Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 2 of 34
Die Worte ihrer Mutter hingen wie ein Damoklesschwert über Lindas Kopf. „Das hängt von dir ab.“ Es war keine Freisprechung, sondern eine Bewährungsstrafe. Jeder Schritt, den sie tat, jede Entscheidung, die sie traf, würde nun unter dem Mikroskop ihrer Eltern liegen. Die Drohung des Internats war nicht verschwunden, sie lauerte nur im Hintergrund, eine ständige, düstere Erinnerung an die Konsequenzen ihres Handelns.
Linda gab sich Mühe, wirklich. Die ersten Tage waren eine Demonstration mustergültigen Verhaltens. Sie stand ohne Murren auf, erledigte ihre Hausaufgaben, ohne dass man sie daran erinnern musste, und hielt sich an die vereinbarten Ausgehzeiten. Die Partys ließ sie sausen, den Alkohol rührte sie nicht an. Sie telefonierte oft mit ihrem Freund Mark, dessen Stimme eine beruhigende Verbindung zu ihrer alten, unbeschwerten Welt war. Doch die Anstrengung, dieses perfekte Bild aufrechtzuerhalten, war enorm. Es fühlte sich an wie das Anhalten des Atems. Früher oder später musste sie ausatmen.
Die Katastrophe kam nach knapp zwei Wochen. Es war ein Freitagabend. Ihre Freundinnen zogen los, und Linda saß zu Hause und starrte auf ihr Mathebuch, die Formeln tanzten vor ihren Augen wie unverständliche Hieroglyphen. Ihr Handy summte ununterbrochen mit Nachrichten und Fotos von der Party. Sie sah lachende Gesichter, bunte Lichter, Becher in den Händen. Ein Stich der Eifersucht und des Selbstmitleids durchfuhr sie. Sie war jung, sie wollte leben, nicht in diesem Käfig der Vorbildlichkeit sitzen.
„Nur für eine Stunde“, redete sie sich ein. „Ich trinke nichts. Ich will nur Hallo sagen.“
Die Lüge war so dünn wie das Eis, auf das sie sich begab. Eine Stunde wurden zwei, aus „Hallo sagen“ wurden tiefe Gespräche und lautes Lachen. Und als ihr jemand einen Becher in die Hand drückte, nahm sie ihn nach kurzem Zögern an. Der erste Schluck Wodka-Lemon brannte vertraut in ihrer Kehle und spülte die Anspannung der letzten Wochen fort. Es fühlte sich wie Freiheit an.
Die Freiheit endete abrupt um zwei Uhr morgens, als sie auf Zehenspitzen durch die Haustür schlich und direkt in die wütenden Gesichter ihrer Eltern blickte, die im dunklen Flur auf sie gewartet hatten. Der Geruch von Alkohol, der sie umwabte, war eine unmissverständliche Anklage.
Ihre Mutter sprach kein Wort. Sie sah Linda nur mit einer eisigen Enttäuschung an, die schlimmer war als jeder Schrei. Ihr Vater seufzte schwer und rieb sich die müden Augen. „Geh ins Bett, Linda. Wir reden morgen.“
Das Gespräch am nächsten Morgen war kurz und schmerzlos. Es gab keine Vorwürfe mehr, keine Wut. Nur eine kalte, resignierte Entschlossenheit.
„Wir haben den Vertrag für die Probezeit unterschrieben“, sagte ihr Vater mit tonloser Stimme und schob ein Dokument über den Küchentisch. „Du fängst am Montag an. Für zwei Wochen. Wenn du dich dort bewährst, kannst du danach zurückkommen. Wenn nicht…“ Er ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen.
Linda fühlte, wie der Boden unter ihren Füßen nachgab. „Nein! Bitte! Ich mache es wieder gut! Es war ein Ausrutscher!“, flehte sie, Tränen schossen ihr in die Augen.
„Wir haben dir eine Chance gegeben, Linda“, erwiderte ihre Mutter, ihre Stimme hart wie Stahl. „Du hast sie verspielt. Professor Lirpa erwartet dich am Montagmorgen um acht Uhr. Pack deine Sachen.“
Die nächsten 36 Stunden waren die Hölle. Linda weinte, schrie, flehte, aber ihre Eltern blieben unerbittlich. Ihre Entscheidung stand fest. Der Anruf bei Mark war das Schlimmste. Sie konnte seine Fassungslosigkeit durchs Telefon spüren. „Ein Internat? So eins, wie du erzählt hast? Mit… mit diesen Strafen?“
„Nur zur Probe“, schluchzte Linda. „Zwei Wochen nur.“ Aber sie wusste selbst nicht, ob sie daran glauben sollte.
Die Fahrt am Montagmorgen war von drückendem Schweigen erfüllt. Diesmal schlief Linda nicht. Sie starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft, jeder Kilometer brachte sie näher an ihr Gefängnis. Da stand das Internat … wie sie es auf dem Bildschirm gesehen hatte.
Alina empfing sie an der Rezeption, ihre Erscheinung war makellos wie beim ersten Mal. Sie hatte wohl immer noch Assistenzdienst. Dieselbe Uniform, dieselben blonden Zöpfe, dasselbe professionell-höfliche Lächeln. Doch heute sah Linda etwas anderes in ihren blauen Augen: ein flüchtiges Aufflackern von Mitleid, vielleicht sogar von Wiedererkennen.
