Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 19 of 34
Die Lichter im weißen Raum erloschen und tauchten die Szene in eine barmherzige Dunkelheit. Die Manschetten an ihren Gliedmaßen öffneten sich mit einem leisen Zischen.
Im Zuschauerraum herrschte absolute Stille. Alle blickten auf den großen Bildschirm, auf dem nun die finalen Daten angezeigt wurden. Zwei Balkendiagramme, beschriftet mit „Subjekt Alina“ und „Subjekt Linda“, begannen langsam und synchron in die Höhe zu wachsen, während die KI die kumulative Summe aller unwillkürlichen Reaktionen berechnete. Die beiden Mädchen, kaum bei Bewusstsein, starrten ebenfalls auf den Bildschirm, ihre Schicksale wurden in Echtzeit visualisiert.
Die Balken stiegen, mal schneller, mal langsamer. Alinas Balken, angetrieben von ihren lauten Schreien und ihrem verzweifelten Kampf, schien immer einen Hauch vorn zu liegen. Lindas Balken stieg langsamer, aber stetig. Dann, bei der finalen Auswertung, geschah es: Lindas Balken stoppte abrupt. Alinas Balken wuchs noch einen letzten, quälenden Millimeter weiter, bevor auch er zum Stillstand kam. Es war entschieden.
Die KI hatte ihre Versuche der Dissoziation registriert und mit gezielter Grausamkeit durchbrochen, aber ihre Reaktionen waren anders gewesen. Weniger Schreie, mehr innere Krämpfe. Weniger Kampf, mehr stilles Ertragen. Ihre Ausbildung unter Alina hatte, auf eine perverse Weise, Früchte getragen. Sie hatte gelernt, den Schmerz nach innen zu kehren.
Die computerisierte Stimme verkündete das Ergebnis mit unbeteiligter Finalität. „Analyse abgeschlossen. Kumulativer Neuro-Response-Wert für Subjekt Alina: 12.783 Einheiten. Kumulativer Neuro-Response-Wert für Subjekt Linda: 11.451 Einheiten. Subjekt Linda Meier hat die niedrigere Reaktionssumme aufgewiesen. Subjekt Linda Meier ist die Siegerin.“
Ein leises, fast unhörbares Geräusch kam von der linken Liege. Ein einziges, trockenes Schluchzen. Alina hatte verloren.
Im Zuschauerraum begann Herr van der Meer langsam zu klatschen. Sein Applaus war nicht laut, aber er war langsam, überlegt, anerkennend. Der Industrielle und Lirpa schlossen sich an.
Die Tür zur Suite ging auf. Zwei Diener in Livree traten ein, gefolgt von zwei Sanitätern mit Tragen. Der eine Diener hielt den cremefarbenen Seidenanzug. Der andere hielt das raue, graue Leinenkleid.
Die Sanitäter hoben zuerst Linda von der Liege. Sie war kaum bei Bewusstsein, aber sie lebte. Der eine Diener trat vor und begann, sie mit einer fast ehrerbietigen Sorgfalt in den teuren Anzug zu kleiden.
Dann wandten sich die Sanitäter Alina zu. Sie hoben ihren schlaffen Körper an.
Linda, gestützt von den Sanitätern, wurde auf die Füße gezwungen. Sie blickte zu Alina, die dastand. Ihre Augen trafen sich für einen letzten, langen Moment. In Alinas Blick lag keine Wut mehr. Nur eine unendliche, leere Verzweiflung. Und in Lindas Blick lag kein Triumph. Nur das kalte, schreckliche Verständnis, dass sie nicht gewonnen hatte. Sie hatte nur überlebt.
Sie wurde aus dem Raum geführt, durch den stillen Korridor, hinaus in die kalte Nachtluft, wo die schwarze Limousine wartete. Der Chauffeur hielt die Tür auf. Sie stieg ein.
Alina wurde von den Präfekten ergriffen, angeführt von einem unbewegten Alexander. Sie wurde nicht hinausgeführt. Sie wurde zurück in die Tiefen des Instituts geschleppt. Lirpa hatte ihr Schicksal verkündet: Da sie die Prüfung nicht bestanden hatte, musste sie ihren Abschluss nachholen. Sie würde wieder in die Abschlussklasse eingegliedert, älter und gebrochener als ihre Mitschüler. Allerdings unter besonderen Bedingungen: Sie würde das gesamte Schuljahr in einem Zustand permanenter Nacktheit verbringen und jeden Samstagabend würde sie zur öffentlichen „Wartung“ in die Van der Meer Suite gebracht, vor den Augen der gesamten Schule. Eine ständige, lebende Erinnerung daran, was selbst mit den Besten der Besten geschieht, wenn sie versagen.
Die Tür der Limousine schloss sich mit einem schweren, endgültigen Klicken und tauchte Linda in die Dunkelheit des luxuriösen Innenraums. Der Wagen setzte sich leise in Bewegung. Sie blickte nicht zurück.
Sie trieb in einem grauen Ozean zwischen Bewusstsein und Vergessen. Sie spürte das sanfte Schwanken des Autos, den Geruch von teurem Leder. Sie war allein.
Langsam, mit einer Bewegung, die eine unendliche Anstrengung zu kosten schien, bewegte sie ihre Hand über das kühle Leder. Ihre Finger berührten etwas. Ein Glas. Es war mit Champagner gefüllt.
Eine Hand nahm das Glas aus ihrer. Herr van der Meer saß ihr im Dunkeln gegenüber.
„Gut gemacht, Echo“, sagte seine leise, kultivierte Stimme. „Du hast deine erste Prüfung bestanden.“
Die Limousine beschleunigte, ihre roten Rücklichter verschwanden in der Nacht. Das eiserne Tor des Instituts schloss sich hinter ihr. Die Geschichte war zu Ende. Und sie hatte gerade erst begonnen.
Der Sieg hatte Linda befreit. Für Alina war er der Beginn einer Hölle, die so tief und allumfassend war, dass die Erinnerung an die Strafsuite fast wie eine Gnade erschien. Ihr altes Leben, ihre Macht, ihre Identität – all das wurde ihr zusammen mit dem cremefarbenen Seidenanzug vom Leib gerissen. Übrig blieb nur der nackte, geschundene Körper und das raue, graue Leinenkleid der Verliererin, das sie nur für den Gang zu ihrer neuen Unterkunft tragen durfte.
Ihre neue Unterkunft war eine Zelle im tiefsten Keller des Instituts, ein feuchtes, fensterloses Loch mit einer dünnen Matratze auf dem Betonboden. Hier begann ihre neue Existenz.
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