„Fahre fort“, sagte er, seine Stimme war nun von Interesse gefärbt.
„Sie befehlen mir, mich vorzubereiten“, flüsterte sie. „Und ich… ich habe Angst. Aber… es ist auch aufregend.“ Ihre Finger bewegten sich nun etwas schneller, unsicher. „Ich stelle mir vor, wie Sie den Rohrstock nehmen. Ich höre das Zischen in der Luft. Und ich warte.“
Ihr Atem wurde flacher. Sie spürte, wie ihr Körper gegen ihren Willen zu reagieren begann. Eine Welle der Hitze und der Scham durchflutete sie.
„Und dann?“, drängte er.
„Dann… schlagen Sie zu“, keuchte sie. „Und es tut weh. Aber… es ist ein guter Schmerz. Weil… weil ich es verdient habe. Weil ich ungehorsam war. Und Sie… Sie bringen mir die Ordnung bei.“
Ihre Stimme brach. Die Worte fühlten sich wie Gift auf ihrer Zunge an, aber sie zwang sich, weiterzusprechen, die perverse Logik des Instituts zu ihrer eigenen zu machen. Ihre Berührungen wurden schneller, fieberhafter. Sie war nicht mehr die Handelnde. Ihr Körper hatte übernommen, getrieben von einer schrecklichen Mischung aus Trauma, antrainiertem Gehorsam und der reinen, physischen Stimulation.
„Ich will es“, schluchzte sie, und sie wusste nicht mehr, ob es Teil der Lüge oder eine schreckliche, neue Wahrheit war. „Ich will den Schmerz. Ich will die Demütigung. Ich will…“
Ihr Körper krampfte sich in einem Orgasmus, der keine Befreiung war, sondern die ultimative Niederlage. Es war ein kurzer, gewaltsamer Anfall, der sie zitternd und schluchzend auf dem Stuhl zurückließ.
Als sie wieder zu sich kam, stand der Minister über ihr. Sein Gesicht war eine Maske der kühlen, wissenschaftlichen Zufriedenheit.
„Interessant“, sagte er. „Sehr interessant. Es scheint, die Konditionierung war erfolgreicher, als selbst Professor Lirpa angenommen hat.“
Er machte eine Notiz in seinem Block. Sie war kein Mensch mehr. Sie war ein faszinierendes Experiment. Ein erfolgreiches Ergebnis.
Donnerstag und Freitag: Die Vorbereitung
Die nächsten beiden Tage waren eine unerbittliche Vorbereitung auf das große Finale am Samstag. Der Minister erklärte ihr, dass er Gäste eingeladen hatte. „Sehr wichtige Freunde“, sagte er. „Menschen, die, wie ich, an der Notwendigkeit von Ordnung und Disziplin interessiert sind. Du wirst ihnen eine Geschichte erzählen, Linda. Deine Geschichte. Aber nicht die langweilige, verwirrte Geschichte, die du mir erzählt hast. Du wirst ihnen die wahre Geschichte erzählen. Die Geschichte, die dein Körper mir erzählt hat.“
Er zwang sie, eine neue, erfundene Lebensgeschichte auswendig zu lernen. Eine Collage aus schmutzigen kleinen Geheimnissen und Perversionen, die er sich ausgedacht hatte, um sie in das Monster zu verwandeln, das er in ihr sehen wollte.