„Willkommen, Linda“, sagte sie mit sanfter Stimme. „Der Professor hat leider gerade keine Zeit. Ich werde dich auf das Schulgelände bringen und dir alles zeigen.“
Ihre Eltern verabschieden sich kurz und kühl. Ein „Benimm dich“ von ihrer Mutter, ein beklommener Blick von ihrem Vater. Dann waren sie weg und ließen Linda mit Alina und einem Koffer voller Angst zurück.
„Komm“, sagte Alina und ihre professionelle Fassade wich einer fast freundschaftlichen Geste. „So schlimm ist der erste Tag nicht.“
Sie führte Linda durch eine Glastür in einen langen Korridor, der zu einem weitläufigen Campus führte. Die Gebäude waren modern, aus Glas und Stahl, umgeben von perfekt gepflegten Rasenflächen. Es sah aus wie die Broschüre, aber in der Realität wirkte alles steriler, kontrollierter. Überall sah Linda Schüler in den gleichen blauen und weißen Uniformen. Jungen und Mädchen. Die Jungen trugen blaue Hosen, weiße Hemden und die gleichen altbackenen schwarzen Schuhe. Es herrschte eine fast unheimliche Ruhe und Ordnung.
Alina brachte sie zum Mädchenflügel, einem der Wohngebäude. Das Zimmer war spartanisch. Zwei Betten, zwei Schreibtische, zwei Schränke. Alles in neutralem Weiß und Grau. Auf einem der Betten lag bereits ein Stapel Kleidung.
„Das ist deine Uniform“, erklärte Alina. „Für die nächsten zwei Wochen gehört sie dir. Sommeruniform, wie meine. Dazu gehören fünf weiße Blusen, zwei Faltenröcke, zehn Paar weiße Söckchen, die Schuhe, eine Sportuniform und…“ Sie zögerte kurz. „Sieben Garnituren Unterwäsche. Weiße Baumwollslips und weiße, schlichte BHs. Private Kleidung ist nicht gestattet und wird im Sekretariat verwahrt.“
Linda starrte auf den Stapel. Es fühlte sich an, als würde sie ihre Identität abgeben.
„Deine Zimmergenossin heißt Sarah. Sie ist im Unterricht. Du hast jetzt eine Stunde Zeit, um dich einzurichten und die Uniform anzuziehen. Danach beginnt dein erster Unterricht. Hier ist dein Stundenplan.“ Alina reichte ihr einen Ausdruck. „Ich hole dich in einer Stunde ab und bringe dich zum Klassenzimmer.“
Als Alina gegangen war, sank Linda auf das Bett. Die Matratze war hart. Sie zog die Uniform an. Der Stoff der Bluse war steif, der Rock war erschreckend kurz und luftig. Als sie sich im kleinen Spiegel über dem Schreibtisch betrachtete, erkannte sie sich kaum wieder. Sie sah aus wie eine von ihnen. Ein Klon. Sie zog den Slip an. Er war schlicht und funktional.
Pünktlich nach einer Stunde klopfte Alina an die Tür. „Bereit?“
Linda nickte stumm. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Alina führte sie schweigend durch die Korridore. Die Geräusche waren gedämpft. Das leise Quietschen ihrer Schuhe auf dem polierten Linoleumboden, das entfernte Summen von Stimmen hinter geschlossenen Türen. An einer Wand im Hauptgebäude hing eine große, gerahmte Version der Schulordnung. Linda las im Vorbeigehen Überschriften wie „Pünktlichkeit und Ordnung“, „Respektvolles Verhalten“, „Akademische Integrität“ und, ganz am Ende, „Disziplinarmaßnahmen“. Darunter ein kleineres Bild des Prangers, den sie aus der Präsentation kannte. Er stand tatsächlich im zentralen Hof, eine stumme Mahnung für alle.
Alina blieb vor einer Tür mit der Aufschrift „Geschichte – Dr. Weber“ stehen. „Das ist es. Dr. Weber ist streng, aber fair. Versuch einfach, aufzupassen.“ Sie warf Linda einen letzten, aufmunternden Blick zu und ging.
Linda atmete tief durch und drückte die Klinke herunter.
Der Klassenraum war hell und modern, genau wie in der Präsentation. Fünfundzwanzig einzelne Tische standen in perfekten Reihen, ausgerichtet auf ein interaktives Whiteboard und das Pult des Lehrers. Fast alle Plätze waren besetzt, Jungen und Mädchen gemischt. Alle trugen die Uniform. Alle blickten auf, als sie eintrat. Linda spürte ihre Wangen rot werden unter den neugierigen Blicken.
Der Lehrer, ein hagerer Mann in den Fünfzigern mit einer strengen Brille, sah von seinen Notizen auf. „Ah, Linda. Willkommen. Wir haben einen Platz für dich in der dritten Reihe. Bitte nimm Platz, der Unterricht beginnt sogleich.“
Linda eilte zu dem ihr zugewiesenen Platz, ein Tisch zwischen einem Jungen mit konzentriertem Gesichtsausdruck und einem leeren Stuhl. Sie setzte sich und legte nervös ihre Hände auf die kühle Tischplatte. Dr. Weber begann sofort mit dem Unterricht.
