Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 8 of 34
Am Morgen des letzten Tages ihrer Probezeit klopfte Sarah an die Tür, bevor Linda überhaupt wach war. Sie hielt ein Kleidungsstück in der Hand. Es war ein dünnes, fast durchsichtiges Hemd aus weißer Baumwolle, ähnlich dem, das Lena nach ihrer Bestrafung getragen hatte.
„Der Professor hat es genehmigt“, sagte Sarah leise. „Für heute.“
Linda nahm das Hemd. Der Stoff war weich, eine unvorstellbare Wohltat nach Tagen der völligen Nacktheit. Sie zog es über. Es verdeckte kaum etwas. Die Striemen und blauen Flecken auf ihren Brüsten schimmerten durch den dünnen Stoff, ihre Brustwarzen zeichneten sich deutlich ab. Es war keine Rückkehr zur Normalität. Es war nur eine andere Form der Zurschaustellung, ein Zeichen dafür, dass sie immer noch eine Sünderin war, wenn auch eine, der man eine winzige, bedingte Gnade gewährte. Aber es war etwas. Es war eine Hülle.
Der ganze Tag war von einer unerträglichen Spannung geprägt. Jeder wusste, dass heute das Urteil fallen würde. Würde sie bleiben müssen? Würde sie gehen dürfen? Die Tuscheleien waren lauter als je zuvor. Linda war der Mittelpunkt eines Dramas, dessen Ausgang alle mit einer Mischung aus Furcht und Sensationslust erwarteten.
Nach dem Mittagessen kam die Nachricht. Ein älterer Schüler, ein Präfekt, trat an ihren Tisch. „Meier. Sie werden um fünfzehn Uhr im Büro von Professor Lirpa erwartet.“
Die Stunden bis dahin vergingen in einem Zeitlupen-Albtraum. Linda konnte sich auf nichts konzentrieren. Sie saß im Unterricht und starrte ins Leere, während ihr Herz einen unregelmäßigen, panischen Takt schlug.
Um fünf vor drei machte sie sich auf den Weg. Der Gang zum Disziplinartrakt war der längste ihres Lebens. Jeder Schritt war ein Schritt in Richtung ihres Schicksals. Alina begrüßte sie im Vorzimmer.
„Gedulde dich noch kurz. Das Tribunal ist noch nicht ganz vollzählig.“
Linda setzte sich, vorsichtig, hin. Und wartete. Was blieb ihr auch übrig.
Mrs Davies, ihre Englischlehrerin, stürzte Hals über Kopf durch die Tür.
„Ich hoffe, der Professor wird die Verspätung verzeihen … ich habe die Zeit vergessen …“
Wenn ich sowas sage, komme ich in die Strafsuite, dachte sich Linda. Sie hörte ein Gemurmel durch die verschlossene Tür. Dann war es soweit. „Wir sind jetzt soweit, Alina“, klang es aus der Gegensprechanlage. Alina nickte Linda zu. Diese stand resigniert auf und öffnete die Tür.
Der Anblick, der sich ihr bot, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Professor Lirpa saß wie immer hinter seinem gewaltigen Schreibtisch. In einer halbrunden Reihe von Stühlen, ihm zugewandt, saßen ihre Lehrer. Dr. Weber, der Geschichtslehrer. Ihre Lateinlehrerin, Frau Dr. Adler. Ihr Französischlehrer, Monsieur Dubois. Ihr Deutschlehrer, Herr Schmidt. Ihre Englischlehrerin, Mrs. Davies. Frau Keller, die Mathelehrerin. Und Frau Schmidt, die Sportlehrerin. Neben Frau Schmidt saß eine weitere Person, die Linda mit einem Schauer wiedererkannte: die Oberschwester aus dem Krankenflügel, eine Frau mit streng zurückgekämmtem Haar und einem Blick, der keine Emotionen kannte.
„Ah, Linda“, sagte Professor Lirpa, seine Stimme war ruhig und geschäftsmäßig. „Kommen Sie herein. Schließen Sie die Tür. Stellen Sie sich in die Mitte des Raumes.“
Linda gehorchte mechanisch. Sie trat in den Raum und stellte sich auf den persischen Teppich. Sie fühlte sich wie ein Tier, das von einer Meute Raubtiere eingekreist war. Sie trug ihr durchsichtiges Hemd, fühlte sich aber nackter als je zuvor.
