Novella
Birke Becker presents
5.0 (6)
Chapter 3 of 17
Ein Stirnrunzeln legte sich auf Frau Richters Gesicht. Es war nur ein Gefühl, ein winziges Detail, aber etwas stimmte hier nicht. Klothilde hatte Annegrets Anschuldigungen so vehement abgestritten, und doch schien es eine seltsame, fast heimliche Verbindung zwischen ihr und Gottfried zu geben. Die Blicke, die sich zugeworfen hatten, sprachen eine eindeutige Sprache. Es war, als hätten sie sich verabredet … Frau Richter wurde argwöhnisch …
Sie wartete einen Moment, dann schlug auch sie den Weg in den Schlaftrakt der Mädchen ein. Ihr Ziel: Klothildes Einzelzimmer. Als kaiserlicher Spross genoss Klothilde das Privileg eines eigenen Zimmers - ein Ort, der sich für heimliche Treffen eignete. Aber Jungen waren im Mädchentrakt streng verboten … das würden die beiden doch sicher nicht wagen?
Frau Richter bewegte sich lautlos durch die Gänge, ihre Schritte waren kaum zu hören. Sie erreichte Klothildes Tür. Ein leises Geräusch drang von innen nach außen – ein Flüstern, ein Kichern. Frau Richter presste ihr Ohr an die Tür. Sie hörte Gottfrieds Stimme.
Ohne zu zögern, riss Frau Richter die Tür auf.
Klothilde und Gottfried saßen auf Klothildes Bett, dicht aneinandergeschmiegt. Gottfried hatte keine Hose an, und seine Leinenunterhose konnte nicht vertuschen, dass seine Männlichkeit sich in einem Zustand der äußersten Erregung befand. Klothildes Bluse war offen, ihre linke Brust war sichtbar. Die Gesichter der beiden waren gerötet und ihre Haare zerzaust. Sie zuckten entsetzt zusammen, als die Tür aufsprang und Frau Richters hagere Gestalt im Türrahmen erschien, ihr Gesicht war ein Ausdruck kalter Wut.
„Fräulein von Hohenzollern! Herr Gottfried!“, entfuhr es Frau Richter. „Was… was soll das bedeuten?!“
Klothildes Gesicht wurde kreidebleich, Gottfried sprang vom Bett auf, wie ertappt. Ihre Gesichter waren Ausdruck purer Panik. Die Beweise waren erdrückend, unbestreitbar. Frau Richter hatte sie in flagranti erwischt.
Frau Richter stand einen Moment lang im Türrahmen, ihre Augen bohrten sich in die beiden ertappten Schüler. Die Szene vor ihr war ein Schlag ins Gesicht ihrer eigenen strengen Prinzipien, aber auch eine Bestätigung von Annegrets Worten. Ihre Lippen pressten sich zu einem dünnen Strich zusammen, ihre Wut war eine kalte, brennende Flamme.
Sie, die selbst aus einfachen Verhältnissen stammte, hatte sich mit harter Arbeit und unerbittlicher Disziplin zur Konrektorin hochgearbeitet. Sie glaubte an Gerechtigkeit, auch wenn sie oft hart war. Und was sie hier sah, war eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Annegret und Ilse waren öffentlich gedemütigt und körperlich bestraft worden für ein Vergehen, das sie nicht begangen hatten, während die wahren Täter – die adlige Klothilde und ihr Komplize – ungestraft davongekommen waren und sich überheblich am Leiden der beiden Mädchen geweidet hatten.