„Wenden wir uns nun dem Thema der heutigen Stunde zu: Die Ursachen und der Verlauf der Französischen Revolution. Wer kann mir die drei Stände der damaligen Gesellschaft nennen?“
Eine Schülerin in der ersten Reihe meldete sich und antwortete mit klarer Stimme. Der Unterricht nahm seinen Lauf. Linda versuchte, sich zu konzentrieren, aber die Nervosität und die fremde Umgebung machten es schwer. Sie blickte sich vorsichtig um und musterte ihre neuen Mitschüler. Alle saßen kerzengerade, ihre Gesichter waren auf den Lehrer gerichtet. Eine fast unnatürliche Stille lag über dem Raum, nur unterbrochen von Dr. Webers Stimme und den präzisen Antworten der Schüler.
Dann fiel ihr Blick auf ein Mädchen, das zwei Plätze schräg vor ihr saß. Zuerst verstand ihr Gehirn nicht, was es sah. Das Mädchen hatte blondes Haar und saß genauso aufrecht wie alle anderen, die Hände auf dem Tisch gefaltet. Aber etwas war fundamental falsch. Sie trug keine Uniform. Sie trug überhaupt nichts.
Linda blinzelte. Sie musste sich irren. Doch das Bild blieb dasselbe. Das Mädchen war vollkommen nackt. Ihre Kleidung lag nicht neben ihr. Sie saß einfach da, als wäre es das Normalste auf der Welt. Ihre Haut schien im kühlen Licht des Klassenzimmers fast durchsichtig. Linda konnte die Kurve ihrer Wirbelsäule sehen, die leichten Vertiefungen über ihren Hüften, wo sie auf dem harten Stuhl saß.
Linda konnte den Blick nicht abwenden. Es war eine Mischung aus Entsetzen, Faszination und einem tiefen, nagenden Mitleid. Wie konnte sie so ruhig dasitzen? Niemand schien sie zu beachten. Der Junge direkt neben dem nackten Mädchen machte sich Notizen, als säße dort eine ganz normal gekleidete Mitschülerin. Dr. Weber schien sie völlig zu ignorieren, sein Blick wanderte über sie hinweg, als wäre sie Luft. Die ganze Klasse nahm an dieser stillschweigenden Übereinkunft teil, die Nacktheit zu ignorieren. Es war, als ob das Mädchen unsichtbar gemacht worden war, obwohl sie noch nie so entblößt gewesen war.
Diese inszenierte Normalität war weitaus beunruhigender als ein offener Tadel es gewesen wäre. Die Bestrafung lag nicht in der Zurschaustellung, sondern in der erzwungenen Nichtexistenz. Das Mädchen war zu einem Objekt degradiert worden, zu einem Möbelstück, das man nicht zur Kenntnis nahm. Linda spürte, wie ihr kalt wurde. Der Grund für die Bestrafung war unbekannt, was es nur noch schlimmer machte. Jeder hier könnte der Nächste sein, aus jedem beliebigen Grund.
„So“, sagte Dr. Weber. „Nachdem wir die Ständegesellschaft geklärt haben, wenden wir uns der Finanzkrise unter Ludwig XVI. zu.“
Seine Stimme war ein monotones Brummen im Hintergrund von Lindas Wahrnehmung. Ihr gesamter Fokus war auf das nackte Mädchen gerichtet, dessen Name sie nicht einmal kannte. Sie sah die Gänsehaut auf ihren Armen, das leichte Zittern ihrer Schultern. Sie stellte sich vor, sie selbst säße dort. Die Vorstellung ließ eine Welle von Übelkeit in ihr aufsteigen.
Sie versuchte, sich zu zwingen, aufzupassen. Sie blickte auf das Whiteboard, wo Dr. Weber eine Zeittafel skizzierte. „1789… der Sturm auf die Bastille… ein entscheidender Wendepunkt.“ Er sprach von Robespierre und dem Terrorregime. Aber die Worte drangen nicht zu ihr durch. Ihre Gedanken kreisten. Sie war in einem Albtraum gefangen. Was, wenn sie einen Fehler machte? Würde sie auch dort sitzen müssen, ignoriert von allen? Die Angst schnürte ihr die Kehle zu.
Ein Junge in der zweiten Reihe ließ seinen Stift fallen. Als er sich bückte, um ihn aufzuheben, wanderte sein Blick unverhohlen zu dem nackten Mädchen. Das zuckte kaum merklich zusammen, sein Gesicht blieb eine Maske. Dr. Weber bemerkte es, sagte aber nichts. Seine Missbilligung lag jedoch wie eine kalte Decke über dem Raum, eine stille Warnung an alle anderen.
Die 45 Minuten der Unterrichtsstunde dehnten sich zu einer Ewigkeit. Linda nahm nichts von den Jakobinern oder dem Wohlfahrtsausschuss auf. Ihr Gehirn war voll mit dem Bild des nackten, zitternden Mädchens. Sie spürte eine seltsame Verbundenheit mit ihr, eine Solidarität im Schrecken.
Als die Glocke endlich läutete, schreckte Linda auf. Die Schüler begannen, ihre Sachen zusammenzupacken.
„Moment noch!“, rief Dr. Weber und brachte die aufstehenden Schüler zum Innehalten. Er wandte sich zum ersten Mal direkt an das nackte Mädchen. Seine Stimme war ruhig, aber scharf. „Lena. Du weißt, dass Professor Lirpa dich erwartet.“
Ohne ein Wort zu sagen, stand das Mädchen auf. Sie bewegte sich mit einer seltsamen, fast ruhigen Anmut, als sie den Raum verließ, die Augen aller auf ihrem nackten Rücken. Die Tür schloss sich leise hinter ihr.