„Wir haben uns heute hier versammelt“, begann der Professor, „um eine Bilanz Ihrer vierzehntägigen Probezeit zu ziehen.“ Er fuhr fort, die Lehrer um ihre Einschätzungen zu bitten. Einer nach dem anderen trugen sie ihre vernichtenden Urteile vor: Dr. Weber über ihre rein mechanische Lernweise, Frau Dr. Adler über ihre emotionale Instabilität, Monsieur Dubois und Herr Schmidt über ihr mangelndes Abstraktionsvermögen, Mrs. Davies über ihre Unfähigkeit zur objektiven Analyse, Frau Keller über ihr totales Versagen in der Mathematik und schließlich Frau Schmidt über ihre körperliche Schwäche und den tätlichen Angriff.
Ein eisiges Schweigen füllte den Raum. Linda zitterte unkontrolliert. Sie hörte ihre Verfehlungen, aufgelistet wie die Anklagepunkte in einem Prozess, und sie wusste, dass sie bereits verurteilt war.
Professor Lirpa faltete die Hände auf seinem Schreibtisch. Er blickte Linda direkt an, seine Augen waren kalt und analytisch.
„Die Berichte sind, wie Sie gehört haben, einstimmig und eindeutig“, sagte er. „Sie haben in den letzten vierzehn Tagen ein Muster von Versagen, Widerstand und offener Rebellion gezeigt. Sie kamen zu uns mit einem Problem der Disziplinlosigkeit, und Sie haben bewiesen, dass dieses Problem weitaus tiefer sitzt, als Ihre Eltern es sich vorgestellt haben.“
Er machte eine Pause, ließ die Worte ihre volle, vernichtende Wirkung entfalten.
„Daher ist es die einhellige und dringende Empfehlung dieses Gremiums, dass Ihre Probezeit nicht beendet, sondern in einen permanenten Aufenthalt umgewandelt wird. Wir werden Ihren Eltern mitteilen, dass eine Rückkehr in eine unstrukturierte Umgebung für Sie katastrophale Folgen hätte. Sie benötigen die intensive, ununterbrochene Betreuung, die nur diese Institution Ihnen bieten kann. Zu Ihrem eigenen Besten, Linda.“
Die Welt um Linda herum brach zusammen. Die winzige, irrationale Hoffnung, die sie trotz allem in sich getragen hatte, erlosch. Sie würde hierbleiben. Für immer.
„Das… das können Sie nicht tun…“, flüsterte sie, ihre Stimme war ein heiseres Krächzen. „Meine Eltern…“
„Ihre Eltern haben uns das volle Sorgerecht für Ihre Erziehung übertragen“, unterbrach sie der Professor kalt. „Sie werden unserer professionellen Einschätzung vertrauen. Die Entscheidung ist gefallen.“
Er lehnte sich zurück. „Das bringt uns zu einem letzten, unerledigten Punkt. Unabhängig von der Entscheidung über Ihren weiteren Verbleib - diese obliegt natürlich Ihren Eltern, wenn ich auch zuversichtlich bin, dass sie unserer Empfehlung zustimmen werden - gibt es die Angelegenheit Ihres Angriffs auf den Schüler Daniel. Ein solcher Akt kann nicht ungesühnt bleiben. Es ist die schwerste Verletzung unserer Gemeinschaftsregeln. Ihre Strafe wird öffentlich sein, damit jeder Schüler die Konsequenzen eines solchen Verrats an unserer Ordnung versteht. Sie werden morgen, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang, am Pranger im zentralen Hof stehen. Zu jeder vollen Stunde werden Sie von den Präfekten zehn Hiebe mit dem Rohrstock auf Ihr nacktes Gesäß erhalten. Der Schüler Daniel wird auch an ihrer Bestrafung teilnehmen.“
In diesem Moment räusperte sich die Oberschwester. Alle Blicke richteten sich auf sie.
„Herr Professor“, sagte sie mit einer Stimme, die so steril war wie ihr Krankentrakt. „Mit Verlaub, ich muss aus medizinischer Sicht Einspruch erheben.“
Professor Lirpa hob eine Augenbraue. „Führen Sie aus, Oberschwester.“
„Das Gesäß der Schülerin ist durch die vorangegangenen, notwendigen Korrekturmaßnahmen erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Das Gewebe ist traumatisiert und stark angeschwollen. Weitere Schläge auf dieselbe Stelle wären nicht nur kontraproduktiv für den Heilungsprozess, sondern bergen auch das Risiko permanenter Gewebeschäden und schwerer Infektionen. Aus rein praktischer Sicht wäre es verantwortungslos, dieses Körperteil weiter zu belasten.“
Professor Lirpa bedachte sie mit einem langen Blick. „Sie halten die Strafe also für unangemessen?“
„Ich halte die Methode für ineffizient, Herr Professor“, korrigierte die Schwester ihn kühl. „Der Zweck der Strafe ist es, eine Lektion zu erteilen. Wenn der Körper derart beschädigt ist, dass er die Lektion nicht mehr richtig aufnehmen kann, verfehlt die Maßnahme ihr Ziel. Es gibt… Alternativen.“
„Ich bin ganz Ohr“, sagte Lirpa.
