Novella
Chapter 2 of 5
Die Veranstaltung fand in einem privaten Salon statt, irgendwo in einer Villa am See. Ein Saal wie ein Schachtempel, mit Spotlights auf einem einzigen Tisch. Drei Sessel. Drei Kameras. Ein Moderator im Smoking. Große Bildschirme, die zeigten, was auf dem Tisch lag. Ein Tisch für das Schiedsrichtergremium. Und ein Publikum, geladen wie in Theodors mysteriösem Testament vorgesehen: Seine Investoren, Freunde, Skatkumpel, Nachbarn und Kollegen. Insgesamt um die vierzig Personen.
Nicole trug ein schwarzes Kleid. Ihre Mutter dachte, konservativ ginge immer gut. Rebecca erschien sachlich gekleidet, in einem eleganten Hosenanzug. Jenny kam zu spät, und machte so einen großen Auftritt: Gekleidet wie für ein Pokertunier in Las Vegas zog sie sofort alle Blicke auf sich. Ihr Lächeln war sowohl selbstbewußt als auch leicht überheblich. “Dumme Kuh”, dachte sich Nicole. Sie schätzte ihre Chancen gut ein, solange Jenny nur nicht wieder mogelte. Die Kameras und ein ganzer Tisch voller Schiedsrichter würden das aber wohl verhindern. Und gegen Rebecca gewann Nicole öfter, als sie verlor.
Der Moderator erhob die Stimme. "Ich erkläre nochmal die Regeln. Es wird eine Dreierrunde gespielt, also alle spielen immer mit. Vier Runden, zwölf Spiele. Abgerechnet wird nach Seeger/Fabian, wie bei Skatturnieren üblich. Jedes gewonnene Alleinspiel gibt den Reizwert plus 50 Punkte. Bei verlorenem Alleinspiel wird der doppelte Spielwert abgezogen, zusätzlich 50 Punkte, während die erfolgreichen Gegenspieler je 40 Punkte erhalten. Die Gewinnerin wird den Hauptpreis von €10m erhalten. Die Verliererin dagegen wird hart bestraft werden. Sie wird gleich im Anschluss an das Spiel vor den versammelten Herrschaften körperlich gezüchtigt. Das Strafmass der Zweitplatzierten ist im voraus zu bestimmen: es errechnet sich aus der Höhe ihrer Niederlage. Wir werden ihre Punktzahl von der der Gewinnerin abziehen - das Ergebnis ist dann die Zahl der Stockhiebe, die sie auf das Gesäß erhalten wird. Würden die Spielerinnen bitte die Plätze einnehmen? Das Spiel geht los. Ich wünsche allen drei Teilnehmerinnen viel Glück!”
Es wurde still im Raum. Rebecca saß zu Nicoles Linken, Jenny zur Rechten. Rebecca gab. Man konnte hören, wie die Karten auf die Filzdecke fielen, bevor sie von den beiden Spielerinnen aufgenommen wurde. Dann nam auch Rebecca ihr Blatt auf. Sie guckte mit steinerner Miene in die Runde, während Jenny triumphierend ins Publikum blickte.
