Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 5 of 34
Die nächsten zwei Tage waren eine unscharfe Mischung aus Angst, Schmerz und fanatischer Konzentration. Lindas Welt war auf die Größe eines Lehrbuchs, eines Notizblocks und des Abstands zwischen ihrem Bett und ihrem Schreibtisch geschrumpft. Die brennende Pein in ihrem Gesäß wurde zu einem ständigen Hintergrundrauschen, einer Mahnung, die sie bei jedem Hinsetzen, bei jedem Schritt daran erinnerte, was auf dem Spiel stand. Sie wurde zu einer Musterschülerin, nicht aus Einsicht oder Ehrgeiz, sondern aus purer, unverfälschter Angst.
Sie sprach kaum. Im Unterricht saß sie in der ersten Reihe, ihre Augen waren auf den Lehrer fixiert, ihre Hand notierte jedes Wort, jede Formel, jeden historischen Fakt. Sie absorbierte Informationen wie ein trockener Schwamm, ohne sie wirklich zu verarbeiten. Es ging nicht ums Verstehen, es ging ums Auswendiglernen, ums Wiedergeben können. Es ging darum, die richtigen Antworten zu geben, wenn man gefragt wurde.
Die Parade der bestraften Schüler ging weiter, ein ständiger visueller Strom von Warnungen. Sie sah Jungen, die nur in Hosen im Unterricht saßen, Mädchen, deren Blusen offen standen und ihre BHs entblößten. Sie sah Schüler, die nackt durch die Gänge gingen, ihre Blicke starr auf den Boden gerichtet. Es wurde zur Normalität, eine groteske Normalität, die sie nicht mehr schockierte, sondern nur noch ihre Entschlossenheit stählte. Jeder nackte Körper war ein potenzielles Spiegelbild ihrer eigenen Zukunft, einer Zukunft, die sie um jeden Preis abwenden musste.
Sie lernte für die Mathestunde am Mittwoch wie für eine Prüfung auf Leben und Tod. Differentialrechnung war ein Labyrinth aus Symbolen und Regeln, die für sie keinen Sinn ergaben, aber sie zwang sich dazu. Sie prägte sich die Ableitungsregeln ein, die Kettenregel, die Produktregel. Sie löste Übungsaufgaben, bis ihre Finger schmerzten und die Zahlen vor ihren Augen verschwammen. Sarah half ihr manchmal, erklärte geduldig eine Formel, aber ohne Wärme, nur mit der sachlichen Effizienz einer Überlebenden, die einer anderen die Regeln des Dschungels beibringt.
Am Mittwochmorgen fühlte sich Linda seltsam ruhig. Es war die Ruhe der Erschöpfung, die Ruhe von jemandem, der sich so gut wie möglich auf die Schlacht vorbereitet hat. Sie betrat den Mathematikraum, setzte sich an ihren neuen Platz in der ersten Reihe und legte ordentlich Stift und Papier bereit.
Frau Keller betrat den Raum mit der gleichen scharfen Präzision wie immer. Ihr Blick wanderte über die Klasse, und Linda spürte, wie er einen Moment länger auf ihr verweilte. Es war keine Neugier, es war eine Erwartung. Die Erwartung des Versagens.
„Wir werden heute den Stoff der letzten Stunde wiederholen“, verkündete Frau Keller. „Ich möchte sehen, wer aufgepasst hat und wer seine Zeit mit Träumen verschwendet hat.“
Sie begann, Schüler an die Tafel zu rufen. Maria löste eine komplexe Ableitung mit spielerischer Leichtigkeit. Tobias ebenso. Die Einserschüler lieferten ab, einer nach dem anderen. Linda beobachtete sie, ihr Herz hämmerte einen nervösen Rhythmus gegen ihre Rippen.
Dann kam die Reihe an sie. „Linda.“
Ihre Knie fühlten sich weich an, als sie aufstand. Der Schmerz in ihrem Hintern flammte kurz auf, eine böse Erinnerung. Sie ging nach vorne, nahm das Stück Kreide in ihre zitternde Hand.
Frau Keller diktierte die Aufgabe. Eine Funktion, die mit der Produktregel zu lösen war. Linda starrte auf die Gleichung. Sie kannte die Regel. Sie hatte sie gestern Abend zwanzigmal aufgeschrieben. u'v + uv'. Sie wusste es.
Aber ihr Gehirn war leer.
Die Kreide zitterte in ihrer Hand. Die Gesichter ihrer Mitschüler verschwammen hinter ihr zu einer einzigen, urteilenden Masse. Frau Kellers kalte Augen bohrten sich in ihren Rücken. Die Formel war da, irgendwo in ihrem Kopf, aber sie konnte sie nicht greifen. Die Angst war eine dicke, kalte Mauer zwischen ihrem Wissen und ihrer Hand.