„Der Pranger ist eine ausgezeichnete Wahl für die öffentliche Zurschaustellung“, fuhr die Schwester fort. „Aber die körperliche Züchtigung sollte modifiziert werden. Ich schlage vor, die Schülerin wird stehend fixiert, auf dem Boden des Hofes, mit gespreizten Beinen und über dem Kopf fixierten Armen, um maximale Exposition und Verletzlichkeit zu gewährleisten. Anstelle des Rohrstocks auf das Gesäß sollten die Präfekten eine leichte, flexible Peitsche verwenden. Die stündlichen zehn Hiebe sollten dann abwechselnd auf ihren Rücken und ihre Vorderseite – also Rumpf, Bauch und Brüste – verabreicht werden. Diese Bereiche sind derzeit relativ unbelastet und bieten eine frische Oberfläche für die Lektion. So wird die Disziplinierung gewährleistet, ohne die bereits behandelten Zonen zu gefährden.“
Ein krankhaftes, unvorstellbares Bild formte sich in Lindas Kopf. Auf dem Boden. Angekettet. Ausgepeitscht. Auf dem Bauch. Auf dem Rücken. Auf die Brust. Vor allen.
Professor Lirpa dachte einen Moment nach, sein Blick wanderte von der Schwester zu Linda, als würde er das Gewicht ihrer Körperteile gegeneinander abwägen.
„Ein ausgezeichneter, pragmatischer Vorschlag, Oberschwester“, sagte er schließlich. „Ihre Expertise ist wie immer von unschätzbarem Wert. So sei es. Die Strafe wird wie von Ihnen vorgeschlagen modifiziert. Zusätzlich schlage ich vor, dass der Schüler, den Linda tätlich angegriffen hat, mindestens jeder zweiten Strafe beiwohnt und mindestens zwei selber ausführt.“
„Meine Brust ist aber in den letzten Tagen zweimal gezüchtigt worden …“, platzte es aus Linda heraus. „Von Frau Keller …“. Ihre Stimme erstarb, als sie die entsetzten Gesichter der Lehrer sah, da sie es gewagt hatte unaufgefordert zu sprechen.
Professor Lirpa kontrollierte seine Wut.
„Bitte sprich nur, wenn du gefragt wirst!“, sagte er ruhig, verfiel aber ins „Du“ anstatt des ansonsten üblichen „Sie“, das Linda etwas lächerlich fand. „Aber wir sind keine Unmenschen. Ziehe dein Hemd aus, so dass wir uns selber ein Bild machen können.“
Linda zögerte. Zwar war sie Nacktheit inzwischen gewöhnt, aber hier, vor allen Lehrern, war das wieder auf andere Art demütigend.
„Komm schon, Mädchen. Wir haben ja doch schon alles gesehen, was du hast.“
Seufzend zog sich Linda das Hemd aus und stand wieder nackt da.
„Komm bitte rüber zu mir“, forderte sie der Professor auf. Sie gehorchte. Der Professor setzte sich ein Monokel, das in der hochmodernen Schule das Relikt einer anderen Zeit zu sein schien, ins Auge und schaute sich Lindas Brüste aus der Nähe an. Die Striemen waren nicht zu übersehen, aber sie schienen ihm nicht sehr tief. Er strich mit den Fingern über die Haut; Linda zuckte zusammen. Dann drückte er erst eine, dann die andere Brust mit der Hand leicht zusammen. Wieder eine Reaktion von Linda.
„Was meinen Sie, Kollegen?“, fragte der Professor in die Runde. Einige der anderen Lehrer winkten Linda zu sich, um sich auch ein Bild zu machen. Die Oberschwester war als Letzte dran. Sie betastete das Gewebe ganz klinisch.
„Nun, meiner professionellen Meinung nach, sind die Verletzungen nur oberflächlich. Aber seien wir nicht so. Wir ersetzen zwei Züchtigungen der Brüste durch zwei Züchtigungen der Vulva … das heißt natürlich, dass es am besten wäre, wenn die Beine bei der Zurschaustellung noch weiter gespreizt wären, als ohnehin geplant, um der Peitsche ungehindert Zugang zu gewährleisten.“
Der Professor wandte sich wieder an Linda, deren Gesicht eine Maske des puren Entsetzens war.