„Sie… Sie haben es gewagt, mich anzulügen!“, zischte Frau Richter, ihr Blick fixierte Klothilde. „Sie haben zugelassen, dass unschuldige Mädchen bestraft werden, um Ihre eigene Schande zu verbergen! Und nun das hier, nachdem Sie selbst die härteste Strafe für sie gefordert haben, nur weil Ilse Annegret Salbe aufgetragen hat!“
Klothilde versuchte, sich zu fassen, ihre adlige Erziehung kämpfte gegen die Panik an. „Frau Richter, ich… ich kann das erklären… da war keine Salbe, die beiden sind Lesben …“
„Erklären?!“, unterbrach Frau Richter, ihre Stimme hob sich nun. „Es gibt nichts zu erklären! Die Beweise sind erdrückend! Sie werden mich beide unverzüglich ins Büro des Direktors begleiten!“
Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sich Frau Richter auf dem Absatz um. Ihre Schritte waren nun nicht mehr lautlos, sondern fest und entschlossen. Ihre Gedanken rasten. Sie würde sich nicht von Klothildes Stand oder dem blinden Gehorsam des Direktors gegenüber dem Adel einschüchtern lassen. Ihr Gerechtigkeitssinn war tief verletzt, und sie würde alles daransetzen, dass die moralische Ordnung des Internats - ja, der Welt - wiederhergestellt werde. Sie würde den Direktor und das gesamte Kollegium überzeugen müssen. Es würde ein Kampf werden, ein Kampf gegen Vorurteile und Standesdünkel. Aber Frau Richter war eine Frau, die für ihre Überzeugungen kämpfte. Und in diesem Moment war ihre Überzeugung klar: Klothilde von Hohenzollern und Gottfried würden für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden.
Frau Richters Schritte hallten entschlossen durch die Gänge, ihre Wut war eine kalte, treibende Kraft. Klothilde von Hohenzollern, blass und zitternd, folgte ihr mit gesenktem Kopf, während Gottfried siedendheiß bemerkte, dass er seine Uniformhose auf Klothildes Zimmer vergessen hatte und in Unterhosen unterwegs war. Kichern und höhnisches Lachen der Mitschüler begleiteten seinen Weg ins Direktorenzimmer. Ein neuer Skandal! Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und die Luft im Internat war erfüllt von einer gespannten Erwartung.
Frau Richter klopfte. Wieder der Bass des Direktors, der “Herein” rief. Frau Richter öffnete die Tür und stieß erst Klothilde, dann Gottfried, hinein. Klothilde war auch damit beschäftigt, ihre Garderobe zu adjustieren. Der Direktor blickte die drei entgeistert an: “Was ist denn nun wieder los?”
Frau Richter erklärte die Sachlage. Der Direktor setzte sich an seinen Schreibtisch und vergrub sein Gesicht in den Händen.
“Ich glaube nicht, dass ich in dieser Sache alleine handeln kann. Ich werde eine Lehrerkonferenz einberufen.” Dann rief er: “Tobias?” Die Tür öffnete sich und der Pedell steckte den Kopf herein. “Bitte bringen sie die beiden Herrschaften ins Lehrerzimmer und lassen Sie sie nicht aus den Augen! Wir werden das Kollegium versammeln!”.
Und so versammelten sich die Pädagogen. Die Lehrer konnten sich schon ihren Reim machen, als sie die beiden sahen: Klothilde tränenüberströmt, Gottfried zerknirscht und in Unterhosen! Direktor Hoffmann saß nun am Kopf des Tisches, sein Gesicht war traurig und resigniert.
Zuerst wurde Gottfried verhört, Klothilde musste solange den Raum verlassen. Der junge Bismarck stand vor dem Tisch, seine übliche Arroganz war einer blassen Furcht gewichen. „Herr Gottfried“, begann der Direktor, seine Stimme war tief und drohend. „Frau Richter hat Sie und Fräulein von Hohenzollern in einer … kompromittierenden Situation in Fräulein von Hohenzollerns Zimmer angetroffen. Was haben Sie dazu zu sagen?“