„Nun?“, fragte Frau Keller ungeduldig. „Wir warten.“
Linda setzte die Kreide an. Sie schrieb den ersten Teil der Formel, zögerte dann. War es richtig? Sie blickte hilfesuchend zur Lehrerin. Ein winziges, triumphierendes Lächeln huschte über Frau Kellers Lippen. In diesem Moment wusste Linda, dass es vorbei war. Die Lehrerin hatte sie von Anfang an auf dem Kieker gehabt. Sie hatte auf diesen Moment gewartet.
„Das ist falsch“, sagte Frau Keller kalt. „Völlig falsch. Es scheint, die Lektionen der letzten Tage haben bei Ihnen keinerlei Eindruck hinterlassen, Linda. Sie sind nicht nur unaufmerksam, Sie sind auch unbelehrbar.“
Tränen stiegen Linda in die Augen. „Ich habe gelernt, ich schwöre es“, flüsterte sie.
„Ihre Taten sprechen lauter als Ihre Schwüre“, erwiderte die Lehrerin. „Und Ihre Tat ist ein erneutes Versagen. Sie wissen, was das bedeutet.“ Sie deutete auf die Stelle neben der Tafel. „Stellen Sie sich dorthin. Und ziehen Sie sich aus.“
Es war wie ein Albtraum, der sich wiederholte, aber diesmal war es schlimmer. Es war öffentlich. Unter den Augen all derer, die es geschafft hatten. Mit zitternden, ungeschickten Fingern begann Linda, ihre Uniform auszuziehen. Die Bluse, den Rock, die Söckchen, die Schuhe. Schließlich den BH und den Slip. Jedes Kleidungsstück, das zu Boden fiel, war ein Stück ihrer zerbröselnden Würde. Sie stand nackt vor der Klasse, die Scham brannte auf ihrer Haut wie Säure.
Frau Keller trat vor sie. Aus ihrer Schreibtischschublade holte sie zwei giftgrüne Wäscheklammern. Dann fiel ihr Blick auf die unachtsam am Boden liegende Schuluniform. „Sie sind unbelehrbar. Aber ich bin ihre Lehrerin. Also ..." Sie holte noch eine rosa Klammer aus der Schublade.
„Eine besondere Kombination für besondere Versäumnisse“, sagte Frau Keller. „Unaufmerksamkeit, gepaart mit Unordnung.“
Sie trat näher. Linda wollte zurückweichen, aber ihre Füße waren wie am Boden festgenagelt. Mit der gleichen klinischen Präzision wie bei Katrin klemmte die Lehrerin die grüne Klammern an je eine Brustwarze. Der Schmerz war ein scharfer, weißglühender Stich, der ihr den Atem raubte. Sie keuchte auf. Dann nahm Frau Keller die rosa Klammer und befestigte sie zusätzlich an der rechten Brustwarze. Der Schmerz explodierte erneut, diesmal begleitet von einer Welle der Übelkeit.
„So“, sagte Frau Keller und trat einen Schritt zurück, um ihr Werk zu begutachten. „Gehen Sie zurück an Ihren Platz. Und versuchen Sie, für den Rest der Stunde aufzupassen. Vielleicht hilft Ihnen der Schmerz dabei, sich zu konzentrieren.“
Blind vor Tränen und Schmerz stolperte Linda zurück zu ihrem Platz. Jeder Schritt war eine neue Qual, da die Klammern bei jeder Bewegung an ihrer empfindlichen Haut zerrten. Das Hinsetzen war die reinste Folter, eine Kombination aus dem alten Schmerz von unten und dem neuen, scharfen Schmerz von vorne. Sie saß da, nackt, geschmückt mit den bunten Insignien ihres Versagens, und starrte auf die Tafel, wo die Zahlen und Buchstaben zu einem bedeutungslosen Brei verschwammen.
Der Rest des Tages war die Hölle. Sie musste von Klasse zu Klasse gehen, nackt, mit den drei Klammern an ihren Brüsten. Jeder Blick, jedes unterdrückte Kichern, jede Geste des Mitleids war ein weiterer kleiner Stich. Beim Abendessen saß sie allein, unfähig zu essen, unfähig, den Blick zu heben. Sie war nun eine von ihnen. Eine der Warnungen.
Um Punkt viertel vor acht klopfte es an ihrer Zimmertür. Es war Sarah. „Es ist Zeit“, sagte sie leise.
Linda wusste, was sie meinte. Die Klammern. Grün und Rosa. Zwölf Schläge auf den Hintern, und die gleiche Zahl auf die Brüste.
Mit bleiernen Schritten folgte sie Sarah in den Disziplinartrakt. Diesmal ging sie nicht in den Zuschauerraum. Sarah führte sie zu der schweren Stahltür. „Du musst allein reingehen“, sagte sie und ihr Blick war voller Mitleid, das sie nicht mehr verbergen konnte. „Sei stark.“
Linda drückte die Klinke. Die Tür schwang auf und offenbarte ein Wartezimmer. Eine karge Bank. Am anderen Ende des Zimmers eine weitere Tür, über der ein rotes Licht brannte. Sie setzte sich hin. Würde jemand kommen, sie zu holen? Dann plötzlich ein Summton … das Licht über der Tür wurde grün, die Tür sprang auf und öffnete sich in den gleißend hellen, weißen Raum. Sie trat ein, und die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Sie war allein mit der Maschine.