Nicole hatte ein recht gutes Blatt, der triumphierende Blick von Jenny verunsicherte sie aber ein wenig. Sie würde sicher ein Karo ohne zweien gewinnen, sogar ein Handspiel war gewinnbar. “18” bot Nicole, Jenny nickte. “20”. Wieder ein Nicken. Nicole sprang sofort auf “27”, was sie eigentlich vermied. Sie war aber nervös und wollte mit Gewalt ans Spiel. Wieder dieses Nicken, mit einem süffisanten Lächeln der Gegnerin. Weiter als 36 konnte Nicole nicht gehen und passte wohl oder übel. Rebecca passte auch - Jenny war am Spiel. Triumphierend sagte sie ein Grand Hand Schneider angesagt an - Nicoles Herz wäre in ihre Hose gerutscht, hätte sie eine Hose und nicht ein Kleid angehabt. Jenny spielte den Herz Buben aus - Nicole stach mit Pik Bube und freute sich schon auf die Karte, die Rebecca wohl buttern würde. Diese spielte aber nur die Herz Dame - enttäuschend. Aber immerhin, sieben Augen von den nötigen 31 waren im Sack. Jetzt konnte Nicole den Alten ausspielen - noch eine Dame von Rebecca, die wohl wirklich kein gutes Blatt zu haben schien, gefolgt von einer Herz Lusche von Jenny. Nicole überlegte. Herz hatte sie jetzt schon oft gesehen. Vielleicht war Jenny da blank. Allerdings … warum hatte Rebecca dann keine hohe Herzkarte geschmiert? Nicole spielte den Herzkönig aus, Rebecca legte eine Herzlusche drauf und Jenny übernahm mit Herz-As. Dann kam, voraussehbar, die Herz 10, und dann eine Pikflöte von oben nach unten, dass Rebecca und Nicole Hören und Sehen verging. Das erste Spiel ging an Jenny, sie kriegte satte 144 Punkte plus 50 Punkte nach Seeger/Fabian gutgeschrieben. Das fing ja gut an! Die dumme Kuh hatte schon 194 Punkte auf dem Konto!
Das nächste Spiel, ein Herz, konnte Nicole endlich an sich reissen und gewann - aber der Spielwert lag deutlich niedriger, da sie nur mit einer Spitze spielte und knapp über 80 Augen kam. 70 Punkte auf ihrem Konto. Jenny passte jetzt zweimal sofort, Rebecca und Nicole wechselten sich ab mit dem Alleinspiel, denn ein unvorsichtiges “18” kam Rebecca teuer zu stehen: sie hatte kein Spiel, weil nichts Brauchbares im Skat war, versuchte ein Null und musste gleich den dritten Stich machen. Nach der ersten Runde hatte Jenny also 234 Punkte (durch das erfolgreiche Gegenspiel), Nicole 110 und Rebecca -96. Rebecca war bleich geworden. Nicole entspannte sich etwas. Das Geld war in weiter Ferne, aber die zweite Position würde sie verteidigen und das Schlimmste vermeiden. Da konnte sie sicher freier aufspielen ab jetzt. Ihr Vater im Publikum nickte ihr aufmunternd zu. Wieder war es an Rebecca, zu geben. Nicole hatte ein schreckliches Blatt, Jenny machte auch aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl. Rebecca sagte ein Grand Hand Ouvert Schwarz angesagt an und legte sogleich alle ihre Karten auf den Tisch - vier Buben, dann eine Kreuzflöte - da war kein Kraut gegen gewachsen. Das Glück war nicht auf Nicoles Seite! Rebecca hatte nun 194 Punkte auf dem Konto, sie, nicht Nicole, lag an zweiter Stelle! 234, 194, 110. Der zweite Platz war noch machbar, aber der Gewinn lag in weiter Ferne!