Gottfried stammelte, seine Augen huschten hilfesuchend über die Gesichter der Lehrer. „Herr Direktor, ich … ich wollte nur ein Buch zurückgeben … Fräulein von Hohenzollern hat mich gebeten, ihr zu helfen …“
Frau Richter schnaubte verächtlich. „Ein Buch zurückgeben, Herr Gottfried? Mit teilweise gelöster Kleidung, ohne Hose und in einer Umarmung auf dem Bett? Ihre Lüge ist so durchsichtig wie das Glasfenster hinter Ihnen. Ich habe Ihre Stimmen gehört, Ihr Lachen. Und ich habe gesehen, wie Sie sich nach der Züchtigung von Fräulein Lutz und Fräulein Bukow heimlich aus der Aula gestohlen haben.“
Gottfrieds Gesicht wurde kreidebleich. Er wusste, dass er ertappt war. Seine Schuld war offensichtlich. Der Direktor schüttelte missbilligend den Kopf. „Das genügt, Herr Gottfried. Bitte warten Sie draußen; wir rufen Sie dann, um Sie über unser Urteil informieren.“
Als Gottfried das Zimmer verlassen hatte, wurde Klothilde wieder hereingebeten. Sie betrat den Raum mit einer Haltung, die sie sich mühsam bewahrte, doch ihre Augen verrieten die Angst. „Fräulein von Hohenzollern“, sagte der Direktor, seine Stimme klang tieftraurig. „Wir haben soeben Herrn Gottfried vernommen und seine Version der Dinge zur Kenntnis genommen. Was haben Sie zu den Anschuldigungen von Frau Richter zu sagen?“
Klothilde versuchte es mit einer letzten Verzweiflungstat. „Herr Direktor, ich… mir war unwohl; die körperliche Züchtigung, die ich gesehen hatte, war doch etwas zu hart für mich. Gottfried kam, um nach mir zu sehen. Es war ein Missverständnis, ein unglücklicher Zufall…“
„Ein Missverständnis?“, unterbrach Frau Richter, ihre Stimme war scharf wie ein Messer. „Sie haben Annegret Lutz der Verleumdung bezichtigt, sie öffentlich demütigen lassen, weil sie die Wahrheit gesagt hat! Sie haben zugelassen, dass zwei unschuldige Mädchen eine brutale Züchtigung erleiden, während Sie selbst die härteste Strafe für sie forderten, um Ihre eigene Schande zu vertuschen! Und jetzt versuchen Sie, uns erneut zu belügen, nachdem wir Sie in flagranti erwischt haben?! Und ohne Ihre Version mit der Ihres Liebhabers abzugleichen!“
Klothildes Fassade brach zusammen. Ihre Lippen zitterten, und Tränen liefen erneut über ihr Gesicht. Sie wusste, dass sie verloren hatte. Ihre adlige Abstammung konnte sie diesmal nicht retten. Ihre Schuld war unbestreitbar.
„Das genügt, Fräulein von Hohenzollern“, sagte der Direktor, seine Stimme war von tiefer Enttäuschung erfüllt. „Sie dürfen gehen. Warten Sie draußen mit Herrn Gottfried.“
Als die Tür sich hinter Klothilde schloss, legte sich eine schwere Stille über das Lehrerzimmer. Die Luft war erfüllt von unausgesprochener Empörung.
Direktor Hoffmann räusperte sich. „Nun, Kollegium. Die Sachlage ist klar. Fräulein von Hohenzollern und Herr Gottfried haben in eklatanter Weise gegen die Regeln unserer Anstalt verstoßen. Ein solches Verhalten ist inakzeptabel.“ Er machte eine Pause, sein Blick wanderte über die Gesichter der Lehrer. „Ich schlage vor, dass wir beide Delinquenten mit einer Woche Karzer belegen. Dies sollte als ausreichende Strafe dienen und ein klares Zeichen setzen.“
Ein Murren ging durch die Reihen. Eine Woche Arrest? Für ein Vergehen, das Annegret und Ilse eine öffentliche Züchtigung und die Androhung des Schulverweises eingebracht hatte? Die Ungerechtigkeit war greifbar.
