Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 29 of 34
Johanna Kaiser verließ das Büro mit einer äußeren Ruhe, die in krassem Gegensatz zu dem Sturm in ihrem Inneren stand. Sie hatte ihn. Sie hatte die Bestätigung, sie hatte die Angst in seinen Augen gesehen. Die Geschichte war real, und sie war größer und schmutziger, als sie es sich je hätte vorstellen können. Ihr Puls raste, aber ihre Schritte waren ruhig und überlegt, als sie den langen, stillen Korridor des Verwaltungstrakts entlangging. Sie wusste, dass sie beobachtet wurde. Jede Kamera, jeder unsichtbare Sensor war auf sie gerichtet.
Ihr Plan war einfach: schnell und unauffällig das Gelände verlassen, ins Auto steigen und fahren. Fahren, bis sie in Sicherheit war. Dann die Redaktion anrufen, das Team zusammenziehen, die Geschichte schreiben, die dieses Imperium aus Schmerz zu Fall bringen würde.
Sie hatte die große Eingangshalle fast erreicht, als vier Gestalten aus einem Seitengang traten und ihr den Weg versperrten. Es waren vier der ältesten Präfekten, angeführt von Julian, dessen kaltes, autoritäres Gesicht sie aus den Akten der Kommissärin wiedererkannte. Sie trugen ihre makellosen Uniformen wie eine Rüstung.
„Frau Kaiser“, sagte Julian, seine Stimme war höflich, aber ohne jede Wärme. „Der Professor hat seine Entscheidung überdacht.“
Johanna blieb stehen. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Das war es. Die Falle. „So?“, fragte sie und zwang ihre Stimme, ruhig zu bleiben.
„Er hat eingesehen, dass eine Konfrontation sinnlos ist“, fuhr Julian fort, seine Augen musterten sie ohne Emotion. „Er ist bereit, Ihnen alles zu zeigen. Die Archive. Die Protokolle. Die… pädagogischen Hilfsmittel. Er möchte, dass Sie die ganze Wahrheit sehen, damit Ihr Bericht fair und ausgewogen ist. Er glaubt, dass Sie, wenn Sie das gesamte System verstehen, seine Notwendigkeit erkennen werden.“
Es war eine so offensichtliche, plumpe Lüge, dass es fast schon wieder elegant war. Sie wusste, dass sie keine Wahl hatte. Weglaufen war unmöglich. Schreien war sinnlos. Sie war in der Höhle des Löwen, und der Löwe hatte gerade beschlossen, die Tür zu schließen.
„Das ist ein sehr… großzügiges Angebot“, sagte Johanna. „Ich nehme es an.“
„Folgen Sie uns bitte“, sagte Julian.
Sie führten sie nicht zurück zu Lirpas Büro. Sie führten sie in die entgegengesetzte Richtung, tiefer in das Gebäude hinein, in den Disziplinartrakt. Der Korridor wurde kälter, die Wände waren aus nacktem Beton, das Licht wurde greller, unbarmherziger. Sie erinnerte sich an die Beschreibungen der Kommissärin und wusste, wohin sie gingen.
Sie blieben vor einer schlichten, unscheinbaren Stahltür stehen. Darauf stand in einfachen schwarzen Buchstaben: „Gesprächszimmer 3“.
„Der Professor wird gleich bei Ihnen sein“, sagte Julian. „Warten Sie doch kurz auf ihn.“
Einer der anderen Präfekten öffnete die Tür. Dahinter lag ein Raum, der seltsam und deplatziert wirkte. Er war weiß und steril, ja, aber er war fast völlig leer. Der Boden war aus poliertem, schwarzem Basalt, die Wände aus gebürstetem Edelstahl. In der Mitte des Raumes, unter dem grellen Licht, standen nur zwei schlichte, elegante Stühle aus schwarzem Leder und Chrom, getrennt durch einen kleinen Beistelltisch. Von den Maschinen, den Liegen, den Instrumenten, die in den Akten beschrieben worden waren, war keine Spur. Johanna zögerte einen Moment. Sie dachte an ihr Handy in ihrer Jackentasche. Bevor sie Lirpas Büro betreten hatte, hatte sie eine offene Audioverbindung zu ihrer Redaktion in Hamburg hergestellt, ein Standardverfahren bei riskanten Recherchen. Hören sie noch zu?, fragte sie sich. Hören sie, was hier passiert? Es war ihre einzige, winzige Hoffnung.
Sie trat ein.
Die Tür schloss sich hinter ihr mit einem leisen, endgültigen Zischen. Sie war allein. Der Raum war größer, als er von außen gewirkt hatte. Kälter. Die Stille war absolut. Im Zuschauerraum hinter der riesigen, dunklen Glasscheibe war nichts zu erkennen.
„Bitte nehmen Sie doch Platz, Frau Kaiser“, sagte eine computerisierte Stimme aus den Wänden, dieselbe tiefe, geschlechtslose Stimme, die sie aus den Beschreibungen kannte. „Der Professor wird gleich hier sein.“
Sie wusste, dass dies der letzte Zug im Spiel war. Sie ging langsam auf die Stühle zu, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Sie setzte sich auf einen der Stühle, versuchte, ruhig und beobachtend zu wirken. Der Stuhl war überraschend bequem.