Ein eisiges Schweigen legte sich über den Raum, bevor Dr. Weber fortfuhr, ein böses Lächeln huschte über seine Lippen. „Und für den Rest von euch, um sicherzustellen, dass die heutige Lektion – die historische, meine ich – auch wirklich angekommen ist, werden wir einen kleinen, unangekündigten Test schreiben. Nehmen Sie ein leeres Blatt Papier und einen Stift zur Hand.“
Ein kollektives Stöhnen ging durch den Raum. Linda erstarrte. Ein Test? Worüber? Sie wusste nichts. Ihr Kopf war leer, vollkommen leer. Sie hatte kein einziges Wort von dem, was Dr. Weber gesagt hatte, behalten.
Panik, kalt und schneidend, ergriff sie. Sie starrte auf das leere Blatt vor sich. Dr. Weber diktierte die erste Frage, seine Stimme hallte in ihren Ohren wider.
„Frage eins: Nennen und beschreiben Sie die drei Hauptursachen, die zur französischen Finanzkrise vor 1789 führten.“
Linda starrte auf ihr Blatt. Finanzkrise? Sie erinnerte sich vage an das Wort, aber es war mit keinem Inhalt verknüpft. Ihr ganzer Verstand war noch bei Lena, bei der Demütigung, bei der Angst.
„Frage zwei: Was war die Bedeutung des Ballhausschwurs?“
Ballhausschwur. Der Name sagte ihr nichts. Sie sah sich hilfesuchend um. Der Junge neben ihr schrieb mit rasender Geschwindigkeit. Andere kauten auf ihren Stiften, aber die meisten schienen zu schreiben. Sie war die Einzige, die völlig verloren war.
„Frage drei: Erläutern Sie die Rolle von Maximilien de Robespierre während der Herrschaft des Terrors.“
Robespierre. Der Name war gefallen, das wusste sie. Aber wer war er? Was hatte er getan? Nichts. Leere.
Sie kritzelte irgendetwas auf das Papier. Vage Phrasen, die sie irgendwo aufgeschnappt zu haben glaubte. „Der König war inkompetent … die Leute waren wütend… sie haben den König getötet.“ Es war lächerlich.
Nach quälenden zehn Minuten sagte Dr. Weber: „Stifte nieder. Geben Sie Ihre Zettel nach vorne durch.“
Mit zitternder Hand reichte Linda ihr fast leeres Blatt weiter. Sie fühlte, wie ihr Schicksal besiegelt wurde. Dies war nicht nur eine schlechte Note. An diesem Ort war eine schlechte Note ein Vergehen. Ein Fehlverhalten.
Dr. Weber überflog die eingesammelten Blätter mit geübtem Blick. Er sortierte sie in zwei Stapel. Einen großen und einen sehr kleinen.
„Die meisten von Ihnen scheinen aufgepasst zu haben“, sagte er anerkennend. Dann fiel sein Blick auf den kleinen Stapel. Er nahm das oberste Blatt. „Jonas.“
Ein Junge drei Reihen vor Linda zuckte zusammen.
Er nahm das nächste Blatt. Sein Blick wanderte durch den Raum und blieb an Linda hängen. Ihre Herzen schienen auszusetzen.
„Linda“, sagte er mit einer betonten, kalten Ruhe. „Es scheint, Sie waren von der Situation ebenso abgelenkt wie andere von ihrer Pflicht. Ihr Blatt ist, um es milde auszudrücken, eine Beleidigung für die Intelligenz eines jeden hier im Raum.“
Die Klasse war totenstill. Alle Augen waren nun auf Linda gerichtet. Die Scham brannte heißer als bei ihrem Einzug in den Raum.
„Jonas und Linda. Sie werden beide nach dieser Stunde nicht in die Pause gehen. Sie werden sich direkt vor dem Büro von Professor Lirpa einfinden. Ich werde ihm Ihre… äh… ‚Arbeiten‘ zukommen lassen.“
Er entließ die Klasse. Die Schüler strömten hinaus, einige warfen Linda mitleidige Blicke zu, andere schadenfrohe. Der Junge, Jonas, sah genauso verängstigt aus wie sie.
Linda blieb wie erstarrt auf ihrem Stuhl sitzen. Der erste Tag. Die erste Stunde. Und sie hatte bereits versagt. Nicht nur ein bisschen, sondern katastrophal.
Sie dachte an die Präsentation. An die Fotos von nackten Schülern. An den Pranger. An die Schlaginstrumente auf dem Schreibtisch des Professors. Sie dachte an Alinas gezeichneten Po.
„Das hängt von dir ab“, hatte ihre Mutter gesagt. Und sie hatte es vermasselt. Ihre Probezeit war vielleicht schon nach 90 Minuten vorbei. Und jetzt wartete Professor Lirpa auf sie. Sie stand langsam auf, ihre Beine fühlten sich an wie Blei. Der Weg zum Büro des Professors kam ihr vor wie der Gang zum Schafott.
Der Gang zum Büro von Professor Lirpa war ein stiller Marsch in die Verdammnis. Linda und der Junge, Jonas, gingen mit mehreren Metern Abstand, als ob die Angst des anderen ansteckend wäre. Jeder Schritt auf dem polierten Boden hallte in der unheimlichen Stille des Korridors wider. Linda wagte es nicht, ihn anzusehen. Sie waren Fremde, doch durch ihr gemeinsames Versagen und ihr bevorstehendes Schicksal auf unheilvolle Weise miteinander verbunden. Sie war sich Jonas' Anwesenheit schmerzlich bewusst – dem schnellen, nervösen Rhythmus seiner Atmung, dem leisen Quietschen seiner tadellosen schwarzen Schuhe.
