Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 7 of 34
Linda erwachte in einem Raum, der nicht ihr Zimmer war. Die Decke war weiß, die Luft roch nach Antiseptikum und Stärke. Sie lag auf einem schmalen, harten Bett, das mit straff gespannten weißen Laken bezogen war. Eine dünne Decke lag über ihrem nackten Körper. Sie war im Krankenflügel.
Die Erinnerung kam nicht als Flut, sondern als eine Serie von scharfen, brutalen Stichen zurück. Das grelle Licht. Die Hunderten von Augen. Die kalte, monotone Stimme der Maschine. Das Zischen der Ruten, das Knallen der Peitsche, das Pfeifen des Rohrstocks. Und ein Schmerz, so absolut und allumfassend, dass ihr Verstand ihn nicht fassen konnte.
Eine Krankenschwester, eine ältere Frau mit einem ausdruckslosen Gesicht, kam herein. Sie überprüfte Lindas Puls, leuchtete ihr mit einer kleinen Lampe in die Augen. Sie sprach kein Wort. Sie trug eine Salbe auf die schlimmsten Striemen an Lindas Rücken, Gesäß und Oberschenkeln auf. Die Berührung war kühl, professionell und völlig unpersönlich. Als sie versuchte, die Salbe auf Lindas Brüste aufzutragen, zuckte Linda so heftig zusammen, dass die Schwester innehielt.
„Stillhalten“, sagte sie tonlos. „Das beschleunigt die Heilung.“
Linda biss sich auf die Lippen und ertrug die sanfte, aber quälende Berührung. Ihr Körper war nicht mehr ihr eigener. Er war ein Objekt, das verletzt, repariert und für die nächste Verletzung vorbereitet wurde.
Sie verbrachte zwei Tage im Krankenflügel. Zwei Tage der Stille, nur unterbrochen von den Mahlzeiten, die man ihr brachte, und den stummen Visiten der Krankenschwester. Sarah durfte sie nicht besuchen. Niemand durfte das. Es war eine Zeit der Isolation, in der der Schmerz langsam von einem alles verzehrenden Feuer zu einer tiefen, pochenden Glut abebbte. Doch die seelische Wunde blieb offen, klaffend und infiziert von Scham.
Am dritten Tag wurde sie für genesen erklärt. „Sie können gehen“, sagte die Schwester. „Ihre Kleidungsprivilegien sind weiterhin vollständig ausgesetzt.“
Vollkommen nackt verließ Linda den Krankenflügel und ging zurück in die Welt der Schule. Die zwei Wochen ihrer Probezeit waren noch nicht vorbei. Es blieben noch zehn Tage. Zehn Tage, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten.
Die darauffolgende Woche war eine monotone Hölle. Ihre öffentliche, extreme Züchtigung hatte sie zu einer Legende gemacht. Die Schüler mieden sie nicht mehr nur, sie wichen ihr aus, als wäre sie ansteckend. Wenn sie einen Korridor betrat, verstummten die Gespräche. Ein unsichtbarer Kreis des Schweigens und der Furcht umgab sie. Die Blicke waren nicht mehr neugierig, sie waren eine Mischung aus Abscheu und einer gewissen ehrfürchtigen Angst. Sie war das ultimative warnende Beispiel.
Ihre Nacktheit war zu einem permanenten Zustand geworden. Sie hatte aufgehört, sie bewusst wahrzunehmen, aber ihr Körper spürte sie. Die Kälte der Stühle, der Luftzug in den Korridoren, die ständige, ungeschützte Verletzlichkeit. Sie war nur noch Haut und Knochen, Nerven und Angst.
In jeder einzelnen Unterrichtsstunde wurde sie geprüft. Es war, als hätte sich das gesamte Lehrerkollegium verschworen, ihre Grenzen auszuloten, nach dem kleinsten Riss in ihrer neu errichteten Fassade aus Furcht und Gehorsam zu suchen.
In Geschichte bei Dr. Weber wurde sie an die Tafel gerufen, um die logistischen Herausforderungen von Napoleons Russlandfeldzug zu erläutern. Mit zitternder Hand und leiser Stimme rezitierte sie die Fakten, die sie sich in der Nacht zuvor eingeprägt hatte. Die Taktik der verbrannten Erde, der frühe Wintereinbruch, die Partisanenangriffe, der katastrophale Rückzug über die Beresina. Sie sprach wie ein Automat, die Worte kamen ohne Gefühl, ohne Verständnis. Dr. Weber hörte ihr zu, sein Gesicht war undurchdringlich. „Befriedigend“, sagte er nur. „Setzen.“ Es war kein Lob, aber es war auch keine Bestrafung.
