Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 24 of 34
Kommissärin Eva Rost saß in ihrem grauen, unpersönlichen Büro und starrte auf das Foto von Elsbeth Schmidt. Es war ein normales Passfoto, wahrscheinlich für einen Schülerausweis gemacht. Ein junges, unschuldiges Gesicht, große, leicht verängstigte Augen, zwei ordentliche braune Zöpfe. Ein Kind. Und dieses Kind war verschwunden.
Der Besuch bei den Eltern war der deprimierendste Teil ihrer Arbeit gewesen. Sie saßen in ihrem makellosen Vorstadthaus, zwei gebrochene Menschen, die sich an die offizielle Geschichte des Instituts klammerten wie Ertrinkende an ein Stück Treibholz. „Sie war schwierig“, hatte die Mutter geflüstert, die Augen rot vom Weinen. „Psychologisch labil. Der Professor hat es uns erklärt. Wir dachten, die Disziplin dort würde ihr guttun.“ Der Vater hatte nur stumm genickt, sein Gesicht eine Maske aus Scham und Hilflosigkeit.
Eva Rost hatte ihnen versprochen, alles zu tun, um ihre Tochter zu finden. Aber als sie das Haus verließ, wusste sie, dass dies kein gewöhnlicher Fall eines ausgerissenen Teenagers war. Das Lirpa-Institut war nicht nur eine Schule. Es war eine Festung. Und die Mauern bestanden nicht nur aus Stein, sondern aus Geld, Macht und Einfluss.
Ihre ersten Ermittlungen bestätigten ihren Verdacht. Jeder Versuch, Informationen zu bekommen, prallte auf eine Mauer aus höflicher, aber unerbittlicher Abweisung. Die Lehrer hatten keine Erinnerung an Elsies letzte Tage. Die Schüler waren dressierte, schweigende Automaten. Das psychologische Gutachten, das Lirpa ihr zur Verfügung gestellt hatte, war ein Meisterwerk der vagen, unanfechtbaren Diagnostik. Und der Oberpräfekt, dieser Alexander Schmidt, war der schlechteste Lügner, den sie je gesehen hatte. Sein Schweißgeruch, seine zitternden Hände, sein ausweichender Blick – der Junge schrie förmlich vor Schuld.
Und dann war da die Begegnung im Korridor gewesen. Das nackte Mädchen. Alina. Die Erinnerung an ihren leeren, verzweifelten Blick ließ Eva nicht los. Das war keine „pädagogische Maßnahme“. Das war Missbrauch.
Sie wusste, dass sie hier nicht weiterkommen würde. Sie musste einen anderen Weg finden, einen Riss in der Fassade. Sie begann, die Finanzen des Instituts zu durchleuchten, die Liste der Gönner, der Sponsoren. Die meisten waren anonyme Stiftungen, aber einige Namen stachen hervor. Darunter der des Industriellen, des Ministers und des Richters, den sie aus ihrer eigenen Arbeit kannte. Und ein Name, der immer wieder im Hintergrund auftauchte, verbunden mit den größten Spenden: van der Meer.
Wochen vergingen. Der Fortschritt war zäh. Aber Eva ließ nicht locker. Sie arbeitete nach Feierabend, nutzte alte Kontakte, zog Gefallen ein. Sie grub.
Der Durchbruch kam durch einen Zufall. Ein Informant bei der Finanzpolizei erwähnte eine ungewöhnliche Transaktion. Eine immense Summe, die von einer van der Meer-Stiftung an die Eltern eines ehemaligen Lirpa-Schülers gezahlt wurde. Der Name des Schülers: Linda Meier.
Eva begann, über Linda zu recherchieren. Sie fand heraus, dass das Mädchen das Institut unter mysteriösen Umständen verlassen hatte und nun offiziell als „persönliche Assistentin“ von Herrn van der Meer angestellt war. Eine Sechzehnjährige als Assistentin eines Milliardärs. Die Alarmglocken in Evas Kopf schrillten.
Sie machte Linda ausfindig. Es war nicht einfach. Das Mädchen lebte in einer Welt aus Luxushotels, Privatjets und abgeschirmten Anwesen. Aber Eva war hartnäckig. Sie fand heraus, dass van der Meer und sein Gefolge für zwei Tage im Bayerischen Hof in München abgestiegen waren.
Sie fuhr hin. Ohne offizielle Genehmigung, auf eigene Faust. Sie wusste, dass dies ihre Karriere kosten konnte, aber es war ihr egal. Sie musste mit diesem Mädchen sprechen.
In München war ihr Kantonspolizeiausweis nicht viel wert. Doch sie war erfinderisch, befreundete sich mit einem Zimmermädchen, erzählte diesem von ihrem Verdacht. Lieh sich eine Uniform aus. Sie klopfte an die Tür der Kommandantensuite. Ein livrierter Diener öffnete. Eva murmelte etwas von frischen Handtüchern und schob sich an ihm vorbei.