„Subjekt: Linda Meier. Vergehen: Wiederholtes akademisches Versagen und mangelnde Konzentration. Bestrafung autorisiert.“
Die computerisierte Stimme hallte von den Wänden wider. Linda zitterte unkontrolliert.
Drei kleine Arme fuhren aus der Maschine und rissen ihr die Klammern von den Brüsten. Sie schrie auf, als der Schmerz durch ihren Oberkörper schoss.
„Kombinierte Bestrafung. Sechs Schläge auf das Gesäß. Sechs Schläge auf die Brüste. Nehmen Sie die Position ein.“
Tränen strömten ihr über das Gesicht, obwohl sie auch ein wenig erleichtert war. Sie hatte mit der doppelten Zahl Schläge gerechnet, aber offenbar wurden sie gleichmäßig zwischen Gesäß und Brust aufgeteilt. Sie schauderte, als sie sich auf die kalte, gepolsterte Bank legte. Die Manschetten schlossen sich um ihre Gelenke. Diesmal passierte jedoch etwas anderes. Zwei weitere, gepolsterte Arme fuhren von den Seiten aus und pressten ihren Oberkörper fest auf die Bank, sodass sie sich absolut nicht mehr bewegen konnte.
Der große mechanische Arm senkte sich. Das Paddel war verschwunden, ersetzt durch einen dünnen, flexiblen Rohrstock.
„Bestrafung des Gesäßes beginnt.“
Der Rohrstock pfiff durch die Luft. Der Schmerz war völlig anders als der des Paddels. Er war nicht dumpf und pochend, er war scharf, schneidend, ein feuriger Striemen, der sich über ihre Haut brannte. Sie schrie, ein hoher, verzweifelter Laut.
ZISCH-KNALL! „Eins.“
ZISCH-KNALL! „Zwei.“
Sechsmal schlug der Rohrstock zu, sechsmal brannte eine neue Linie des Schmerzes über ihren bereits geschundenen Hintern. Als es vorbei war, keuchte sie, unfähig, sich zu bewegen.
„Bestrafung des Gesäßes abgeschlossen. Bestrafung der Brüste beginnt.“
Die Bank unter ihr veränderte ihre Position. Sie wurde flacher, und die beiden Arme, die ihren Oberkörper festhielten, hoben sie leicht an, sodass ihre Brüste frei hingen. Sie sah sie im Einwegspiegel baumeln … da wurde ihr klar, dass auf der anderen Seite ein Publikum saß. Wer oder wieviele wußte sie nicht. Doch dann hatte sie an wichtigeres zu denken: Der mechanische Arm fuhr herum und positionierte sich vor ihr. Der Rohrstock war immer noch eingespannt.
**„Nein… bitte…“, wimmerte Linda.
ZISCH-KNALL!
Der Rohrstock traf ihre linke Brust. Der Schmerz war unvorstellbar, eine blendende Agonie, die ihr den Verstand zu rauben drohte. Sie schrie, wie sie noch nie in ihrem Leben geschrien hatte.
„Eins.“
Der Rohrstock traf sie immer wieder, abwechselnd links und rechts, eine Symphonie aus Schmerz und Demütigung. Bei jedem Schlag schrie sie, bis ihre Stimme nur noch ein heiseres Krächzen war.
Als der sechste Schlag gefallen war, herrschte Stille. Die Manschetten öffneten sich.
„Bestrafung abgeschlossen. Verlassen Sie den Raum unverzüglich.“
Linda lag da, ein zitterndes, gebrochenes Wrack. Sie wusste nicht, wie sie es schaffte, aber irgendwie rutschte sie von der Bank. Sie fiel auf die Knie, ihr ganzer Körper war ein einziges, pulsierendes Meer aus Schmerz. Sie kroch zur Tür, stieß sie auf und fiel in den grauen Korridor.
Sarah wartete auf sie. Sie sagte nichts. Sie half ihr einfach auf die Beine und stützte sie auf dem langen, qualvollen Weg zurück ins Zimmer.
In dieser Nacht, als Linda auf dem Bauch auf der harten Matratze lag und jeder Atemzug eine neue Welle des Schmerzes durch ihren geschundenen Körper schickte, wusste sie, dass etwas in ihr endgültig zerbrochen war. Der letzte Funken Trotz, der letzte Rest ihres alten Ichs war in diesem weißen Raum ausgelöscht worden. Es gab nur noch das Hier und Jetzt. Es gab nur noch die Regeln. Es gab nur noch das Überleben.
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