Sie erreichten die Tür zum Vorzimmer. Es war das erste Mal, dass Linda diesen speziellen Raum im Internat betrat, doch er ähnelte dem Büro, in dem das erste Gespräch stattgefunden hatte, auf unheimliche Weise: kühl, minimalistisch und von einer Atmosphäre steriler Autorität durchdrungen. Und da saß sie, hinter dem schlichten weißen Schreibtisch – Alina. Sie sah von ihrem Bildschirm auf, als die beiden eintraten. Ihr Gesicht war eine Maske professioneller Neutralität, doch für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Linda, in ihren blauen Augen einen Funken Mitleid zu sehen. Es war ein flüchtiges, machtloses Gefühl, das sofort wieder verschwand.
„Der Professor wurde informiert“, sagte Alina mit ihrer ruhigen, geschäftsmäßigen Stimme. „Nehmt bitte Platz. Er wird euch rufen.“
Zwei schlichte Stühle standen vor der Wand gegenüber von Alinas Schreibtisch. Sie und Jonas setzten sich, wieder mit dem größtmöglichen Abstand. Die Stille im Raum war ohrenbetäubend. Das einzige Geräusch war das leise Ticken einer digitalen Uhr an der Wand und das fast unhörbare Summen von Alinas Computer. Linda starrte auf ihre Hände, die sie in ihrem Schoß verknotet hatte. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie fürchtete, die anderen könnten es hören.
Minuten dehnten sich zu einer gefühlten Ewigkeit. Jedes Mal, wenn Alina sich bewegte oder auf ihrer Tastatur tippte, zuckte Linda zusammen. Ihre Gedanken rasten unkontrolliert. Sie sah Lena vor sich, nackt und zitternd vor der Klasse. Sie sah die Züchtigungsinstrumente, die der Professor bei der ersten Präsentation so beiläufig ausgebreitet hatte. Das schwere Holzpaddel. Die dünnen, bösartigen Rohrstöcke. Sie dachte an den gequälten Schrei Alinas, als ihre eigene Mutter sie geschlagen hatte. Und sie dachte an ihre Eltern, an ihre kalten, enttäuschten Gesichter, als sie sie hier abgeliefert hatten. Sie hatten das alles gewusst. Sie hatten zugestimmt. Dieser Gedanke war fast schmerzhafter als die Angst vor dem, was kommen würde.
Sie riskierte einen Blick zu Jonas. Er saß steif auf seinem Stuhl, sein Blick war starr auf die geschlossene Tür zum Büro des Professors gerichtet. Seine Knöchel waren weiß, so fest umklammerte er die Kanten seines Sitzes. Er litt genauso wie sie. Doch dieses Wissen spendete keinen Trost, es verstärkte nur das Gefühl der unausweichlichen Katastrophe.
Endlich, nach einer Zeitspanne, die Stunden hätte dauern können, summte die Sprechanlage auf Alinas Schreibtisch. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ja, Herr Professor.“ Eine kurze Pause. „Ja, sofort.“
Alina stand auf. Ihr Blick traf zuerst Jonas. „Der Professor wird dich jetzt sehen.“
Jonas schluckte schwer. Er stand auf, seine Beine wirkten unsicher. Er warf Linda einen kurzen, panischen Blick zu, dann richtete er seine Schultern, als wollte er eine Haltung bewahren, die er längst verloren hatte. Er ging zur Tür, öffnete sie und verschwand im Büro des Professors. Die Tür schloss sich mit einem leisen, endgültigen Klicken.
Und Linda war wieder allein mit ihrer Angst.
Die Stille war nun noch schlimmer. Sie war gefüllt mit ihrer Vorstellungskraft. Was geschah da drin? Hörte sie Stimmen? Sie spitzte die Ohren, hielt den Atem an. Ja, da war etwas. Ein tiefes, monotones Murmeln – die Stimme des Professors. Sie konnte die Worte nicht verstehen, aber der Tonfall war klar: kalt, belehrend, unerbittlich. Dann eine höhere, brüchige Stimme – Jonas. Er stammelte eine Antwort.
Linda presste die Hände gegen ihre Ohren. Sie wollte es nicht hören. Sie versuchte, an Mark zu denken, an ihr Zimmer zu Hause, an einen Sommerabend im Park. Aber die Bilder verblassten, verdrängt von der schrecklichen Realität dieses Ortes.
Plötzlich hörte sie einen schärferen Ton aus dem Büro. Ein Befehl. Dann Stille. Eine quälende, angespannte Stille. Und dann – ein Geräusch, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein dumpfer, lauter Schlag, gefolgt von einem unterdrückten, schmerzerfüllten Keuchen.
Klatsch!
Lindas Magen verkrampfte sich. Das war das Paddel. Sie kannte das Geräusch aus der Demonstration.
Klatsch!
Ein weiteres Keuchen, diesmal lauter, fast ein Wimmern.
Linda starrte Alina an, ihre Augen waren weit aufgerissen vor Entsetzen. „Was… was macht er mit ihm?“, flüsterte sie.
Alina blickte nicht von ihrem Bildschirm auf. Ihre Finger schwebten über der Tastatur. „Der Professor korrigiert einen Fehler“, sagte sie tonlos. „Er ist gerecht. Jeder bekommt eine Strafe, die dem Vergehen angemessen ist.“ Ihre angebliche Neutralität war eine Form von Grausamkeit. Sie war eine Komplizin dieses Systems.
