Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs - Chapter 16 | Fet Library

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Birke Becker presents

Klassenkampf im Internat - eine Tragödie aus der Spätzeit des deutschen Kaiserreichs

5.0 (6)

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Chapter 16 of 17

Chapter 16

Der Herbst wich dem ersten, bitterkalten Hauch des Winters, und die Burg des Prinzen hüllte sich in einen Mantel aus Frost und frühem Schnee. Mit dem Wechsel der Jahreszeiten hatte sich auch Annegret gewandelt. Die äußere Hülle war perfektioniert worden. Sie war nun Klothildes Zofe, ein stiller, effizienter Schatten, der mit gesenktem Blick durch die Gemächer huschte. Ihre Bewegungen waren präzise, ihre Antworten auf Befehle ein unterwürfiges "Ja, gnädiges Fräulein". Sie ertrug Klothildes tägliche Schikanen – das absichtlich verschüttete Teewasser auf ihrem Kleid, die Ohrfeige für eine vermeintlich falsch gelegte Haarnadel, das endlose Ziepen und Zerren beim Frisieren – mit einer stoischen Geduld, die ihre Peiniger als endgültigen Triumph über ihren Willen feierten.

Auch die "Lektionen" gingen weiter. Sie waren ein fester Bestandteil des abendlichen Rituals geworden, so selbstverständlich wie das Anzünden der Kerzen. Doch auch hier hatte sich etwas verändert. Annegret schrie nicht mehr. Sie wimmerte nicht einmal mehr. Sie empfing die Schläge des Rohrstocks oder der Peitsche mit einer stillen, fast meditativen Konzentration. Ihr Körper zuckte, ihre Haut riss und blutete, aber ihr Gesicht blieb eine leere Maske. Diese unheimliche Stille beunruhigte ihre Peiniger manchmal, doch sie taten es als Zeichen ihrer vollendeten Brechung ab. Sie sahen nicht, dass es keine Brechung war, sondern eine Metamorphose. Sie sahen nicht, dass Annegret nicht mehr in ihrem Körper wohnte. Ihr Geist war an einem anderen Ort, einer kalten, stillen Kommandozentrale, in der sie Pläne schmiedete und Informationen sammelte.

Als Klothildes Zofe hatte sie Zugang. Sie hörte alles. Sie hörte den Grafen Kaspar, wie er sich bei seinem Onkel über seine Spielschulden beklagte. Sie hörte Frau Schmidt, wie sie eine junge Magd wegen eines gestohlenen Seidentuchs zur Rede stellte und drohte, sie ohne Lohn davonzujagen. Sie hörte Klothilde, wie sie mit Adelheid über ihre panische Angst vor Spinnen und engen, dunklen Räumen kicherte. Und sie beobachtete. Sie beobachtete die Routine des betrunkenen Stallmeisters, der jeden Abend eine Flasche Schnaps in der Sattelkammer versteckte. Sie beobachtete, wie nach großen Festen die schweren Eichentüren zum Bankettsaal von außen mit einem eisernen Riegel gesichert wurden, um die schlafenden Betrunkenen am Herumirren zu hindern.

Und sie wartete auf ihre Gelegenheit.

Sie kam an einem kalten Dezemberabend, zwei Monate nachdem der Prinz ihr die Freiheit verwehrt hatte. Frau Schmidt, geplagt von einem Anfall heftiger Migräne, hatte sich in ihre Kammer zurückgezogen und eine junge, unerfahrene Aufseherin mit der abendlichen Züchtigung beauftragt. Die junge Frau, eingeschüchtert von Klothilde und ihren Freundinnen, führte die Bestrafung ungeschickt und nachlässig durch. Danach, in der Eile, den Raum zu verlassen, beging sie einen unverzeihlichen Fehler. Sie ließ den schweren Schlüsselbund, der ihr von Frau Schmidt anvertraut worden war – der Bund mit den Schlüsseln zu den meisten Wirtschaftsräumen und einigen der alten Eisentore –, auf einem Beistelltisch im Ankleidezimmer liegen.

Annegret, die angewiesen worden war, die benutzten Züchtigungsinstrumente wegzuräumen, sah den Bund. Ihr Herz, von dem sie geglaubt hatte, es sei zu Eis erstarrt, schlug einmal hart und schnell. Ihre Hände zitterten nicht, als sie den Bund aufnahm. Er war schwer, das Metall war kalt. Es war das Gewicht der Rache. Sie ließ ihn in die tiefe Tasche ihrer Schürze gleiten. Niemand bemerkte es.

