Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 23 of 34
Elsies Verschwinden veränderte das Leben im Internat. An der Oberfläche ging das Leben weiter, regiert von der unbarmherzigen Präzision der Schulglocke und dem ungeschriebenen Gesetz der Angst. Aber darunter, in den stillen Korridoren und den unausgesprochenen Blicken, hatte sich etwas verändert. Ein Riss war im Fundament der perfekten, abgeschlossenen Welt von Professor Lirpa entstanden. Und durch diesen Riss begann die kalte, klare Luft der Realität einzudringen.
Für Alina war die Welt auf die Größe ihrer Kellerzelle geschrumpft. Ihr neues Leben als permanent nackte Schülerin war eine sorgfältig choreografierte Symphonie der Scham. Jeder Tag war eine Wiederholung des vorherigen, ein endloser Zyklus aus Verachtung, Schmerz und der totalen Auslöschung ihrer einstigen Identität.
Die anderen Schüler behandelten sie nicht mehr wie eine Gefallene, sondern wie ein Möbelstück. Sie war die nackte Gestalt in der letzten Reihe, die man ignorierte, es sei denn, ein Lehrer benutzte sie als spontanes Lehrmittel für die Konsequenzen des Versagens. Ihre ehemaligen Kollegen, die Lehrer, schienen eine besondere, sadistische Freude daran zu haben, ihre ehemalige Überlegenheit nun gegen sie zu wenden.
In Französisch bei Monsieur Dubois musste sie vor der Klasse stehen und unregelmäßige Verben konjugieren, während er mit einem langen Zeigestab auf die grammatikalischen Fehler und die Unvollkommenheiten ihres nackten Körpers gleichermaßen hinwies. In Geschichte bei Dr. Weber wurde sie gezwungen, Karten an die Tafel zu zeichnen, wobei sie sich strecken und bücken musste, eine stille, demütigende Performance für die gelangweilten Augen ihrer Mitschüler.
Ihre Samstage waren nun der öffentliche Höhepunkt ihrer Degradierung. Die wöchentliche „Wartungssitzung“ in der Van der Meer Strafsuite war, im Gegensatz zu „normalen“ Bestrafungen dort, immer gut besucht. Die gesamte Schülerschaft wurde im Zuschauerraum versammelt, um zuzusehen. Es war keine Bestrafung mehr, es war ein Ritual. Eine kalte, unpersönliche Demonstration der Macht des Systems, ausgeführt an dem Körper derjenigen, die einst selbst ein Teil dieses Systems gewesen war. Die Maschine arbeitete sich durch ihr Standardprogramm – die Klemmen, die Nadeln, die Sonden –, während Alina in den Fesseln hing, ihre Schreie eine vertraute, wöchentliche Liturgie des Schmerzes.
Aber Professor Lirpa wusste: seine Zeit war geliehen. Zwei Wochen nach Elsies Verschwinden kam der erste Anruf. Kommissärin Eva Rost von der Kantonspolizei Basel. Eine ruhige, sachliche Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. Die Eltern hatten ihre Tochter als vermisst gemeldet. Lirpa hatte ihnen mitgeteilt, Elsie sei nach einer notwendigen Disziplinarmaßnahme ausgerissen – ein bedauerlicher, aber bei einem Kind mit solch psychologischen Problemen nicht unvorhersehbarer Vorfall. Er hatte subtil angedeutet, dass die Wurzeln des Problems wohl im Elternhaus lägen. Da sie aber nicht wieder aufgetaucht war, hatten die Eltern nun die Polizei eingeschaltet.
Lirpa war, zumindest äußerlich, die Ruhe selbst. Er drückte sein tiefstes Bedauern über das Verschwinden aus, erklärte die Umstände erneut, sprach von der psychologischen Labilität des Kindes und der Schwierigkeit, willensstarke Jugendliche in einer offenen Einrichtung zu halten. Er bot volle Kooperation an.
Eine Woche später stand Kommissärin Rost in seinem Büro. Sie war eine Frau in den späten Vierzigern, unauffällig gekleidet, mit wachen, intelligenten Augen, die alles zu sehen schienen. Sie war nicht die Art von Beamtin, die sich von der imposanten Fassade des Instituts oder der geschliffenen Rhetorik seines Direktors beeindrucken ließ.
„Nur ein paar Routinefragen, Herr Professor“, sagte sie, und nahm die angebotene Tasse Kaffee nicht an. „Wir müssen den Fall abschließen.“
Sie fragte nach Elsies letzten Tagen im Internat, nach ihren Freunden, nach ihrem psychischen Zustand. Lirpa antwortete geduldig, zitierte aus dem gefälschten psychologischen Gutachten, das er selbst verfasst hatte. Er war in seinem Element, ein Meister der Manipulation, der eine plausible, von Sorge durchzogene Erzählung über ein gestörtes Kind webte, das von zu Hause weggelaufen war.
„Und wer hat das Mädchen zuletzt lebend gesehen?“, fragte die Kommissärin.