Die erste Geschichte handelte von ihrer frühen Kindheit. „Du wirst ihnen erzählen“, instruierte er sie, „wie du mit dem Nachbarsjungen Thomas ‚Doktor‘ gespielt hast. Aber es war kein unschuldiges Spiel. Du warst acht. Du warst die treibende Kraft. Du hast ihn in den Keller gelockt, ihm gedroht, sein Fahrrad kaputt zu machen, wenn er nicht mitmacht. Du hast ihn überredet, seine Hose herunterzulassen. Du hast ihn untersucht, nicht aus kindlicher Neugier, sondern aus einem frühen, unreifen Machtgefühl. Du hast ihn gezwungen, dich zu berühren, und als er weinte, hast du gelacht. Du hast gelernt, dass die Scham anderer dir ein Gefühl der Stärke gibt.“
Er machte eine Pause und sah sie an, um sicherzugehen, dass sie jedes Wort aufnahm. „Dann wirst du ihnen von der sechsten Klasse erzählen. Von deiner Besessenheit mit dem Kapitän der Fußballmannschaft, Michael. Aber deine Besessenheit war nicht romantisch. Sie war voyeuristisch. Du hast den Schlüssel zur Jungenumkleide gestohlen und dich in einem der Spinde versteckt, nicht nur einmal, sondern wochenlang. Du wolltest nicht nur ihn sehen. Du wolltest sie alle sehen. Nackt. Verletzlich. Du wolltest ihre Körper studieren, ihre Gespräche belauschen, ihre Geheimnisse erfahren. Du hast dich an ihrer Ahnungslosigkeit berauscht und an dem Wissen, dass du eine Grenze überschritten hast, die kein anderes Mädchen zu überschreiten wagte.“
Seine Stimme wurde leiser, fast intim. „Und dann, die schmutzigste deiner kleinen Sünden. Dein Chemielehrer, Herr Wagner. Ein freundlicher, etwas naiver Mann. Du wirst ihnen gestehen, dass deine guten Noten nicht das Ergebnis von harter Arbeit waren. Du wirst ihnen erzählen, wie du ihn verführt hast. Wie du nach dem Unterricht geblieben bist, ihm Komplimente über seine ‚starken Hände‘ gemacht, ihn mit Blicken und ‚zufälligen‘ Berührungen umgarnt hast. Wie du ihm eines Nachmittags im leeren Labor gezeigt hast, was du bereit bist zu tun für eine Eins. Und als er dir schließlich nachgab, voller Schuldgefühle und Schwäche, als du bekommen hattest, was du wolltest, hast du ihn fallen gelassen. Mehr noch: Du hast Andeutungen bei deinen Freundinnen gemacht, hast Gerüchte gestreut, bis die Schulleitung aufmerksam wurde. Du hast ihn des Missbrauchs bezichtigt, eine kalkulierte, bösartige Lüge, die seine Karriere, seine Ehe und sein Leben zerstört hat. Und du hast es genossen. Du hast jeden Moment seiner öffentlichen Demütigung genossen.“
Sie musste diese Geschichten wieder und wieder proben, musste lernen, sie mit der richtigen Mischung aus gespielter Scham und unterdrücktem Stolz zu erzählen. Jeder Fehler wurde mit einem neuen Tadel vermerkt. Am Ende des Freitags hatte sie fünfzehn Tadel gesammelt.
Samstag: Das Tribunal
Am Samstagabend kamen die Gäste. Es waren zehn Personen, eine elitäre Gruppe aus Politik, Justiz und Wirtschaft. Darunter waren auch drei Frauen, deren kalte, wertende Blicke schlimmer waren als die der Männer. Sie alle trugen teure Abendgarderobe, tranken Champagner und unterhielten sich leise.
Linda wurde hereingeführt. Sie trug ein schlichtes, aber elegantes schwarzes Abendkleid. Ihre Haare waren hochgesteckt, ihr Make-up war dezent. Der Minister stellte sie als seine neue Praktikantin vor, eine vielversprechende junge Frau aus einem schwierigen Umfeld, der er eine Chance geben wollte.
Zunächst spielte sie ihre Rolle perfekt. Sie servierte Getränke, lächelte höflich und zog sich diskret zurück. Doch dann begann der Minister mit seinem Spiel. Er forderte sie auf, mehr zu trinken. Er füllte ihr Glas immer wieder mit Champagner.
„Nun, Linda“, sagte er mit lauter Stimme, als die Stimmung gelöster war. „Erzählen Sie unseren Gästen doch von Ihrer Arbeit im Archiv. Sie haben doch diese interessanten Dokumente über die Oppositionspartei gefunden, nicht wahr?“
Linda spielte ihre Rolle. Sie tat so, als wäre sie betrunken, kicherte und lallte leicht. „Oh, die Papiere“, sagte sie verschwörerisch. „Die, die ich dem Journalisten gegeben habe?“
Die Stille im Raum war augenblicklich und absolut. Die Gesichter der parteitreuen Gäste verfinsterten sich.
„Welcher Journalist?“, fragte eine der Frauen mit eisiger Stimme.
Linda tat so, als würde sie ihren Fehler bemerken. „Oh… habe ich das laut gesagt? Das sollte doch ein Geheimnis sein.“
Der Minister stand auf, sein Gesicht eine Maske aus gespieltem Zorn und Enttäuschung. „Was hast du getan?“, donnerte er.
Die Stimmung schlug von einer eleganten Dinnerparty in ein inquisitorisches Verhör um. Die Gäste umzingelten sie, ihre anfängliche Höflichkeit war einer kalten, feindseligen Neugier gewichen.
„Wer hat dich bezahlt, Mädchen?“, fragte der Oberstaatsanwalt, seine Stimme war schneidend. „Wie viel hast du für deinen Verrat bekommen?“
Linda, deren Verstand vom Champagner und der panischen Angst vernebelt war, klammerte sich an das Drehbuch, das der Minister ihr gegeben hatte. „Es… es war viel“, lallte sie. „Zehntausend. Sie sagten, es wäre erst der Anfang.“
Ein wütendes Murmeln ging durch die Gruppe. Die Summe war für sie unbedeutend, aber der Verrat war es nicht. Ihre Geheimnisse waren die Geheimnisse des Ministers.
