Beratungsgespräch - Eine Fortsetzung der Internatsgeschichte von orsgeschichten - Chapter 28 | Fet Library

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Birke Becker presents

Beratungsgespräch - Eine Fortsetzung der Internatsgeschichte von orsgeschichten

4.6 (9)

Extreme
Heavy
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Chapter 28 of 34

Das Kartenhaus wackelt

Während Alinas geschundener Körper im Krankenflügel notdürftig wiederhergestellt wurde begannen die Risse in der Fassade des Instituts an anderer Stelle, in der stillen, geordneten Welt außerhalb der Mauern, zu unübersehbaren Brüchen zu werden. Die Patrone, die Kommissärin Rost abgefeuert hatte, hatte ihr Ziel gefunden.

Johanna Kaiser saß in ihrem Hamburger Büro und starrte auf die Pinnwand, an der sie die spärlichen Informationen aus dem anonymen Umschlag arrangiert hatte. Die Gesichter von Lirpa, dem Minister, dem Richter, dem Industriellen. Ein Organigramm der Macht, des Geldes und der Perversion. Die Geschichte ihres Lebens lag vor ihr, aber sie war auf Sand gebaut. Eine einzige, anonyme Quelle. Das war nicht genug.

Sie wartete zwei Tage, gab der Frau des Ministers Zeit, über ihren Anruf nachzudenken. Dann, am Mittwochmorgen, wählte sie die Nummer erneut.

„Residenz des Ministers“, meldete sich dieselbe höfliche Stimme, aber diesmal lag ein Hauch von nervöser Anspannung darin.

„Hier ist noch einmal Johanna Kaiser. Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Nein“, sagte die Frau des Ministers, ihre Stimme war kaum ein Flüstern. „Ich habe auf Ihren Anruf gewartet.“

Johanna spürte einen Adrenalinstoß. Das war es. „Sie wissen also, worum es geht?“

„Ich weiß nicht, was es ist“, flüsterte die Frau, und Johanna hörte die unterdrückten Tränen in ihrer Stimme. „Aber ich weiß, dass es monströs ist. Ich habe den Ordner gefunden. ‚Pädagogische Studien‘. Ich habe eines der Videos gesehen. Ein Mädchen… an eine Maschine gefesselt…“ Sie brach ab, ein ersticktes Schluchzen war zu hören.

„Können Sie mir diese Videos zukommen lassen?“, fragte Johanna, ihre Stimme war sanft, aber eindringlich.

„Ich habe es versucht“, schluchzte die Frau. „Ich wollte sie auf einen Stick kopieren. Aber er kam nach Hause. Er hat mich erwischt. Ich habe den Computer schnell heruntergefahren, aber er hat es in meinen Augen gesehen. Er hat mich gefragt, was ich in seinem Büro zu suchen hätte. Ich habe gelogen, irgendetwas über eine Rechnung. Er hat mir nicht geglaubt. Seitdem beobachtet er mich. Ich habe Angst, Johanna. Ich habe solche Angst.“

„Ich verstehe“, sagte Johanna. „Sie müssen nichts tun, was Sie in Gefahr bringt. Aber eine Frage müssen Sie mir beantworten. Ist das, was in diesen Videos zu sehen ist, real?“

„Ja“, sagte die Frau ohne zu zögern. „Gott helfe uns, es ist real. Ich werde ihn verlassen. Ich werde mich scheiden lassen. Aber ich brauche Zeit, um meine Sachen zu packen, um sicher zu sein.“

„Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen“, sagte Johanna. „Und danke.“

Sie legte auf. Sie hatte es. Die zweite Quelle. Die Bestätigung. Die Geschichte war wasserdicht.

Aber als gute Journalistin wusste sie, dass es noch einen letzten, unerlässlichen Schritt gab. Sie musste die andere Seite hören. Sie musste dem Mann, der im Zentrum dieses Spinnennetzes saß, die Chance geben, sich zu äußern.