In dem Moment, als ihr Rücken die Lehne berührte, schnappten die Manschetten zu.
Ein lautes, metallisches KLACK! hallte durch den stillen Raum. Stahlfesseln, die aus den Armlehnen und Beinen des Stuhls geschossen waren, schlossen sich um ihre Hand- und Fußgelenke. Sie war gefangen. Der Stuhl war kein Stuhl. Er war ein Teil der Maschine.
Panik, heiß und scharf, stieg in ihr auf, aber sie unterdrückte den Schrei. Sie zerrte an den Fesseln, aber sie waren unbeweglich.
Plötzlich erwachte der Raum zum Leben. Mit einem leisen Surren öffneten sich Paneele im Boden und in der Decke. Aus dem schwarzen Basaltboden fuhren die komplexen Apparaturen der Strafmaschinen empor, entfalteten sich wie monströse Metallblumen. Von der Decke senkten sich die mechanischen Arme herab, eine schwindelerregende Vielfalt von Aufsätzen glitzerte im Licht. Der leere Raum hatte sich in Sekundenschnelle in die Hölle verwandelt, die sie sich vorgestellt hatte.
Die Lichter im Raum dimmten sich leicht, und eine neue Stimme erfüllte den Raum. Nicht die der KI. Es war die Stimme von Professor Lirpa, verstärkt durch Lautsprecher, erfüllt von einer ruhigen, sadistischen Genugtuung.
„Willkommen zur exklusivsten Demonstration von allen, Frau Kaiser. Sie wollten die Wahrheit. Nun, hier ist sie. Die Wahrheit ist, dass es keine Zeugen geben kann. Nur Teilnehmer.“
Im Zuschauerraum ging ein Licht an und enthüllte Lirpa und van der Meer, die in der ersten Reihe saßen und sie wie ein seltenes Insekt unter einem Mikroskop betrachteten.
„Sie hatten Recht“, fuhr Lirpa fort. „Sie haben genug für eine Geschichte. Aber Sie werden sie nie schreiben. Sie werden sie sein. Ihre letzte Geschichte. Eine Lektion über die Konsequenzen von Neugier.“
Der Stuhl, auf dem sie saß, begann zu erwachen. Leise surrende Geräusche waren zu hören. Aus der Rückenlehne fuhren gepolsterte Halterungen aus, die ihren Kopf und Nacken fixierten.
„Ihre letzte, schmerzhafte Stunde beginnt jetzt“, sagte Lirpa.
Ein mechanischer Arm senkte sich von der Decke herab. An seinem Ende war kein Rohrstock, keine Peitsche. Es war ein feines, chirurgisches Instrument, das wie eine Schere aussah.
„Die Vorbereitung ist alles“, sagte Lirpas Stimme. „Wir müssen das Subjekt von allen unnötigen Ablenkungen befreien.“
Der Arm senkte sich. Langsam, mit einer unheimlichen Präzision, begann die Maschine, ihre Kleidung vom Leib zu schneiden. Den teuren Stoff des Blazers. Die feine Seide der Bluse. Den schweren Stoff des Rocks. Stück für Stück fiel zu Boden, bis sie nackt und zitternd in den Fesseln hing. Ihr Körper war der einer Frau Mitte dreißig, groß, schlank und von einer disziplinierten Stärke gezeichnet. Es war der Körper einer Hobby-Triathletin, gehärtet durch unzählige Kilometer im Wasser, auf dem Rad und auf dem Asphalt der Hamburger Alsterrunde. Die Muskeln an ihren Beinen und Armen waren definiert, sehnig, ein Beweis für ihren eisernen Willen. Aber dieser Wille, diese Stärke, war nun nutzlos, eine bloße ästhetische Hülle, die der kalten, mechanischen Präzision der Maschine ausgesetzt war.
Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf einen einzigen Gedanken, eine letzte, verzweifelte Hoffnung. Das Handy. Es läuft. Es sendet. Sie hören alles.
„Die Redaktion wird die Polizei informieren“, schrie sie, ihre Stimme war lauter und fester, als sie es erwartet hatte.
Lirpas leises, amüsiertes Lachen erfüllte den Raum. „Ich bezweifle es, Frau Kaiser. Der Minister hat gerade Ihren Chefredakteur angerufen. Es scheint, Ihre Geschichte über das Institut basiert auf einer unzuverlässigen, psychisch labilen Quelle. Es wäre rufschädigend für ein so angesehenes Magazin, solche haltlosen Anschuldigungen zu veröffentlichen. Er hat ihm dringend davon abgeraten.“
Johanna spürte, wie die letzte Hoffnung in ihr erlosch. Sie war allein.
„Nun“, sagte Lirpas Stimme. „Wo waren wir? Ach ja. Die Lektion.“
Ein neuer mechanischer Arm senkte sich herab. An seinem Ende befand sich das Brust-Modul.
„Beginnen wir.“
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