Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs - Chapter 15 | Fet Library

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Birke Becker presents

Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs

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Chapter 15 of 17

Chapter 15

Die Zeit auf der Burg des Prinzen verlor ihre Konturen und erstarrte zu einer neuen, grausamen Form von Normalität. Die Tage waren nicht länger einzelne, zählbare Einheiten, sondern identische Perlen auf einer endlosen Kette der Qual, die Annegret stoisch durch ihre Finger gleiten ließ. Ihr Leben wurde von den Glocken der Burg regiert: die Glocke zum Aufstehen, die Glocke zur Arbeit, die Glocke zur Züchtigung, die Glocke zur kargen Mahlzeit und schließlich die Glocke zur unruhigen, schmerzerfüllten Nacht.

Ihr Körper, einst ein fremdes Territorium des Schmerzes, wurde zu einer Landkarte des Leidens, die sie mit der kühlen Distanz einer Kartographin studierte. Die Wunden auf ihrem Gesäß waren zu einem chronischen Zustand geworden. Die Haut, unzählige Male geschlagen, vernarbt und wieder aufgerissen, weigerte sich zu heilen. Jeder Hieb, selbst der leichteste, ließ sofort Blut aus den dünnen, purpurnen Striemen sickern. Es war eine Tatsache, die Frau Schmidt mit der unbeteiligten Effizienz einer Buchhalterin zur Kenntnis nahm.

„Das ist unproduktiv“, hatte sie eines Abends nach der üblichen „Lektion“ mit unbewegter Miene festgestellt, als sie das Blut betrachtete, das Annegrets Schenkel hinunterlief. „Die Oberfläche ist erschöpft. Wir müssen das Feld wechseln.“

Von diesem Tag an änderte sich der Fokus der Bestrafungen. Annegrets Rücken, ihre Schultern und, in einer neuen, besonders perfiden Form der Demütigung, ihre Brüste wurden zu den neuen Zielen. Die abendlichen Sitzungen vor Klothilde, ihren Freundinnen und dem jungen, eifrigen Grafen Kaspar wurden zu einer neuen Art von Theater. Sie musste sich nun nicht mehr nur über den Bock beugen, sondern oft aufrecht vor ihnen stehen oder knien, während die Schläge des Rohrstocks oder die brennenden Riemen der neunschwänzigen Katze auf ihren Oberkörper niederprasselten.

Der Schmerz war anders. Schärfer, auf eine Weise intimer. Ein Hieb auf den Rücken ließ ihren ganzen Körper erzittern und ihr den Atem rauben. Die Schläge auf ihre Brüste waren eine besondere Art von Agonie, eine Mischung aus brennendem Schmerz und einer tiefen, entwürdigenden Verletzung ihrer Weiblichkeit, die Klothilde und ihre Freundinnen mit besonderem Gekicher und spöttischen Kommentaren quittierten.

„Sieh nur, Adelheid, sie wachsen ja schon von ganz allein“, hatte Klothilde einmal gesäuselt, als Frau Schmidt eine Pause machte. „Wir müssen ihnen nur die richtige Form geben.“

Annegret ertrug es. Sie ertrug alles. Ihre Seele hatte sich tief in die Festung des Hasses zurückgezogen, die sie in ihrem Inneren errichtet hatte. Während ihr Körper gezüchtigt wurde, arbeitete ihr Geist. Sie zählte. Nicht mehr die Schläge, sondern die Tage.

Einundzwanzig. Sie schrubbte die riesigen Kupferkessel in der Küche, ihre Hände waren wund und rissig, aber ihr Verstand war klar. Neun Tage noch.

Dreiundzwanzig. Sie jätete Unkraut im Rosengarten unter der kalten Herbstsonne, jeder Muskel schmerzte von der Züchtigung des Vorabends. Sieben Tage noch. Sie beobachtete die Wachposten auf den Zinnen, merkte sich die Zeitpunkte ihrer Ablösung.

