Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 27 of 34
An diesem Samstag war die Luft im Amphitheater besonders schwer, aufgeladen mit einer fast festlichen Grausamkeit. Alexander, der Oberpräfekt, stand bereits auf der Bühne, sein Gesicht war eine unleserliche Maske. Seine Augen waren leer, aber seine Hände, die an seiner Seite herunterhingen, waren zu Fäusten geballt. Er hatte seine Rolle angenommen, spielte sie mit einer kalten Perfektion, die Lirpa zufriedenstellte, aber jeder wusste, dass unter der Oberfläche ein Vulkan brodelte.
Alina wurde von zwei Präfekten auf die Bühne geführt. Sie war nackt, ihr Körper war eine Landkarte aus verblassenden blauen Flecken und frischen Striemen der kleineren Strafen unter der Woche. Ihre Knöchel wurden an Eisenringen im Bühnenboden befestigt, ihre Handgelenke an Seilen, die von der Decke herabhingen und sie in eine aufrechte, aber völlig hilflose und entblößte Position zwangen.
Alexander trat vor. Er verlas die Liste ihrer Verfehlungen der Woche – ein Zögern in der Lateinstunde, ein unsauber gewischter Boden in der Küche, ein Blick, der als anmaßend interpretiert worden war. Die Liste war lang und absurd.
„Die Strafe“, verkündete er mit tonloser Stimme, „sind vierzig Hiebe. Ausgeführt in vier Serien zu je zehn Schlägen, mit wechselnden Instrumenten.“
Er begann mit dem schweren Lederriemen. „Erste Serie: Zehn Hiebe auf den Rücken.“ Die Schläge waren brutal und präzise. Alina biss die Zähne zusammen, ihr Körper zuckte bei jedem Aufprall, aber sie schrie nicht. Sie hatte gelernt, den Schmerz zu schlucken, ihn in eine kalte, stille Wut zu verwandeln.
Johanna Kaiser hielt den Umschlag in der Hand. Er war ohne Absender, nur mit ihrer Büroadresse versehen. Sie öffnete ihn. Was sie las, ließ sie den Atem anhalten. Es war die Art von Geschichte, von der Journalisten träumen und die sie zugleich fürchten. Eine Geschichte über die dunklen Abgründe der Macht, über geheime Gesellschaften und unvorstellbare Grausamkeit.
Sie las die Anschuldigungen, studierte die Finanzdokumente. Es war explosiv. Aber es war auch nur die Aussage einer einzigen, anonymen Quelle. Einer suspendierten Kommissärin, wie aus dem Schreiben hervorging. Das war zu dünn. Wenn sie damit an die Öffentlichkeit ging und es sich als falsch herausstellte, wäre ihre Karriere beendet. Sie brauchte mehr. Sie brauchte eine zweite Quelle. Eine Bestätigung.
Sie sah auf die Liste der Namen. Der Industrielle war eine Festung. Der Richter war unangreifbar. Aber der Minister… Politiker waren eitel. Und sie hatten Ehefrauen.
Sie griff zum Telefon und wählte die private Nummer des Ministers. Sie hatte sie in ihrem Adressbuch für Notfälle wie diesen.
„Residenz des Ministers, hallo?“, meldete sich eine höflliche, leicht gelangweilte Frauenstimme.
„Guten Tag, hier ist Johanna Kaiser vom Spiegel. Ich würde gerne den Herrn Minister sprechen. Es geht um sein philanthropisches Engagement im Bildungssektor, speziell seine Unterstützung für das Lirpa-Institut.“
„Der Herr Minister ist leider außer Haus“, sagte die Frau. „Kann ich ihm etwas ausrichten?“
„Nein, danke. Ich versuche es später noch einmal“, sagte Johanna und legte auf.
Alexander wechselte das Instrument. Er nahm die Gerte. „Zweite Serie: Zehn Hiebe auf die Oberschenkel und den Bauch.“ Die dünnen, brennenden Linien, die das Instrument hinterließ, ließen sie nach Luft schnappen, aber sie blieb stumm. Ihr Körper zitterte unkontrolliert, aber ihre Lippen blieben versiegelt. Sie würde ihnen nicht die Genugtuung geben. Nicht heute.
Am anderen Ende der Leitung legte die Frau des Ministers ebenfalls auf. Das Lirpa-Institut. Der Name kam ihr bekannt vor. Hatte ihr Mann nicht mehrere diskrete Reisen unternommen, um dieses „pädagogische Projekt“ zu besuchen? Sie hatte es nie hinterfragt. Aber der Anruf einer Journalistin wie Johanna Kaiser… das war ungewöhnlich. Ein Samen des Misstrauens war gesät.
Am Abend, als ihr Mann bei einer späten Sitzung war, ging sie in sein Arbeitszimmer. Sie setzte sich an seinen Computer. Sie wusste nicht, wonach sie suchte. Aber sie hatte das Gefühl, dass sie es finden würde. Sie klickte sich durch seine Dateien. Und dann sah sie ihn. Einen Ordner mit dem unauffälligen Namen „Pädagogische Studien“. Ihre Hand zitterte, als sie den Cursor darüber bewegte.
Die dritte Serie war für den Rohrstock reserviert. „Ziel: die Pobacken“, verkündete Alexander. Der erste Hieb auf das bereits vernarbte, empfindliche Gewebe riss ihr einen erstickten Schrei aus der Kehle. Die Menge im Amphitheater raunte, ein leises, zufriedenes Geräusch. Sie hatte versagt. Ihr Schweigen war gebrochen. Tränen der Wut und der Scham liefen ihr über die Wangen, als die nächsten neun Schläge fielen, jeder einzelne begleitet von einem neuen, qualvollen Schrei.
Die Frau des Ministers klickte auf den Ordner. Er enthielt Dutzende von Videodateien, benannt mit Codes und Daten. Sie klickte auf die erste Datei. Das Bild, das auf dem riesigen Bildschirm erschien, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Sie sah einen hellen, weißen Raum. Sie sah ein junges Mädchen, nackt und an eine seltsame Maschine gefesselt. Sie sah, wie mechanische Arme sich senkten und dem Mädchen unvorstellbare Dinge antaten. Sie hörte die Schreie. Ihr Weltbild, das Bild ihres Mannes, des Hüters von Recht und Ordnung, zerbrach in tausend Stücke.
Für die letzte Serie trat Alexander mit der neunschwänzigen Katze vor sie. „Die letzte Lektion“, sagte er, und seine Augen trafen ihre für einen Moment. „Konzentriert sich auf die Brüste.“
Er holte aus. Die neun Lederriemen trafen sie mit einer reißenden, brennenden Wucht. Ein gellender, unkontrollierbarer Schrei brach aus ihr hervor.
„Eins“, zählte Alexander. Und die Menge, wie von einem unsichtbaren Dirigenten geleitet, antwortete im Chor: „EINS!“
Der zweite Schlag. „ZWEI!“, brüllte die Schülerschaft.
Der dritte. „DREI!“
Es war ein Albtraum. Alexander schlug zu, und der ganze Saal zählte ihre Qualen mit, ein einziger, monströser Organismus, der sich an ihrem Leid berauschte. Bei jedem Schlag zuckte ihr Körper, bei jedem Ruf der Menge starb ein weiterer Teil ihrer Seele.
„NEUN!“
Der vorletzte Schlag. Sie war kaum noch bei Bewusstsein.
„ZEHN!“, brüllte der Saal ein letztes Mal.
Der letzte Hieb traf sie, und sie verlor das Bewusstsein, hing schlaff in ihren Fesseln, eine gebrochene, blutende Puppe.
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