Herr Gruber, der Arithmetik-Lehrer, der sonst eher schweigsam war, räusperte sich. „Herr Direktor, mit Verlaub, aber eine Woche Karzer scheint mir angesichts der Schwere des Vergehens und der … der jüngsten Ereignisse, gelinde gesagt, unzureichend.“
Frau Schmidt, die Latein-Lehrerin, stimmte ihm mit einem scharfen Nicken zu. „Ich muss Herrn Gruber beipflichten. Die Tatsache, dass Fräulein von Hohenzollern die Anschuldigungen von Fräulein Lutz wissentlich als Lüge darstellte und somit die Bestrafung unschuldiger Schülerinnen herbeiführte, ist ein Vergehen, das weit über einen bloßen Regelverstoß hinausgeht. Es ist eine moralische Bankrotterklärung.“
Der Direktor runzelte die Stirn. „Ich verstehe Ihre Bedenken, meine Damen und Herren. Aber wir müssen auch die Stellung von Fräulein von Hohenzollern bedenken. Ihr Familienname…“
„Ihr Familienname entbindet sie nicht von den Regeln, die für alle gelten!“, unterbrach Frau Richter, ihre Stimme war scharf und klar, ihre Augen blitzten. Sie erhob sich von ihrem Stuhl, ihre hagere Gestalt schien in diesem Moment überlebensgroß. „Herr Direktor, ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Annegret Lutz und Ilse Bukow gestern gedemütigt wurden. Ich habe gesehen, wie sie Schmerz erlitten, weil Fräulein von Hohenzollern ihre eigene Schuld vertuschen wollte. Mein Gerechtigkeitssinn ist zutiefst verletzt.“
Sie blickte in die Runde, ihre Augen trafen die der anderen Lehrer. „Wir haben eine Verantwortung, nicht nur für die Disziplin, sondern auch für die Gerechtigkeit. Wenn wir zulassen, dass Adelige ungestraft davonkommen, während Bürgerliche für ihre Vergehen – oder, wie in diesem Fall, für die Wahrheit – hart bestraft werden, dann untergraben wir die gesamte Autorität dieser Anstalt.“
Einige Lehrer nickten zustimmend, ihre Gesichter zeigten nun offene Zustimmung. Frau Richter hatte einen Nerv getroffen.
„Ich schlage vor“, fuhr Frau Richter fort, ihre Stimme war nun fest und unerschütterlich, „dass die Strafe für Fräulein von Hohenzollern und Herrn Gottfried der Strafe von Fräulein Lutz und Fräulein Bukow in jeder Hinsicht gleicht. Doch mit einem entscheidenden Unterschied: Die Anzahl der Schläge wird verdoppelt.“
Ein erschrockenes Raunen ging durch den Raum. Dreißig Schläge? Das war beispiellos.
„Dreißig Schläge mit dem Rohrstock für Fräulein von Hohenzollern und dreißig Schläge für Herrn Gottfried“, erklärte Frau Richter. „Und um die Demütigung, die Fräulein Lutz und Fräulein Bukow erleiden mussten, vollständig widerzuspiegeln, und weil Fräulein von Hohenzollern so sehr darauf aus war, die beiden unschuldigen Mädchen zu entblößen, sollen sie sich vor ihrer Züchtigung jeglicher Kleidung entledigen.“
Einige Lehrer keuchten. Das war eine Strafe von unglaublicher Härte und Demütigung, selbst für die strengen Maßstäbe des Internats.
„Aber das geht doch nicht”, meinte Mme Dubois, die kleine Französischlehrerin in ihrem französischen Akzent. „Wir können doch nicht zwei junge Menschen ganz nackt vor ihren Mitschülern beiden Geschlechts zur Schau stellen …”
„Ich sehe nicht, warum Sie damit ein Problem haben”, meinte Frau Richter spitz. „Sie Franzosen sind doch sonst so freizügig …”. Mme Dubois ließ beleidigt den Kopf hängen.
Direktor Hoffmann begann inzwischen, Gefallen an dem Vorschlag zu finden. Er war dankbar, dass er, um die Würde seiner Position zum Ausdruck zu bringen, einen Talar trug, der verdeckte, dass ihn der Gedanke, ein junges, hübsches und noch dazu adliges Mädchen nackt zu bestrafen, außerordentlich erregend fand.
„Ich kann der Argumentation meiner Stellvertreterin nichts entgegensetzen”, sagte er mit ernster Stimme. „Gibt es, außer von Mme Dubois, Einwände oder Bedenken? Nein? Dann steht unser Urteil fest.”
„Und wer soll die Strafe verabreichen?“, fragte Herr Gruber, seine Stimme war leise.
Frau Richter blickte den Direktor an. „Die Schläge für Fräulein von Hohenzollern sollen zur Hälfte vom Direktor persönlich und zur Hälfte von Annegret Lutz verabreicht werden. Die Schläge für Herrn Gottfried zur Hälfte von mir und zur Hälfte von Ilse Bukow. Es sei denn, eine der Kolleginnen möchte das machen?“
Es meldete sich niemand.
Die Entscheidung war gefallen.
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