Linda saß auf einem weißen Sofa am Fenster und blickte auf die Dächer von München. Sie trug einen cremefarbenen Seidenanzug, der mehr kostete als Evas Jahresgehalt. Sie war atemberaubend schön, aber es war die Schönheit einer Porzellanpuppe. Kalt, perfekt und leblos.
„Linda Meier?“, fragte Eva.
Das Mädchen drehte langsam den Kopf. Ihre Augen waren leer, ohne jedes Wiedererkennen. „Mein Name ist Echo“, sagte sie, ihre Stimme war ein leises, melodisches Flüstern.
Eva setzte sich ihr gegenüber. „Ich bin Kommissärin Rost. Ich ermittle im Fall des Verschwindens von Elsbeth Schmidt.“
Keine Reaktion.
„Sie war eine Mitschülerin von Ihnen, Linda. Erinnern Sie sich an sie?“
„Ich erinnere mich an viele Schüler“, sagte das Mädchen ausweichend.
Eva spürte die Mauer aus antrainierter Indifferenz. Sie musste sie durchbrechen. „Ich weiß, was in diesem Institut vor sich geht. Ich weiß, was man Ihnen angetan hat.“
Für den Bruchteil einer Sekunde zuckte etwas in den leeren Augen. Angst. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen“, sagte sie tonlos. „Das Institut hat mir eine ausgezeichnete Erziehung geboten. Herr van der Meer ist ein sehr großzügiger Arbeitgeber.“
„Sie haben Angst, ich verstehe das“, sagte Eva sanft. „Aber Sie sind nicht mehr dort. Sie sind hier. Ich kann Ihnen helfen. Aber Sie müssen mit mir reden. Erzählen Sie mir von Elsie. Erzählen Sie mir von Alexander.“
Bei dem Namen „Alexander“ zuckte sie erneut. Ein winziger Riss in der perfekten Fassade.
„Manche Lektionen werden in der Stille gelernt“, flüsterte sie. „Und die Wände dort haben nicht nur Ohren. Sie haben auch Augen.“
Es war keine Beichte. Aber es war eine Bestätigung.
„Ich werde nicht aufgeben, Linda“, sagte Eva und stand auf. „Ich werde die Wahrheit finden.“
Die Tür ging auf. Zwei große Männer in dunklen Anzügen traten ein. Einer von ihnen trat vor, sein Gesicht war eine kalte, unbewegte Maske.
„Was tun Sie hier?“, fragte er. „Sie gehören nicht zum Hotelpersonal!“
Eva wurde aus der Suite eskortiert.
Zurück in ihrem Basler Büro begann sie, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Sie bereitete einen Antrag auf einen Durchsuchungsbefehl vor, einen, der selbst den Einfluss des Ministers nicht würde aufhalten können. Sie hatte Zeugen, sie hatte finanzielle Verbindungen, sie hatte ein Motiv. Sie war kurz davor, das ganze Kartenhaus zum Einsturz zu bringen.
Der Anruf kam am Freitagnachmittag. Es war ihr direkter Vorgesetzter, der Kommandant der Kantonspolizei. Seine Stimme war angespannt, unglücklich.
„Eva, ich muss dich vom Fall Schmidt abziehen.“
„Was? Warum? Ich bin kurz vor dem Durchbruch!“, protestierte sie.
„Es gibt keinen Fall mehr“, sagte der Kommandant müde. „Er wurde geschlossen. Von ganz oben. Anordnung des Justizministers.“
Eva erstarrte. Der Minister. Einer von ihnen.
„Und noch etwas, Eva“, fuhr der Kommandant fort, und sie konnte das Bedauern in seiner Stimme hören. „Du bist mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert. Interne Ermittlungen. Wegen unbefugter Ermittlungsmethoden und Kompetenzüberschreitung. Gib deine Marke und deine Waffe ab.“
Das Telefon klickte. Es war vorbei.
Sie saß lange in ihrem stillen Büro. Sie starrte auf das Foto von Elsie. Sie hatte verloren. Das System hatte sich selbst geschützt. Lirpa hatte seine Karten gut gespielt. Seine Kontakte reichten bis in die höchsten Ebenen der Macht. Sie dagegen war machtlos. Sie kannte die Wahrheit, aber sie konnte nichts tun.
Sie stand auf, packte ihre persönlichen Sachen in einen Karton. Als sie das leere Büro verließ, warf sie einen letzten Blick auf das Foto von Elsie. Es tut mir leid, dachte sie. Ich habe es versucht.
Aber für sie war es nicht vorbei. Nicht für sie. Ein System, das so korrupt war, so monströs, konnte nicht ewig bestehen. Irgendwann musste es zusammenbrechen. Und sie würde da sein, wenn es geschah. Sie würde warten.
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