Klatsch! Klatsch! Klatsch!
Die Schläge kamen jetzt schneller. Jonas' Keuchen ging in ein leises, kontinuierliches Wimmern über. Linda zählte mit, ohne es zu wollen. Fünf. Sechs. Sieben. Wie viele würde er bekommen? Zehn? Ein Dutzend? Jeder Schlag traf auch sie, eine Welle der Angst, die durch ihren Körper rollte.
Nach dem zwölften Schlag herrschte wieder Stille. Eine lange, schwere Stille. Dann das leise Murmeln der Stimme des Professors. Schließlich das Klicken der Tür.
Jonas kam heraus. Sein Gesicht war kreidebleich und von Schweiß und Tränen gezeichnet. Seine Augen waren rot und geschwollen, aber er starrte zu Boden, als er an Linda vorbeiging, um die Schande zu verbergen. Er zuckte bei jedem Schritt leicht zusammen. Er sagte kein Wort, würdigte sie keines Blickes. Er zog die Tür zum Korridor auf und war verschwunden, eine gedemütigte Gestalt, die versuchte, die letzten Reste ihrer Würde zu retten.
Lindas ganzer Körper zitterte. Ihr war eiskalt.
Die Sprechanlage summte erneut. Alinas Stimme war wieder da, unverändert ruhig. „Ja, Herr Professor.“
Sie stand auf und blickte Linda direkt an. Ihr Gesichtsausdruck war undurchdringlich. „Linda. Du bist dran.“
Der Satz traf sie wie ein körperlicher Schlag. Aufzustehen war die schwerste körperliche Anstrengung ihres Lebens. Ihre Beine fühlten sich an wie Pudding. Sie ging zur Tür, ihre Hand zitterte, als sie nach der Klinke griff. Sie warf einen letzten, hilfesuchenden Blick auf Alina, aber das Mädchen hatte sich bereits wieder ihrem Computer zugewandt. Es gab kein Entkommen.
Sie trat ein. Das Büro war genauso, wie sie es sich vorgestellt hatte. Karg, ordentlich, bedrohlich. Professor Lirpa saß hinter seinem riesigen Schreibtisch und beobachtete sie mit seinen kalten, analytischen Augen. Auf der polierten Oberfläche des Tisches, direkt neben ihrem jämmerlichen Test, lag das Holzpaddel. Es schien größer und schwerer zu sein als bei der Demonstration.
„Schließ die Tür und tritt vor“, befahl er. Seine Stimme war ruhig, aber sie ließ keinen Raum für Widerspruch.
Linda gehorchte, ihre Schuhe machten auf dem Boden keine Geräusche. Sie blieb vor dem Schreibtisch stehen und fühlte sich klein und machtlos unter seinem Blick.
„Linda“, begann er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er verschränkte die Finger vor sich. „Deine Akte ist… bemerkenswert. Nicht im positiven Sinne. Sie erzählt eine Geschichte von Missachtung von Regeln, von Unehrlichkeit gegenüber deinen Eltern und von einem grundlegenden Mangel an Selbstdisziplin. Das heimliche Rauschtrinken, das Schwänzen, die Lügen.“ Er tippte mit einem Finger auf ihren Test. „Und nun, an deinem ersten Tag, in deiner ersten Stunde, setzt du dieses Muster fort. Du hast dich entschieden, dich auf die Bestrafung einer Mitschülerin zu konzentrieren, anstatt deine eigene Pflicht zu erfüllen. Das ist kein Zufall. Es ist ein Symptom.“
Linda starrte zu Boden. Was sollte sie sagen? Alles, was er sagte, war wahr.
„Ich… es tut mir leid“, flüsterte sie.
„‚Es tut mir leid‘ ist keine Lösung, Linda“, erwiderte er scharf. „Es ist eine Floskel, die du gelernt hast zu benutzen, um Konsequenzen zu vermeiden. Aber hier, an diesem Ort, haben Worte ohne Taten kein Gewicht. Hier lernen wir durch Erfahrung. Eine Lektion muss nicht nur gehört, sondern gefühlt werden, damit sie im Gedächtnis bleibt.“
Er stand auf. Er war noch größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, eine imposante, einschüchternde Gestalt. Er ging langsam um den Schreibtisch herum und blieb direkt vor ihr stehen. Er nahm das Paddel in die Hand, wog es, als würde er dessen Gewicht schätzen.
„Du hast in deiner ersten Stunde versagt. Eine Lektion über die Französische Revolution. Eine Revolution, die aus dem Zusammenbruch der Ordnung entstand. Eine passende Ironie. Wir werden nun deine persönliche kleine Gegenrevolution gegen die Disziplinlosigkeit einleiten.“
Sein Ton war jetzt schneidend. „Du wirst dich nun für deine Züchtigung vorbereiten. Du wirst deinen Rock und deinen Slip ausziehen, sie ordentlich zusammenfalten und auf den Stuhl dort legen. Dann wirst du dich mit den Unterarmen auf meinem Schreibtisch abstützen und dich für deine Strafe präsentieren.“
Linda erstarrte. Eine Welle von heißer Scham und eiskalter Panik durchflutete sie. „Bitte“, begann sie, ihre Stimme brach. „Bitte nicht.“
„Widersprichst du mir, Linda?“, fragte er, und seine Stimme wurde gefährlich leise. „Glaubst du, du hast eine Wahl? Deine Eltern haben uns die volle Autorität über deine Erziehung übertragen, einschließlich aller notwendigen Disziplinarmaßnahmen. Jede Weigerung deinerseits wird als schwerwiegender Verstoß gegen die Schulordnung gewertet und führt zu weitaus schlimmeren Konsequenzen. Ist das klar?“
Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie schüttelte langsam den Kopf. Nicht aus Widerspruch, sondern aus purer Verzweiflung. Aber sie wusste, dass sie verloren hatte. Der Moment, als ihre Eltern den Vertrag unterschrieben hatten, war der Moment ihrer Kapitulation gewesen.