„Ich, bedauerlicherweise“, sagte Lirpa. „Und der Oberpräfekt, Alexander Schmidt. Er brachte sie zu meinem Büro für ein… disziplinarisches Gespräch. Nichts Ernstes, ein kleines schulisches Vergehen. Danach schickte ich sie zurück in ihr Zimmer. Alexander sollte sie begleiten.“
„Ich würde gerne mit diesem Alexander sprechen“, sagte Rost.
„Selbstverständlich“, sagte Lirpa und drückte den Summer.
Alexander trat ein. Lirpa beobachtete ihn genau. Der Junge war blass. Seit jener Nacht im Heizungskeller hatte er sich verändert. Seine alte, selbstbewusste Arroganz war einer nervösen, fast gehetzten Wachsamkeit gewichen. Er mied Lirpas Blick.
Die Kommissärin stellte ihm dieselben Fragen. Alexander antwortete, seine Stimme war monoton, eingeübt. Er wiederholte die Geschichte, die Lirpa ihm eingetrichtert hatte. Aber seine Hände zitterten kaum merklich. Er schwitzte leicht.
Kommissärin Rost bemerkte es. Lirpa wusste, dass sie es bemerkte.
„Danke, das wäre alles für heute“, sagte sie und stand auf. „Ich würde mir gerne noch kurz Ihre Einrichtung ansehen, wenn Sie gestatten. Rein für den Bericht.“
„Selbstverständlich“, sagte Lirpa, obwohl sich ein kalter Knoten in seinem Magen bildete. „Alexander wird Sie führen.“
Alexander führte die Kommissärin durch die stillen, makellosen Korridore. Er zeigte ihr die Bibliothek, den Speisesaal, die modernen Klassenzimmer. Er sprach mit der einstudierten Monotonie eines Museumsführers. Aber innerlich schrie er. Jede Ecke dieses Ortes war für ihn nun mit der Erinnerung an jene Nacht kontaminiert.
Sie bogen in den Korridor des Westflügels ein, wo die naturwissenschaftlichen Räume lagen. Und dann geschah es.
Eine Tür öffnete sich, und eine Gruppe von Schülern kam heraus, auf dem Weg zur nächsten Stunde. Und mitten unter ihnen, wie ein Geist aus einer anderen Welt, war Alina. Nackt.
Sie ging mit gesenktem Kopf, versuchte, sich unsichtbar zu machen, ihre Arme hielt sie unbeholfen vor ihre Brust. Die anderen Schüler wichen ihr aus, bildeten einen unsichtbaren Kreis um sie.
Kommissärin Rost blieb wie angewurzelt stehen. Ihr Blick wanderte von dem nackten, geschundenen Mädchen zu Alexanders kreidebleichem Gesicht. Die professionelle Maske der Kommissärin fiel für einen Moment und wich einem Ausdruck von ungläubigem Entsetzen.
„Was… um alles in der Welt… ist das?“, flüsterte sie.
Alexander erstarrte. Sein Verstand war leer. Es gab kein Protokoll für diese Situation.
Alina hatte die beiden Gestalten am Ende des Korridors bemerkt. Sie sah die fremde Frau, sah den Ausdruck auf ihrem Gesicht. Und für den Bruchteil einer Sekunde, bevor die antrainierte Apathie wieder die Oberhand gewann, blitzte etwas in Alinas Augen auf. Ein Funke. Eine stumme, verzweifelte Bitte.
„Das… das ist eine… pädagogische Maßnahme“, stammelte Alexander.
Kommissärin Rost riss ihren Blick von Alina los und fixierte ihn.
„Eine pädagogische Maßnahme“, wiederholte sie tonlos. Sie zog ein kleines Notizbuch aus ihrer Tasche. „Interessant.“
Sie ging langsam auf Alina zu, die wie erstarrt stehen geblieben war. Die anderen Schüler hatten sich verflüchtigt. Der Korridor war leer, bis auf die drei.
„Wie ist dein Name, Mädchen?“, fragte die Kommissärin sanft.
Alina blickte auf, ihre leeren Augen trafen die der Kommissärin. Sie öffnete den Mund, um zu antworten.
„Das reicht!“, bellte eine Stimme vom Ende des Korridors. Professor Lirpa kam mit schnellen Schritten auf sie zu, sein Gesicht war eine Maske aus kontrollierter Wut. „Kommissärin, dies ist ein interner Vorgang. Ich muss Sie bitten, die Privatsphäre meiner Schülerinnen zu respektieren.“
Er packte Alina grob am Arm. „Geh in dein Zimmer“, zischte er. Er wandte sich wieder an die Kommissärin, sein Lächeln war eisig. „Eine bedauerliche, aber notwendige Lektion in Demut. Ich bin sicher, das verstehen Sie. Alexander, bringen Sie die Kommissärin zurück in mein Büro.“
Aber der Schaden war angerichtet. Der Riss im Fundament war zu einem gähnenden Abgrund geworden.
Als Kommissärin Rost das Institut verließ, wusste Lirpa, dass dies nicht das Ende war. Es war erst der Anfang. Sie hatte den Schmutz unter dem polierten Boden gesehen. Und sie würde wiederkommen. Mit einem Durchsuchungsbefehl. Und mit mehr Fragen.
Und Alexander… Alexander war nun mehr als nur ein Risiko. Er war eine tickende Zeitbombe.
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