In den nächsten zwei Runden konzentrierte sich Nicole, zählte Augen und Trümpfe, zog Rückschlüsse aus dem Reizverhalten ihrer Gegnerinnen, spielte ihre ganze Erfahrung aus. Rebecca war zunächst übermütig geworden und hatte zwei Farbspiele angesagt, die nicht zu gewinnen waren. Sie lag inzwischen wieder auf Platz drei, während Nicole sich langsam an Jenny heranarbeitete. Der Abstand bestand, beim zehnten Spiel, also dem zweiten Spiel der letzten Runde, nur noch 80 Punkte, während Rebecca inzwischen über 100 Punkte hinter Nicole lag. Sie schien sich bereits in ihr Schicksal zu fügen. “Ist wohl doch mehr als Stochastik, das Skatspiel”, dachte sich Nicole bei sich, also Jenny nur zum zweiten Mal ans Spiel kam. Sie spielte ein Null Ouvert, das die beiden anderen ihr sofort schenken mussten. Mit 410 Punkten lag sie nun fast 180 Punkte vor Nicole. Das nächste Blatt war für Nicole nicht gewinnbar - das Geld schien weg zu sein, aber die beiden anderen passten auch. Eingepasst! Es kam also auf das 12. Spiel an. Und, Nicole konnte ihr Glück nicht fassen: Ihr Blatt war fantastisch! Drei Buben, Kreuz, Pik und Herz, und drei Asse. Das musste sie gewinnen. Sie rechnete wie wild. Sie lag 176 Punkte zurück. Wenn sie ein Grand gewann, würde sie nur 122 Punkte erhalten - zu wenig. Selbst, wenn die anderen im Schneider blieben - 146 wären auch nicht genug. Ihr Herz sank. Aber Reizen würde sie auf jeden Fall - wenn schon nicht gewinnen, dann doch nicht zu viele Stockhiebe einfangen. Jeder Punkt zählte. Sie kam leicht ans Spiel, Jenny war siegesgewiss, Rebecca resigniert. Im Publikum raunte es. Leute begannen, sich zu unterhalten. Das Spiel schien ja auch entschieden. Doch Nicole war trotzig. So leicht gab sie nicht auf! Wer war denn hier das Skat-Wunderkind? Sie würde einfach Hand spielen und alles daran setzen, Schneider zu gewinnen. Aber selbst dann bliebe sie sechs Punkte vom Ziel entfernt …
In diesem Moment meldete sich der Vorsitzende des Schiedsrichtergremiums: “Bitte sagen Sie ein Spiel an, die Bedenkzeit ist abgelaufen!”
“Ich spiele Grand Schneider angesagt”, hörte sich Nicole sagen. Alles oder Nichts! Sie spielte den Pik Buben aus … aber Rebecca fiel nicht drauf rein und warf eine Lusche ab. Dann zwei Asse, erst Karo, dann Herz. Dann die Herz Zehn. Jetzt wurde es komplizierter. Sie spielte eine Pik Lusche aus, in der Hoffnung, mit ihrem Kreuz As wieder ans Spiel zu kommen. Rebecca übernahm mit Pik As, dann fiel die Pik 10. Rebecca spielte lustlos die Herz Dame aus. Sie war sichtlich überrascht, als Jenny nicht übernahm, sondern eine Lusche abwarf, Nicole aber auch nicht mehr als eine sieben bieten konnte. Der Herz König lag wohl im Skat! 24 Augen auf der Gegenseite! Rebecca guckte hasserfüllt auf Jenny und spielte die Karo 7 aus - Jenny legte die 10 darauf und die Gegenpartei war aus dem Schneider! Das Publikum grölte. Nicole wurde es rot vor Augen, als sie ihr Blatt offen vor sich legte. Sie hatte verloren! Alles auf eine Karte gesetzt und verloren! Neben Jennys Namen stand 450, neben Rebeccas 170. Neben ihrem eigenen Namen nun, weiß auf schwarz, für alle sichtbar, eindeutig und unverrückbar: 36.
Der Moderator in seinem lächerlichen Smoking stand nun neben dem Spieltisch und wollte schon das Mikrofon ergreifen, als der Schiedsrichter ihn unterbrach. “Moment, Herr Marconi. Einen Augenblick. Wir haben die Spielweise der Spielerinnen analysiert und sind zu dem Schluß gekommen, dass Rebecca in den letzten Runden das Gegenspiel nicht mehr ernst genommen hat. Für diese Unsportlichkeit wird sie nach den Regeln des deutschen Skatverbandes ausdrücklich gerügt. Es werden ihr fünfzig Punkte aberkannt. Jetzt können sie weiter moderieren!”