„Und was hast du ihnen noch versprochen?“, fragte eine der Frauen, ihre Augen funkelten vor Zorn. „Welche anderen Geheimnisse unserer Partei wolltest du verkaufen?“
Die Gäste drängten auf sie ein, ihre Fragen prasselten auf sie nieder. Sie wollten mehr über den politischen Verrat hören, über andere Maulwürfe, über die Schwachstellen in ihrer Organisation. Aber Linda, gefangen in ihrer Rolle und benebelt vom Alkohol, missverstand die Richtung des Verhörs. Sie dachte, sie wollten mehr über ihre Verderbtheit hören, über die Wurzeln ihres Verrats. Sie klammerte sich an die Geschichten, die sie zwei Tage lang auswendig gelernt hatte.
„Es fing alles so früh an“, schluchzte sie und begann, die erste der einstudierten Lügengeschichten zu erzählen. Sie erzählte von dem Nachbarsjungen Thomas, den sie im Keller dominiert hatte. Die Gäste sahen sich verwirrt an. Das war nicht die Art von Verrat, die sie erwartet hatten. Aber die Geschichte war schmutzig, peinlich und faszinierend.
Ungebremst fuhr sie fort, erzählte von ihrer voyeuristischen Besessenheit in der Jungenumkleide, von der Jagd nach Geheimnissen, die nicht für ihre Augen bestimmt waren. Die anfängliche politische Wut der Gäste wich einer kalten, voyeuristischen Neugier.
Und als sie schließlich unter Tränen die Geschichte des verführten und zerstörten Chemielehrers gestand, war die Verwandlung vollständig. Sie war nicht mehr die politische Verräterin. Sie war etwas viel Schlimmeres in ihren Augen: ein moralisch bankrottes, perverses kleines Monster. Mit jeder schmutzigen, erfundenen Enthüllung wuchs die Verachtung in den Augen der Gäste.
Als sie geendet hatte, herrschte einen Moment lang Stille. Dann begann der Minister zu klatschen. Die anderen schlossen sich an, ein höflicher, anerkennender Applaus.
„Wie Sie sehen“, sagte der Minister. „Die Verderbtheit ist tief verwurzelt. Aber die Einsicht ist der erste Schritt. Nun stellt sich die Frage: Wie bestraft man eine solche Infamie?“ Er lächelte in die Runde. „Dieser Raum ist ungeeignet für eine angemessene Lektion. Ich schlage vor, wir begeben uns ins Amphitheater. Dort haben wir mehr Platz und die notwendigen Instrumente sind griffbereit.“
Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Gruppe. Die Gesellschaft erhob sich und bewegte sich wie eine Prozession aus der Suite, Linda wurde von zwei der Männer grob in ihre Mitte genommen.
Im Amphitheater war die Atmosphäre anders. Kälter. Bedrohlicher. Ein einzelner, gepolsterter Bock stand in der Mitte der Bühne. An der Wand dahinter hingen die Instrumente in einer ordentlichen, grausamen Reihe.
„Nun, Linda“, sagte der Minister, als sich alle gesetzt hatten. „Deine Rolle als Praktikantin ist beendet. Zieh dich aus.“
Langsam, unter den gierigen Blicken von elf Zuschauern, entledigte sie sich ihres Abendkleides. Sie faltete es ordentlich, eine letzte, absurde Geste der Disziplin, bevor sie nackt in der Mitte der Bühne stand.
„Wir haben entschieden, dass ein Gesellschaftsspiel angemessen wäre“, sagte der Oberstaatsanwalt mit seiner kalten, präzisen Stimme. Professor Lirpa, der als stiller Beobachter hinzugekommen war, reichte ihm drei kleine, lederne Schachteln.
„Hier“, sagte der Oberstaatsanwalt und stellte die Schachteln auf einen kleinen Tisch. „Drei Stapel Karten. Der erste bestimmt den Körperteil. Der zweite das Instrument. Der dritte die Anzahl der Schläge. Du, Linda, wirst fünfmal die Ehre haben, einen von uns auszuwählen. Der oder die Auserwählte wird dann von jedem Stapel eine Karte ziehen und das Urteil vollstrecken.“
Linda zitterte. Es war die Hölle, in ein Spiel verwandelt.
„Wähle“, befahl der Minister.