Fünfundzwanzig. Sie stand nackt im Speisesaal, während Kaspar lernte, die Peitsche mit mehr Präzision zu führen. Fünf Tage noch. Sie hörte den Mägden zu, wenn sie tuschelten. Sie hörte von der heimlichen Affäre eines Dieners, von der Trunksucht des Stallmeisters, von der Angst der Zofe vor Frau Schmidts Jähzorn. Jede Information war ein Stein, den sie ihrer Festung hinzufügte.

Siebenundzwanzig. Die Schläge auf ihren Rücken waren so heftig gewesen, dass sie Sterne sah. Drei Tage noch. Sie kannte nun den Grundriss des Dienstbotenflügels wie ihre Westentasche. Sie wusste, welche Tür knarrte, welche Stufe locker war, wo Frau Schmidt den Schlüsselbund an ihrem Gürtel trug.

Achtundzwanzig. Zwei Tage noch. Eine seltsame, fiebrige Aufregung begann, sich unter der dicken Eisschicht ihrer Seele zu regen. Was würde sie tun? Wohin würde sie gehen? Der Gedanke an ihre Eltern, an Ilse, war ein ferner, schmerzhafter Schimmer am Horizont. Freiheit. Das Wort selbst war ein Gebet, ein Versprechen, das sie sich jede Nacht vor dem Einschlafen zuflüsterte.

Und dann kam der neunundzwanzigste Tag. Der vorletzte Tag.

Der Morgen war wie jeder andere. Arbeit in der Wäscherei, das endlose Schrubben von Laken, die von Wein und Essen befleckt waren. Ihre Hände waren rot und aufgesprungen vom heißen Wasser und der scharfen Lauge. Am Mittag, als sie eine dünne Suppe in der Gesindeküche aß, kam Frau Schmidt zu ihr.

„Fräulein Lutz. Esst zu Ende. Seine Hoheit wünscht Euch in einer Stunde zu sehen.“

Annegrets Herz machte einen kleinen, schmerzhaften Sprung. Der Prinz. Am vorletzten Tag. Warum? Ihr Verstand begann sofort zu arbeiten. Dies musste die offizielle Entlassung sein. Ein abschließendes Gespräch. Eine letzte Ermahnung, über die Vorkommnisse auf der Burg Stillschweigen zu bewahren.

Während Frau Schmidt sie zu den herrschaftlichen Gemächern führte, erlaubte sich Annegret zum ersten Mal seit einem Monat einen Hauch von Hoffnung, der mehr war als nur ein Überlebensinstinkt. Es war eine fast kindliche, naive Hoffnung. Vielleicht, nur vielleicht, würde er ihr ein Wort der Anerkennung zollen. Nicht aus Freundlichkeit, sondern aus dem Stolz eines Züchters, dessen widerspenstiges Tier endlich gebrochen war. Sie hatte jede Prüfung bestanden, jede Demütigung ertragen, ohne zu klagen. Sie hatte in seinem grausamen Spiel die Rolle ihres Lebens gespielt. Vielleicht würde er das anerkennen. Vielleicht würde er ihr sogar ein kleines Reisegeld geben, eine letzte Geste seiner absoluten Macht, die ihm erlaubte, nach der Grausamkeit auch eine Form von herablassender Großzügigkeit zu zeigen. Es wäre genug, um ein Zugticket zu kaufen. Nach Hause.

Der Gedanke an Zuhause war so überwältigend, dass ihr für einen Moment schwindelig wurde. Das Gesicht ihrer Mutter, die ruhige Stärke ihres Vaters. Die vertrauten Straßen ihrer Stadt. Die Freiheit. Morgen. Morgen um diese Zeit wäre sie frei.

Sie trat in das Arbeitszimmer des Prinzen, und ihre Hoffnung erhielt einen weiteren, trügerischen Auftrieb. Die Atmosphäre war anders als beim letzten Mal. Keine Wut, keine Spannung. Der Prinz saß entspannt in seinem Ledersessel, eine Tasse Kaffee vor sich. Und zu Annegrets Überraschung saß Klothilde in einem Sessel ihm gegenüber, blätterte gelangweilt in einer französischen Modezeitschrift. Sie trug ein elegantes Kleid aus dunkelgrünem Samt und warf Annegret beim Eintreten nur einen flüchtigen, verächtlichen Blick zu.