Sie stand auf und griff nach ihrer Jacke. „Ich fahre in die Schweiz“, sagte sie zu ihrem Assistenten. „Zum Lirpa-Institut. Ich möchte Professor Lirpa ein paar Fragen stellen.“

Einen Tag später rollte Johanna Kaisers Wagen durch die imposanten Eisentore des Instituts. Sie hatte sich nicht angekündigt. Sie wusste, dass das Überraschungsmoment ihre einzige Waffe war.

Sie wurde von einer kühlen, blonden Assistentin an der Rezeption aufgehalten, aber Johanna war hartnäckig. „Sagen Sie Professor Lirpa, Johanna Kaiser vom Spiegel sei hier. Es geht um eine Geschichte von internationalem Interesse. Er wird mit mir sprechen wollen.“

Zehn Minuten später saß sie in Lirpas Büro. Er war die personifizierte, kultivierte Gelassenheit. Er bot ihr Tee an, erkundigte sich nach ihrer Reise.

„Herr Professor“, sagte Johanna und kam direkt auf den Punkt. „Ich schreibe einen Artikel über exklusive Bildungseinrichtungen für die Kinder der Elite. Ihr Institut hat einen… bemerkenswerten Ruf. Ich würde gerne verstehen, was Ihre pädagogischen Methoden so einzigartig macht.“

Lirpa lächelte. „Unsere Methode basiert auf einem einfachen Prinzip, Frau Kaiser. Absolute Disziplin führt zu absoluter Freiheit. Wir befreien unsere Schüler von den Fesseln der Unentschlossenheit und des mangelnden Respekts, die die moderne Jugend plagen.“

„Ich verstehe“, sagte Johanna. „Ich habe gehört, Ihre Methoden umfassen auch… körperliche Korrekturen. Und den Einsatz von Nacktheit als pädagogisches Mittel.“

Lirpas Lächeln erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. „Wir wenden ein ganzheitliches System an, das sowohl den Geist als auch den Körper anspricht. Alle unsere Methoden sind vertraglich mit den Eltern abgestimmt und dienen ausschließlich dem Wohl des Kindes.“

„Und was ist mit Elsbeth Schmidt?“, fragte Johanna leise.

Die Stille im Raum war plötzlich eisig.

„Ein tragischer Fall“, sagte Lirpa. „Ein zutiefst gestörtes Kind. Wir haben alles versucht.“

„Und Linda Meier?“, fuhr Johanna unerbittlich fort. „Die jetzt als ‚persönliche Assistentin‘ für einen Ihrer Hauptgönner arbeitet? Und Alina, ihre Vorgängerin, die nun wieder als nackte Schülerin an Ihrem Unterricht teilnimmt?“

Lirpas Gesicht war nun eine Maske aus Stein. Er wusste, dass er verloren hatte. Sie wusste es.

„Ich glaube, dieses Gespräch ist beendet, Frau Kaiser“, sagte er und stand auf.

„Noch nicht, Professor“, sagte Johanna und legte einen kleinen, digitalen Audiorekorder auf den Tisch. „Ich habe auch mit der Frau des Ministers gesprochen. Sie war sehr… gesprächig.“

In diesem Moment wusste Lirpa, dass das Spiel vorbei war. Das Kartenhaus stürzte ein. Aber er war nicht der Typ Mann, der kampflos aufgab.

„Sie haben keine Beweise“, zischte er. „Nur die Worte einer hysterischen Frau und einer suspendierten Polizistin.“

„Ich habe genug“, sagte Johanna. „Genug für eine Geschichte, die Sie, den Minister, den Richter und den Industriellen zerstören wird. Und dieses Institut wird bis auf die Grundmauern niederbrennen.“

Sie stand auf. „Mein Artikel erscheint am Montag. Sie haben bis Freitag Zeit, sich eine offizielle Stellungnahme zu überlegen.“

Sie ließ ihn in der stillen, luxuriösen Falle seines Büros zurück und wusste, dass sie gerade einen Krieg begonnen hatte. Sie gedachte, ihn zu gewinnen. 


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