Novella
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Chapter 1 of 5
Nicole war sechzehn, als der Brief kam. Ein elfenbeinfarbener Umschlag mit goldener Prägung, Absender: Notar Dr. Helwig. Ihre Mutter hielt ihn zuerst für Werbung. Nicole dagegen hatte sofort eine Vorahnung. Etwas an der Handschrift, der Art, wie ihr Name dort stand – allein, ohne Eltern oder Familie – hatte Gewicht.
Zwei Tage später saß sie in einem Büro mit Ledersesseln, neben zwei anderen Mädchen: Rebecca, 17, hochintelligent, mit dunklen Augen und einem Blick, der in die Tiefe schnitt, aber erstaunlich freundlich war. Und Jenny, 18, brünett, mit einem süßen Lächeln und einer nervösen Energie, die nicht kaschieren konnte, dass sie es genoss, andere aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Mädchen kannten sich. Rebecca war im gleichen Skatclub wie Nicole - die beiden kämpften jedes Jahr um die Clubmeisterschaft. Jenny spielte auch Skat, aber zwei Städte weiter. Vor einem Jahr waren Jenny und Nicole in das Finale der Regionalmeisterschaft gekommen - das letzte Match war hart umkämpft gewesen, und Jenny hatte am Ende gesiegt. Nicoles Eltern hatten Einspruch eingelegt und Jenny des Falschspiels bezichtigt. Der Einspruch war abgelehnt worden, aber Jenny hasste Nicole seitdem. Jenny hatte, meinte Nicole, einen fiesen Charakter. Sie war überzeugt, dass das Mädchen wirklich gemogelt hatte. Die Abneigung beruhte also auf Gegenseitigkeit.
Nicole selbst war rotblond, klein und zart gebaut, oft unterschätzt – etwas, das sie normalerweise als Vorteil empfand. Jenny und Rebecca, da minderjährig, hatten ihre Eltern dabei.
Dr. Helwig legte die sprichwörtlichen Karten auf den Tisch.
"Ihr alle seid drei Urenkelinnen alter Verbindungen von Theodor Dahlen. Er war kein konventioneller Mann, dass kann ich glaube ich sagen. Sein Lebensstil deckte sich nicht immer mit den damaligen Moralvorstellungen. Und er war ein leidenschaftlicher Skatspieler. Sein letzter Wille verfügt, dass sein Vermögen auf einen seiner leiblichen Urenkel übergehen soll, aber nur, wenn dieser schon bei seinem Ableben seit mindestens zwei Jahren in einem Skatverein Mitglied ist. Eine Detektivagentur hat über fünfzig Urenkel Dahlens festgestellt. Nur Sie drei sind in Skatvereinen Mitglied. Für diesen Fall hat Dahlen verfügt, dass sein Nachlass, durch ein Skatturnier entschieden werden soll. Da Sie aber nur drei sind, wird es sich in vier Runden Skat entscheiden, also in zwölf Spielen. Haben Sie Fragen?”
“Um wieviel Geld handelt es sich denn?”, fragte Rebeccas Vater.
“Zehn Millionen Euro”. Die drei Mädchen und vier Eltern zogen scharf den Atem ein. Soviel Geld!
"Die Sache hat aber einen Haken", führte Dr Helwig weiter aus. "Die Drittplatzierte, also die Verliererin, wird, so sieht es Theodor Dahlens letzter Wille vor, sich einer körperlichen Züchtigung unterziehen müssen. Das wird keine Lappalie sein, sondern eine wirklich ernstzunehmende Strafe. Auch die Zweitplatzierte läuft Gefahr, körperlich gezüchtigt zu werden. Allerdings wird bei ihr die Strafe begrenzt. Sie wird Schläge mit dem Rohrstock erhalten, aber nur so viele, wie sich ergeben, wenn man ihre Punkte von denen der Gewinnerin abzieht. Ist das soweit alles klar?"
Nein, war es nicht, dachte Nicole. Sie sah ihre Eltern entgeistert an. Ihr Vater hatte Fragen: "Das klingt alles sehr nebulös. Welche Strafe wartet denn auf die Verliererin? Sie waren da ja nicht sehr detailliert ..."
"Nun, das Testament sieht vor, dass die Strafe erst im Anschluß festgelegt wird. Die Gewinnerin, so viel darf ich Ihnen schon verraten, hat das Recht, bei der Festsetzung des Strafmasses der Verliererin mitzubestimmen. Sie und Ihre Tochter müssen sich aber schon jetzt bereit erklären, im Verlustfall allen Anweisungen Folge zu leisten. Ansonsten droht ihnen eine Vertragsstrafe von mehreren Millionen Euro, die an die Gewinnerin zu entrichten sein werden."
Nicole und ihre Eltern wussten, dass sie eine geniale Skatspielerin war. Sie hatte bereits mit dreizehn erste Jugendturniere gewonnen, spielte regelmäßig in einem Online-Club gegen Erwachsene und schlug ihren Vater seit zwei Jahren konsequent bei jedem Familienspielabend. In ihrem Heimatort galt sie als kleines Skatwunder. Ihre Liebe zum Spiel hatte früh begonnen. Als Kind saß sie oft bei ihrem Großvater auf dem Schoß, wenn dieser mit alten Freunden im Schrebergarten Skat spielte. Sie verstand anfangs nichts – aber sie beobachtete, speicherte, lernte. Mit neun bekam sie ihr erstes eigenes Kartenspiel. Mit elf schlug sie zum ersten Mal ihren Onkel – ein passionierter Spieler, der danach schwor, nie wieder gegen sie anzutreten. Die Karten waren für sie mehr als Spiel – sie waren Logik, Emotion, Strategie. Sie wusste, dass sie für dieses Turnier mehr mitbrachte als bloßes Talent: Erfahrung, Intuition und Ehrgeiz. Sie rechnete sich aus, bei drei Runden sehr gute Chancen auf den Sieg zu haben. Je mehr Runden, so wußte sie, desto mehr Gewicht hatte das Können des Spielers, desto weniger Gewicht das Glück. Wenn das Risiko auch hoch war - der Gewinn war zu verlockend. Ihr Leben würde sich auf einen Schlag ändern. Aus armen Schluckern würden von einem Augenblick auf den nächsten Millionäre. Sie und ihre Eltern unterschrieben.
Rebeccas Vater hatte aber wohl Bedenken: er sah sehr besorgt aus. Seine Frau warf ihm wütende Blicke zu. Sie flüsterten untereinander. Rebeccas Kopf war rot. Sie schüttelte ihn immer wieder. Doch ihre Mutter flüstere auf sie ein, bis auch sie unterschrieb. Da setzte ihr Vater auch seine Unterschrift unter das Papier.
Jenny hatte sich das alles angesehen ... sie sah hier die Chance, endlich unabhängig zu werden von Eltern, die sie hasste. Sie konnte, da volljährig, allein entscheiden. Sie war eine sehr gute Spielerin, eine, die rücksichtslos spielte und auch, wie Nicole argwöhnte, durchaus mal mogelte. Sie würde das Ding schon schaukeln. Sie unterschrieb.
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