„Ah, Fräulein Lutz“, sagte der Prinz mit einer fast jovialen Stimme. „Tretet näher. Keine Sorge, es gibt heute keine Strafpredigt.“

Annegret trat vor den wuchtigen Schreibtisch und faltete die Hände vor sich. Ihr Herz schlug ein wenig schneller.

„Der Monat ist so gut wie vorüber“, fuhr der Prinz fort und nahm einen Schluck Kaffee. „Und Ich muss sagen, Eure Entwicklung hat Meine Erwartungen übertroffen. Seit Eurem… kreativen Vorschlag habt Ihr Euch tadellos verhalten. Ihr habt jede Aufgabe erfüllt, jede Züchtigung ohne Murren ertragen und eine bemerkenswerte Disziplin an den Tag gelegt. Ihr habt Eure Lektion gelernt. Nicht wahr, Klothilde?“

„Sie ist jedenfalls eine viel bessere Statue als beim ersten Mal“, sagte Klothilde, ohne von ihrer Zeitschrift aufzusehen. „Obwohl ihr Gewimmere manchmal etwas nervtötend ist.“

„Eine rein körperliche Reaktion, meine Liebe. Der Geist ist stark“, erwiderte der Prinz nachsichtig. Er blickte Annegret an, und in seinen Augen lag ein Ausdruck von echter, zufriedener Anerkennung. „Ihr habt Euch als äußerst… nützlich erwiesen. Euer Beispiel hat Wunder gewirkt, nicht nur bei der Dienerschaft, sondern auch bei der Erziehung des jungen Kaspar. Er hat eine bemerkenswerte Festigkeit in der Hand entwickelt.“

Dies war der Moment, dachte Annegret. Jetzt würde er sie entlassen.

„Tatsächlich“, sagte der Prinz und stellte seine Tasse mit einem leisen Klirren ab, „habt Ihr Euch als so nützlich erwiesen, dass Ich zu einem neuen Schluss gekommen bin. Es wäre eine Verschwendung sondergleichen, ein so perfekt abgerichtetes Subjekt einfach gehen zu lassen. Eine Verschwendung von Zeit, von Mühe, von… Potenzial.“

Annegrets Lächeln gefror auf ihren Lippen. Die Worte drangen in ihr Bewusstsein ein, aber ihr Verstand weigerte sich, ihre Bedeutung zu erfassen. Was sagte er?

„Ich habe Mich daher entschlossen, unsere ursprüngliche Abmachung abzuändern“, fuhr der Prinz mit derselben beiläufigen Stimme fort, mit der er das Wetter hätte kommentieren können. „Ihr werdet die Burg nicht verlassen.“

Die Welt hörte auf, sich zu drehen. Das Blut rauschte in Annegrets Ohren, und die Stimmen schienen von weit her zu kommen. Nicht verlassen. Die Worte hallten in der Leere wider, die sich plötzlich in ihr auftat.

„Ihr habt das Privileg, in den persönlichen Dienst meiner Nichte Klothilde zu treten“, erklärte der Prinz. „Ihr werdet ihre Zofe sein. Ihr werdet ihr beim Ankleiden helfen, ihr Haar kämmen, ihre Gemächer in Ordnung halten. Ihr werdet an ihrer Seite sein, Tag und Nacht.“

Klothilde blickte nun auf, ein breites, triumphierendes Lächeln auf ihrem Gesicht. „Stell dir das vor, Lutz. Nur wir beide. Wir werden so viel Spaß haben.“