„Sie haben gehört, Linda. Ihre Strafe wurde angepasst, um maximale pädagogische Wirkung zu erzielen, und um Ihre Bedenken über Ihre Brüste aus dem Weg zu räumen. Sie sind entlassen. Gehen Sie auf Ihr Zimmer und bereiten Sie sich auf den morgigen Tag vor.“
Sie wusste nicht, wie sie den Raum verließ. Sie stolperte hinaus, ihre Beine bewegten sich von selbst. Die Worte der Schwester hallten in ihrem Kopf wider – „frische Oberfläche für die Lektion“.
Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, blieben die Lehrer und der Professor allein zurück.
„Sie können gehen“, sagte Lirpa. „Ich danke Ihnen für Ihre Einschätzung.“
Sie erhoben sich und verließen schweigend den Raum.
Allein in der Stille seines Büros zog Professor Lirpa ein Blatt feinstes Büttenpapier aus einer Schublade. Er nahm einen schweren Füllfederhalter zur Hand und begann zu schreiben.
Sehr verehrte Frau und sehr geehrter Herr Meier,
ich komme heute auf Sie zu, um Ihnen einen Bericht über die vierzehntägige Probezeit Ihrer Tochter Linda in unserer Institution zu geben. Es waren, um es offen auszudrücken, zwei Wochen von erheblicher Intensität, die jedoch für unser Verständnis von Lindas tiefgreifenden Bedürfnissen von unschätzbarem Wert waren.
Linda kam zu uns mit Symptomen jugendlicher Rebellion und mangelnder Disziplin. Unsere diagnostischen und pädagogischen Maßnahmen haben jedoch gezeigt, dass die zugrundeliegenden Probleme weitaus komplexer sind. Linda zeigt eine tief verwurzelte Resistenz gegen etablierte Strukturen und eine emotionale Labilität, die in einer weniger kontrollierten Umgebung eine ernsthafte Gefahr für ihre eigene Entwicklung darstellen würde.
Besonders besorgniserregend war ein Vorfall, bei dem Linda einen Mitschüler während einer angeleiteten Übung tätlich angriff. Dieser Kontrollverlust zeigt auf dramatische Weise, wie sehr sie auf die klare und unmissverständliche Struktur angewiesen ist, die wir hier bieten. Es wäre unverantwortlich, sie jetzt wieder dem Druck und den unklaren Regeln der Außenwelt auszusetzen.
Daher ist es die einhellige und dringende Empfehlung des gesamten Lehrkörpers, Lindas Aufenthalt bei uns von einer Probezeit in eine permanente Einschreibung umzuwandeln. Wir sind davon überzeugt, dass nur durch eine langfristige, konsequente Betreuung ihr volles Potenzial entfaltet und ihr destruktives Verhalten korrigiert werden kann.
Wir verstehen, dass dies für Sie eine schwierige Nachricht sein mag. Um Ihnen die Möglichkeit zu geben, sich von der Notwendigkeit und der Wirksamkeit unserer Methoden selbst ein Bild zu machen, möchte ich Sie herzlich einladen, der morgigen, unumgänglichen Disziplinarmaßnahme für den oben erwähnten Angriff beizuwohnen. Es wird eine eindrückliche Demonstration des Weges sein, der vor Ihrer Tochter liegt, und der Entschlossenheit, mit der wir sie auf diesem Weg begleiten werden.
Sollten Sie Schwierigkeiten haben, die doch beträchtlichen Schulgebühren unseres Instituts finanziell zu verkraften, so kann ich Ihnen anbieten, diese zumindest für das erste Jahr zu erlassen. Linda ist uns ans Herz gewachsen und die Schule hat die Mittel, in solchen besonderen Fällen zu helfen.
Aus diesem Grunde schlage ich weiter vor, dass Linda über die bevorstehenden Sommerferien hier im Internat bleibt. Wir werden sie individuell und persönlich fördern und die Fortschritte der letzten zwei Wochen so nicht auf's Spiel setzen.
Die notwendigen Vertragsunterlagen für den permanenten Aufenthalt liegen bei.
Mit dem Ausdruck größter Sorge um das Wohlergehen Ihrer Tochter,
Professor A. Lirpa
Direktor
Er las den Brief noch einmal durch, nickte zufrieden, faltete ihn sorgfältig und schob ihn in einen Umschlag. Das Schicksal von Linda Meier war besiegelt.
© 2025 Birke Becker · All rights reserved