Ihre Augen irrten über die Gesichter. Sie wählte eine der Frauen, eine hagere Gestalt mit einem grausamen Lächeln. Die Frau trat vor, zog drei Karten. „Brüste“, las sie vor. „Paddel. Fünf.“ Sie nahm das schwere Holzpaddel von der Wand, aber der Minister gebot ihr Einhalt: “Meine Gute, damit könnten sie ihre Brüste gänzlich zerstören! Ziehen Sie doch bitte noch einmal … vielleicht ist das Glück ja etwas gnädiger.” Sie grunzte verächtlich, hängte das Paddel wieder zurück und zog erneut, diesmal hatte sie die “Peitsche” erwischt. Linda war inzwischen an einem Andreaskreuz fixiert worden, so dass sich der Dame eine gute Angriffsfläche bot. Sie schlug fünfmal mit ungeschickter, aber bösartiger Kraft zu. Linda schrie laut. Aber es hätte schlimmer sein können, dachte sie bei sich.
Als Nächstes wählte sie einen Mann, der neben dem Industriellen saß. Er zog die Karten. „Oberschenkel. Rohrstock. Zwanzig.“ Zwanzig zischende, brennende Hiebe, die ihre Haut aufrissen.
Sie wählte den Oberstaatsanwalt. Er zog: „Vulva. Lederriemen. Sieben.“ Er trat an sie heran, während sie immer noch über den Bock gebeugt war. Er war kein ungeschickter Amateur. Seine Schläge waren präzise, jeder einzelne traf ihr wundes, entblößtes Fleisch mit einer kalten, kalkulierten Grausamkeit, die darauf abzielte, maximale Demütigung mit minimalem sichtbarem Schaden zu verursachen. Sie keuchte und wand sich, aber die sieben Schläge fühlten sich an wie siebzig.
Sie wählte eine andere Frau. Die Karten sagten: „Rücken. Neunschwänzige Katze. Vier.“ Die Metallknoten rissen ihre bereits geschundene Haut auf.
Für die letzte Runde gab es keine wirkliche Wahl mehr. Alle blickten auf den Minister. Linda wusste, was von ihr erwartet wurde. Mit letzter Kraft hob sie den Kopf und flüsterte: „Ich wähle Sie, Herr Minister.“
Er trat vor, ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen. Er griff nicht nach den Karten. „Ich glaube, die Karten sind für meinen Vorschlag nicht ausgelegt“, sagte er. Er blickte zu Lirpa. „Professor, Sie sprachen von modernen Methoden. Ich glaube, es ist an der Zeit für eine Demonstration.“
Lirpa nickte und ließ das elektrische Stimulationsgerät hereinrollen.
„Die Karten, die ich für mich reserviert habe“, fuhr der Minister fort, während die Assistenten das Gerät vorbereiteten, „lauten: Klitoris. E-Stim-Maschine. Und die Zahl 22.“ Er sah in die verwirrten Gesichter seiner Gäste. „Bei diesem speziellen Instrument bedeutet die Zahl nicht die Anzahl der Schläge. Sie bedeutet die Anzahl der Sekunden. Bei maximaler Intensität.“
Ein leises, anerkennendes Raunen ging durch die Gruppe.
Linda wurde vom Bock gelöst und auf den Boden gezwungen, auf den Rücken, die Beine gespreizt und in Steigbügeln fixiert, die aus dem Bühnenboden fuhren. Der Industrielle trat vor, um die Klemmen anzulegen, eine an ihrer Brustwarze, die andere, mit grausamer Präzision, direkt an ihrem Kitzler.
Der Minister trat an die Konsole. „Zweiundzwanzig Sekunden“, sagte er. Er legte seine Hand auf den Regler und drehte ihn ohne Zögern auf Maximum.
Der Stromstoß traf sie wie ein Blitz. Ihr Körper bäumte sich in einem einzigen, gewaltigen Krampf auf. Es war kein Schmerz mehr, es war die totale Auslöschung. Ihr Schrei war ein stummer, erstickter Laut, als ihre Lungen sich verkrampften. Ihr ganzer Körper vibrierte, zuckte, tanzte in einem grotesken Todeskampf auf dem Boden. Die zweiundzwanzig Sekunden waren eine Ewigkeit in einer Hölle aus reinem, weißem, nervenzerfetzendem Feuer.
Als der Strom abgeschaltet wurde, fiel ihr Körper schlaff zurück. Ein dünner Rauchfaden stieg von den Kontaktpunkten auf. Sie war bewusstlos.
Als der letzte Schrei in der stillen Halle verhallt war und Linda als gebrochenes, schluchzendes Häufchen Elend auf dem Boden lag, wandte sich der Minister an seine zufriedenen Gäste. „Sehen Sie? Mit der richtigen Methode kann selbst der widerspenstigste Geist zur Vernunft gebracht werden.“
Er verließ das Institut, ohne sich noch einmal nach ihr umzudrehen.
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