Mit zitternden Fingern, die sich weigerten zu gehorchen, griff sie nach dem Saum ihres Rocks. Sie fühlte sich wie in Trance, als sie ihn auszog. Ihre Bewegungen waren langsam, ungelenk. Sie faltete ihn, so wie er es befohlen hatte. Ihre Hände zitterten so sehr, dass die Falten krumm wurden. Dann kam der Slip. Die letzte dünne Barriere der Würde. Ihn auszuziehen, hier, vor diesem Mann, war die tiefste Demütigung ihres Lebens. Sie zog ihn schnell herunter und legte ihn auf den Rock.
Dann drehte sie sich zum Schreibtisch. Die polierte Oberfläche war kühl unter ihren Unterarmen. Sie stützte sich ab, so wie sie es bei Alina gesehen hatte. Ihr Herz raste, ihr Atem ging flach. Sie starrte auf die Maserung des Holzes und versuchte, sich unsichtbar zu machen.
„Kopf hoch, Linda“, befahl er. „Du sollst nicht auf den Tisch starren. Du sollst aus dem Fenster blicken und über dein Versäumnis nachdenken. Streck deinen Po raus. Du wirst dich nicht vor der Strafe wegducken.“
Sie gehorchte mechanisch. Sie hob den Kopf und blickte aus dem großen Fenster, das den Blick auf den tadellos gepflegten Campus freigab. Sie sah Schüler in Uniformen, die über die Wege gingen, und fühlte sich wie auf einem anderen Planeten.
Sie hörte ihn hinter sich treten. Sie spannte jeden Muskel in ihrem Körper an, schloss die Augen und wartete.
Der erste Schlag kam ohne weitere Vorwarnung.
KLATSCH!
Der Schmerz war ein weißglühender Schock. Er explodierte auf ihrer linken Pobacke, scharf, brennend und unglaublich intensiv. Ein unwillkürlicher Schrei entrang sich ihrer Kehle. Sie zuckte heftig zusammen, ihre Nägel krallten sich in die Tischplatte. Der Schmerz war realer als alles, was sie je gefühlt hatte.
„Eins“, sagte die kalte Stimme des Professors. „Das war für die erste Frage, die du nicht beantworten konntest.“
Tränen strömten unaufhaltsam. Die Demütigung war überwältigend. Geschlagen zu werden, nackt, wie ein unartiges Kind.
„Bereite dich vor, Linda.“
Sie biss sich auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte, und zwang ihren Körper, sich wieder zu strecken.
KLATSCH!
Der zweite Schlag traf die andere Seite. Genauso hart, genauso schmerzhaft. Sie schrie erneut auf, diesmal lauter. „Zwei. Das war für den Ballhausschwur, von dem du anscheinend noch nie gehört hast.“
Die Schläge kamen nun in einem unerbittlichen Rhythmus. Jeder einzelne war ein neuer Schock, eine neue Welle brennenden Schmerzes, die über ihren gesamten Hintern lief. Bei jedem Schlag zählte er laut und nannte einen neuen Grund.
„Drei. Für deine Unkenntnis über Robespierre.“ „Vier. Für die leeren Zeilen auf deinem Testblatt.“ „Fünf. Für die Respektlosigkeit, die du Dr. Weber und deinen Mitschülern entgegengebracht hast.“
Bei jedem Schlag schrie sie. Sie konnte es nicht unterdrücken. Es war ein instinktiver, tierischer Laut des Schmerzes. Ihr Hintern fühlte sich an, als stünde er in Flammen. Die Schläge überlagerten sich, bis es nur noch ein einziges, großes, pulsierendes Inferno war.
„Zehn“, zählte er. „Für die Sorgen, die du deinen Eltern bereitest.“ „Elf. Dafür, dass du deine Chance hier zu sein, nicht ernst nimmst.“
Sie war kaum noch bei Bewusstsein, verlor sich im Schmerz und in der Scham.
„Und zwölf“, sagte er, und der letzte Schlag schien der härteste von allen zu sein. „Damit du dich an diese Lektion erinnerst. Jedes Mal, wenn du in den nächsten Tagen sitzt.“
Sie schluchzte hemmungslos, ihr ganzer Körper bebte. Sie blieb über den Tisch gebeugt, unfähig, sich zu bewegen.
„Richte dich auf, Linda“, befahl er.
Es kostete sie all ihre Kraft. Langsam, qualvoll, drückte sie sich hoch. Der Schmerz war blendend. Sie wagte es nicht, sich umzudrehen, aber er befahl es ihr. „Sieh mich an.“
Zitternd drehte sie sich um und stand nackt vor ihm. Ihr Gesicht war von Tränen und Rotz verunstaltet. Ihr Körper zitterte unkontrolliert.
Sein Blick war kalt und unbewegt. „Verstehst du jetzt die Wichtigkeit von Aufmerksamkeit und Disziplin, Linda?“
Sie konnte nicht sprechen. Sie nickte nur, während die Tränen weiter liefen.