Rebecca erstarrte. Die Worte des Schiedsrichters hallten durch den Saal, der Applaus verstummte abrupt. Sie öffnete den Mund, als wolle sie protestieren, doch dann presste sie die Lippen zusammen. Jenny lachte leise – ein kehliges, unheimliches Lachen, das selbst dem Moderator einen nervösen Seitenblick entlockte.
„Somit lautet der Endstand“, fuhr Herr Marconi unbeirrt fort, „auf Platz drei: Nicole mit 36 Punkten. Auf Platz zwei – nach Korrektur – Rebecca mit nunmehr 120 Punkten. Und unsere Siegerin mit 450 Punkten: Jenny!“
Die Kameras schwenkten auf Jenny, die sich mit einem übertriebenen Knicks erhob und das Blitzlichtgewitter genoss. Der Notar trat nach vorne, in der Hand ein versiegeltes Kuvert und eine kleine schwarze Mappe.
„Gemäß der testamentarischen Verfügung von Herrn Dahlen geht das gesamte Vermögen – zehn Millionen Euro – an Jenny Lutz. Frau Lutz, Sie erhalten zusätzlich das Recht, im Rahmen des letzten Willens an der konkreten Ausgestaltung der Strafen mitzuwirken.“
Ein leichtes Raunen ging durchs Publikum. Jenny griff nach dem Umschlag, öffnete ihn, warf einen kurzen Blick hinein – dann sah sie zu den beiden anderen Mädchen. Ihre Stimme war ruhig, beinahe zärtlich.
„Ich nehme den Preis an … und auch die Verantwortung.“
Nicole fühlte, wie sich zwei kräftige Hände auf ihre Schultern legten. Links und rechts traten uniformierte Männer in den Vordergrund – diskret, aber bestimmt. Sie bedeuteten Rebecca und Nicole, sich zu erheben.
„Gemäß Testament“, verkündete der Moderator, „werden die beiden Unterlegenen nun der Bestrafung zugeführt. Diese wird öffentlich und unmittelbar erfolgen. Die Bühne wird vorbereitet.“
Das Publikum erhob sich, einige standen auf Zehenspitzen, andere zückten ihre Handys. Rebecca zitterte, sagte aber kein Wort. Nicole fühlte nur einen bleiernen Druck in der Brust, während sie langsam Richtung Bühnenrand geführt wurde. Der Tisch war längst entfernt worden. An seiner Stelle stand nun ein hölzerner Rahmen, der entfernt an ein Turngerät erinnerte, jedoch gepolstert war – eine Art Strafbock, wie aus einem längst vergessenen Jahrhundert.
Jenny trat noch einmal vor das Publikum. Ein schmaler Moment der Stille lag über dem Raum.
„Ich werde den letzten Willen meines Urgroßvaters respektieren. Das bin ich ihm schuldig.”
Dann wandte sie sich an Rebecca. Ihre Stimme war spitz wie eine Nadel.
„Du hast gegen die Regeln verstoßen. Deshalb wirst du die Strafe nicht auf deinen Hosenboden erhalten, wie es vorgesehen war … sondern auf dein entblösstes Gesäß. Du wirst dich, in der Tat, vollkommen entkleiden. Du hast das Spiel entwürdigt – nun wirst du es selbst sein, die entwürdigt wird.“
Ein Raunen, diesmal lauter. Rebecca keuchte auf. Ihre Mutter schrie auf, wurde aber von einem der Ordner zurückgehalten.
Jenny sah nun zu Nicole. Ihr Blick war kühler, fast analytisch.
„Und du, Nicole – du warst eine ebenbürtige Gegnerin. Aber du hast verloren. Und laut Testament bedeutet das: vollständige Unterwerfung.“
Nicole schluckte. Sie war so still, dass selbst ihr Atem kaum zu hören war. Jenny trat näher, ihre Stimme war nur für Nicole bestimmt.
„Auch wirst die Strafe nackt über dich ergehen lassen.“
Der Saal schwieg. Sekundenlang. Dann begannen die Umbauten.
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