„Natürlich“, fügte der Prinz hinzu, als wäre es eine Nebensächlichkeit, „ist dies nur Eure nominelle Aufgabe. Eure eigentliche Funktion, Euer wahrer Wert für dieses Haus, bleibt unverändert. Ihr werdet weiterhin als unser primäres… Lehrmittel dienen. Für Klothilde, für Kaspar, für jeden Gast, den Ich zu unterweisen oder zu unterhalten wünsche. Eure abendlichen Lektionen werden fortgesetzt, vielleicht sogar intensiviert. Ihr seid eine dauerhafte Einrichtung dieser Burg geworden, Fräulein Lutz. Eine lebende Mahnung an die Konsequenzen von Ungehorsam.“

Ein Monat. Das war die Abmachung gewesen. Dreißig Tage. Ihr Countdown, ihre Hoffnung, ihr Anker in einem Meer aus Schmerz – alles war eine Lüge gewesen. Eine grausame Farce.

„Aber… Euer Hoheit…“, flüsterte sie, und es war die Stimme eines ertrinkenden Kindes. „Die Abmachung… Ein Monat… Ihr habt es versprochen…“

Das war ihr letzter Fehler. Der letzte Funken ihres Glaubens an eine Welt, in der Worte eine Bedeutung hatten, in der selbst Teufel ihre Verträge einhielten.

Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Prinzen. Seine Augen wurden zu kalten, blauen Eissplittern. Er lehnte sich über den Tisch, seine Stimme war nun ein leises, giftiges Zischen.

„Versprochen?“, sagte er. „Abmachungen gelten zwischen Ebenbürtigen, Mädchen. Zwischen Adeligen. Zwischen Männern von Ehre. Sie gelten nicht zwischen Mir und Euch.“

Er deutete mit dem Daumen auf sich selbst, dann auf sie. „Ich bin der Prinz von Hohenzollern. Und du“, er spuckte das Wort förmlich aus, der Wechsel zum verächtlichen Du war wie ein Schlag ins Gesicht, „du bist nichts. Du bist mein Eigentum. Gekauft und bezahlt durch meine Gnade, die dich vor dem Zuchthaus bewahrt hat. Du hast keine Rechte. Du hast keine Versprechen. Du hast nur Pflichten. Und deine Pflicht ist es, hier zu bleiben und zu dienen. So lange es Mir gefällt. Und es gefällt Mir, dass du für die nächsten Jahre hierbleibst.“

Jahre.

Das Wort fiel wie ein Beil und zerhackte die letzten Reste ihrer Welt. Jahre. Nicht Tage. Jahre. Eine endlose, graue Wüste aus Arbeit, Schmerz und Demütigung, die sich vor ihr erstreckte, ohne Horizont, ohne Ende.

Die Festung in ihrer Seele, die auf dem Fundament der Hoffnung auf den dreißigsten Tag gebaut worden war, brach mit einem ohrenbetäubenden, stillen Donnern in sich zusammen. Die Mauern aus Hass, die Wälle aus stoischer Verachtung – alles zerfiel zu Staub und Asche. Zurück blieb nichts als ein schwarzes, gähnendes Loch unendlicher Verzweiflung.

„Verstehst du das?“, zischte der Prinz.

Annegret nickte. Sie konnte nicht sprechen. Sie konnte nicht atmen. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, aber es waren keine Tränen des Schmerzes oder der Wut. Es waren die Tränen einer Seele, die stirbt.

„Gut“, sagte der Prinz und lehnte sich zufrieden zurück. „Frau Schmidt wird dir deine neuen Pflichten erklären. Du kannst gehen.“

Sie drehte sich um. Klothilde lachte leise, ein grausames, silberhelles Geräusch. Es war der Klang ihres Triumphs. Annegret verließ das Zimmer, Frau Schmidt folgte ihr. Der Weg zurück war eine Reise durch die Hölle. Jeder Schritt war schwer wie Blei. Jeder Atemzug war ein Schmerz.