„Ich erwarte eine verbale Antwort“, sagte er streng.
„Ja…“, krächzte sie. „Ja, Herr Professor.“
„Gut. Du kannst dich anziehen. Der Rest deines Tages wird wie geplant fortgesetzt. Du wirst zum Mittagessen gehen und an deinen Nachmittagsstunden teilnehmen. Jeder weitere Regelverstoß, egal wie gering, wird sofort geahndet. Du stehst unter strengster Beobachtung. Verstanden?“
„Ja, Herr Professor“, flüsterte sie.
„Du bist entlassen.“
Sie stolperte zu dem Stuhl, griff nach ihren Sachen. Das Anziehen war eine Qual. Der Stoff des Slips und des Rocks rieb an ihrer geschundenen Haut und ließ sie bei jeder Berührung zusammenzucken. Sie zog sich mechanisch an, zog ihre Uniform glatt und versuchte, wieder wie ein normaler Mensch auszusehen, obwohl sie sich innerlich völlig zerbrochen fühlte.
Sie verließ das Büro, ohne ihn noch einmal anzusehen. Der Weg zurück zu ihrem Zimmer war ein Albtraum. Jeder Schritt schickte neue Schmerzwellen durch ihren Körper. Sie biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie hielt den Kopf gesenkt, betete, dass sie niemandem begegnete.
Als sie endlich die Tür zu ihrem Zimmer erreichte und sie hinter sich schloss, brach sie zusammen. Sie lehnte sich gegen die Tür und rutschte zu Boden, unfähig, die unkontrollierten Schluchzer zurückzuhalten.
„Hallo?“
Linda schreckte auf. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie nicht allein war. Auf dem anderen Bett saß ein Mädchen und las in einem Buch. Sie hatte braunes Haar, das zu einem praktischen Pferdeschwanz gebunden war, und einen ruhigen, ernsten Gesichtsausdruck. Es musste Sarah sein, ihre Zimmergenossin.
Sarah klappte ihr Buch zu und sah Linda mit einem Blick an, der weder neugierig noch mitleidig war. Er war einfach nur wissend. Sie musste die roten Augen, das verheulte Gesicht, die Art, wie Linda steif und unbeholfen stand, gesehen haben.
„Professor Lirpa?“, fragte sie leise.
Linda nickte nur, unfähig zu sprechen.
Sarah seufzte leise. Sie stand auf, ging zu ihrem Schrank und kam mit einem sauberen Waschlappen zurück, den sie unter dem kleinen Wasserhahn am Waschbecken anfeuchtete. Sie reichte ihn Linda.
„Hier“, sagte sie schlicht. „Das hilft.“
Linda nahm den kühlen, feuchten Lappen dankbar an und drückte ihn auf ihr heißes Gesicht. Es war die erste Geste der Freundlichkeit, die sie an diesem Ort erfahren hatte.
„Die erste Züchtigung ist immer die schlimmste“, fuhr Sarah fort, während sie wieder auf ihr Bett ging. Sie sprach in einem sachlichen Ton, als würde sie eine mathematische Formel erklären. „Man weiß nicht, was einen erwartet. Man versucht, sich zu wehren, wenn auch nur im Kopf. Das macht es schlimmer.“
Linda starrte sie an. „Wird es… wird es einfacher?“
Sarah zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich einfacher. Der Schmerz ist derselbe. Aber du lernst. Du lernst, dass Widerstand zwecklos ist. Du lernst, die Regeln zu befolgen, weil die Alternative viel schlimmer ist. Du lernst, dich zu fügen. Das ist die eigentliche Lektion hier.“ Sie machte eine Pause. „Leg dich auf den Bauch. Nicht auf den Rücken. Und versuch nicht, das Mittagessen auszulassen. Das ist ein Regelverstoß.“
Mit diesem Rat schlug sie ihr Buch wieder auf und versank in ihrer Lektüre, als wäre das Gespräch beendet.
Linda bewegte sich langsam zu ihrem Bett. Jeder Muskel schmerzte. Sie zog vorsichtig ihre Schuhe aus und legte sich, wie Sarah geraten hatte, auf den Bauch. Die harte Matratze drückte gegen ihren wunden Körper. Der brennende Schmerz in ihrem Hintern war ein ständiges, pochendes Echo der Stimme des Professors.
Sie lag da und starrte die graue Wand an. Sie dachte an ihr altes Leben, an Mark, an ihre Freunde. Es fühlte sich an wie ein Traum aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Universum. Die zwei Wochen Probezeit erschienen ihr nun wie eine lebenslange Haftstrafe.
Die Demütigung war vollständig gewesen, die Angst war real und tief in ihr verankert. Aber als sie so dalag, spürte sie unter all dem Schmerz und der Scham etwas Neues keimen. Es war kein Trotz mehr, kein jugendlicher Widerstand. Es war etwas Kälteres, Härteres. Ein Keim der Erkenntnis.
Sarah hatte Recht. Dies war ein Spiel mit sehr klaren Regeln. Sie hatte versucht, nach ihren eigenen Regeln zu spielen, und war brutal bestraft worden. Von nun an gab es nur zwei Möglichkeiten: sich anpassen oder zerbrochen werden. Und zum ersten Mal in ihrem Leben verstand Linda wirklich, was auf dem Spiel stand. Ihre Probezeit hatte gerade erst richtig begonnen.
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