In Latein mussten sie Ovid übersetzen. Die Verse handelten von Daphne, die vor Apollo flieht und sich in einen Lorbeerbaum verwandelt, um seiner Berührung zu entgehen. Linda las die Worte, und für einen Moment durchbrach die alte Poesie ihre Apathie. Die Vorstellung der Verwandlung, der Flucht in eine andere, unempfindliche Existenz, war so verlockend, dass ihr die Tränen kamen. Die Lehrerin, eine strenge, ältere Frau, rügte sie für ihre Sentimentalität. „Gefühle haben in der Grammatik keinen Platz, Meier. Konjugieren Sie ‚tangere‘.“ Sie versagte.
In Französisch lasen sie Voltaires „Candide“. Die Ironie war fast unerträglich. Sie musste einen Abschnitt über die „beste aller möglichen Welten“ laut vorlesen, während sie nackt und zitternd vor der Klasse stand. Bei der anschließenden Analyse der grammatikalischen Feinheiten des Konjunktivs in einem Satz über persönliche Freiheit war ihr Verstand eine leere Wand.
Die schlimmste Stunde war immer Mathematik. Frau Keller schien eine sadistische Freude daran zu haben, Linda an ihre Grenzen zu treiben. Sie hatten die Differentialrechnung abgeschlossen und waren nun bei der Integralrechnung – dem Konzept, die Fläche unter einer Kurve zu finden. Eine Fläche, die durch Grenzen definiert wird. Lindas Grenzen waren längst überschritten.
Am Montag rief Frau Keller sie an die Tafel. „Meier. Berechnen Sie das bestimmte Integral der Funktion f(x) = 3x² von 0 bis 2.“
Linda stand dort, nackt, ihr Körper schmerzte immer noch, und starrte auf die Gleichung. Sie kannte die Schritte. Stammfunktion bilden. Grenzen einsetzen. Aber die Zahlen und Symbole verschwammen. Die Angst war eine dicke, kalte Mauer.
„Ich… ich kann nicht“, flüsterte sie.
„Das ist keine akzeptable Antwort“, sagte Frau Keller kalt. Sie kam vom Pult auf Linda zu und betrachtete sie prüfend. Sie bemerkte die Art, wie Linda stand, wie sie versuchte, ihr geschundenes Gesäß nicht zu belasten. Ein dünnes, grausames Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Ich sehe, Ihr… Sitzfleisch ist noch empfindlich“, sagte sie spitz. „Eine Bestrafung auf die übliche Weise wäre also redundant. Aber ein Versäumnis muss korrigiert werden. Unmittelbar.“
Sie ging zu ihrem Pult und holte einen langen, dünnen Zeigestab aus Bambus hervor. Er war leicht und flexibel.
„Da Ihr Verstand leer ist, werden wir an einer anderen Stelle für Klarheit sorgen. Hände auf den Rücken. Brust raus.“
Zitternd gehorchte Linda. Sie presste die Hände hinter ihrem Rücken zusammen und zwang ihre Schultern zurück, was ihre Brüste nach vorne drückte. Sie waren immer noch geschwollen und von bläulichen Flecken übersät.
Frau Keller trat vor sie. Mit einer schnellen, fast beiläufigen Bewegung ließ sie das Ende des Bambusstabs auf Lindas linke Brustwarze schnellen.
ZISCH!
Der Schmerz war wie ein elektrischer Schlag, kurz, aber unendlich scharf. Linda keuchte und krümmte sich, aber Frau Kellers Befehl – „Haltung!“ – ließ sie wieder erstarren.
Zehnmal ließ die Lehrerin den Stab schnellen, fünfmal auf jede Seite. Es war keine brutale Züchtigung wie die der Maschine, es war eine präzise, demütigende Folter, die darauf abzielte, Schmerz mit minimalem Aufwand zu maximieren.
Am Mittwoch wiederholte sich das Schauspiel. Diesmal war es eine Textaufgabe, die eine Integration erforderte. Wieder versagte Linda. Wieder holte Frau Keller den Bambusstab. Wieder die zehn scharfen, schneidenden Schläge auf ihre Brüste vor den Augen der gesamten Klasse. Es wurde zur Routine. Zu ihrer persönlichen Routine der Scham.
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