Als die Tür zu ihrer kleinen Kammer hinter ihr ins Schloss fiel, brach sie zusammen. Sie fiel auf die Knie, dann auf den kalten Steinboden. Und zum ersten Mal seit Wochen weinte sie. Es war kein lautes, klagendes Weinen. Es war ein stilles, krampfartiges Schluchzen, das ihren ganzen Körper erschütterte. Die Verzweiflung war absolut, ein schwarzer Ozean, der drohte, sie zu verschlingen. Alles war verloren. Ihre Familie. Ihre Zukunft. Ihre Freiheit. Ihre Seele. Die nächsten Jahre. Die Worte hallten in ihrem Kopf wider, eine endlose Folter.

Sie lag da, vielleicht eine Stunde, vielleicht länger, ertrinkend in ihrem eigenen Elend. Die Welt war zu Ende.

Doch dann, in der tiefsten Tiefe des schwarzen Ozeans, auf dem Grund ihrer zerbrochenen Seele, regte sich etwas. Es war kein Funke Hoffnung. Die Hoffnung war tot und würde nie wiederkehren. Es war etwas anderes. Etwas Dunkleres.

Es war der letzte, unzerstörbare Kern ihres Wesens. Der Teil, der sich geweigert hatte, unter den Schlägen, der Erniedrigung und der Vergewaltigung zu sterben. Dieser Kern, nun befreit von der Last der Hoffnung, begann zu glühen.

Die Verzweiflung gerann. Sie wurde kalt. Sie wurde hart. Sie kristallisierte zu einer neuen, furchtbaren Substanz. Der Schmerz ihres Verlustes verwandelte sich in eine Energie von unvorstellbarer Kraft. Der Hass, der die Mauern ihrer alten Festung gebildet hatte, war diffus gewesen, eine defensive Waffe. Dieser neue Hass war konzentriert. Er war ein Dolch, geschliffen an der Erkenntnis, dass sie nichts mehr zu verlieren hatte.

Sie hörte auf zu weinen.

Langsam, unendlich langsam, richtete sie sich auf. Sie setzte sich hin und starrte in die Dunkelheit ihrer Zelle. Ihr Geist, der gerade noch in Stücke gerissen worden war, begann, sich neu zusammenzusetzen. Aber das Bild, das entstand, war nicht mehr dasselbe.

Sie dachte nicht mehr an Freiheit. Sie dachte an Ketten. An die Ketten, mit denen sie ihre Peiniger an ihr Schicksal binden würde.

Sie dachte nicht mehr an Flucht. Sie dachte an Feuer. An das Feuer, das diese Burg und alle, die darin wohnten, reinigen würde.

Ihr Gehirn, geschult durch einen Monat der Beobachtung und des Überlebens, begann zu arbeiten. Aber es arbeitete nicht mehr für ihr Überleben. Es arbeitete für deren Untergang.

Die Routinen der Wachen. Die Affären der Diener. Die Trunksucht des Stallmeisters. Die Angst der Zofe. Der Schlüsselbund von Frau Schmidt. Die Arroganz des Prinzen, der glaubte, er sei unangreifbar. Die Bosheit von Klothilde, die sie blind machte für jede Gefahr. Der junge, dumme Kaspar. Der alte, kalte Graf.

Sie alle hatten Schwächen. Sie alle hatten Geheimnisse. Und sie, Annegret, war nun im Zentrum des Netzes. Als Klothildes Zofe würde sie alles sehen, alles hören. Sie wäre unsichtbar, ein Geist aus Schmerz und Gehorsam. Der perfekte Spion. Die perfekte Mörderin.

Ein Lächeln erschien auf Annegrets Lippen. Es war ein schreckliches Lächeln, eines, das nie wieder das Licht der Sonne sehen würde. Es war das Lächeln einer Erinnye, einer Rachegöttin, die in der Dunkelheit einer Gefängniszelle geboren wurde.

Sie würde hierbleiben. Sie würde dienen. Sie würde lächeln und nicken und sich bücken. Sie würde jede Demütigung ertragen, jeden Schmerz willkommen heißen. Denn jeder Schlag, jedes böse Wort, jede neue Erniedrigung wäre nur weiterer Brennstoff für das Feuer, das in ihr loderte.

Der Monat der Schande war vorüber. Die Zeit der Abrechnung hatte gerade erst begonnen.


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