Der Tag der Abrechnung wurde auf den Höhepunkt der Weihnachtsfeierlichkeiten gelegt. Der Prinz gab einen opulenten Winterball. Adelige aus der ganzen Provinz waren geladen. Die Burg erstrahlte im Licht von Tausenden von Kerzen, Musik und Gelächter hallten durch die Korridore. Die Dienerschaft war bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gefordert, die Herrschaften waren sorglos und betrunken. Es war eine Nacht perfekter Unachtsamkeit.

Annegret bewegte sich durch das Chaos wie ein Geist. Ihr Gesicht war die Maske der erschöpften, aber pflichtbewussten Dienerin. Niemand achtete auf sie. Sie war Teil des Mobiliars.

Ihre erste Station war die Sattelkammer. Der Stallmeister lag, wie erwartet, schnarchend in einer Ecke, eine leere Flasche neben sich. Annegret fand sein Versteck mühelos. Sie nahm nicht eine, sondern drei Flaschen des hochprozentigen Schnapses sowie mehrere große Kannen mit Lampenöl. In der angrenzenden Werkstatt fand sie trockene, ölgetränkte Lappen. Sie versteckte alles in einem leeren Wäschesack.

Ihre zweite Station war der untere Korridor, der unter dem großen Bankettsaal verlief. Es war ein langer, zugiger Gang, in dem alte, unbenutzte Möbel und schwere Wandteppiche gelagert wurden, die auf ihre Reinigung warteten. Die Luft war trocken, der Staub lag fingerdick. Ein perfekter Zunder. Mit den gestohlenen Schlüsseln öffnete sie leise die Tür zum Lagerraum.

Ihre dritte und wichtigste Aufgabe war die heimtückischste. Sie schlich sich durch die Gänge zum Hauptportal des Festflügels. Die Gäste waren alle im großen Saal versammelt. Von drinnen hörte sie das Lachen und die laute Musik eines Orchesters. Die schweren Eichentüren waren, wie bei solchen Anlässen üblich, nicht verschlossen. Annegret zog den massiven Eisenriegel von außen vor. Ein dumpfes, metallisches Geräusch, das von der Musik verschluckt wurde. Sie wiederholte dies an den beiden Seitenausgängen, die auf die Terrasse führten. Der Hauptflügel war nun eine Falle.

Sie kehrte in den Lagerraum unter dem Saal zurück. Ihr Herz schlug nun ruhig und gleichmäßig. Es gab keine Angst mehr, nur noch eine kalte, klare Absicht. Sie tränkte mehrere der alten Wandteppiche mit dem Lampenöl und dem Schnaps. Sie legte eine Spur aus den öligen Lappen, die aus der Tür des Lagerraums hinaus in den Korridor führte. Dann zündete sie mit einem Zündholz, das sie aus der Küche entwendet hatte, das Ende der Luntenspur an.

Die Flamme zögerte einen Moment, dann schoss sie zischend den Lappen entlang und erreichte die getränkten Teppiche. Eine Stichflamme schoss zur Decke, gefolgt von einem gierigen, knisternden Geräusch. Das alte, trockene Holz der Vertäfelung, der Staub der Jahrzehnte – alles wurde sofort zur Nahrung für das wachsende Feuer.

Annegret schloss die Tür, schloss sie mit einem der alten Schlüssel ab und warf den Schlüssel in eine dunkle Ecke. Sie eilte zu den Ställen, die direkt unter dem Gästeflügel lagen. Sie wiederholte den Vorgang, schüttete das restliche Öl und den Schnaps über das trockene Heu und Stroh. Das Feuer brach hier mit noch größerer Wildheit aus.

Die ersten Anzeichen der Katastrophe waren subtil. Ein seltsamer Geruch, der sich mit dem Duft von Braten und Parfüm mischte. Ein fernes Knistern, das man für das Prasseln im Kamin halten konnte. Doch dann wurde der Rauch dichter, schwärzer. Ein Schrei ertönte, dann ein zweiter. Panik brach aus. Das Orchester verstummte abrupt. Die Gäste im Festsaal drängten zu den Türen, nur um festzustellen, dass sie verriegelt waren. Das Lachen wurde zu einem Crescendo aus Schreien und panischem Hämmern gegen das dicke Eichenholz.

Während unten das Chaos ausbrach, ging Annegret mit ruhigen, gemessenen Schritten die große Treppe hinauf. Sie ging nicht zu ihrem geplanten Fluchtweg. Sie hatte noch eine letzte Aufgabe.

Sie trat in Klothildes Gemächer. Das Mädchen saß vor ihrem Spiegel und schmollte. Sie war vom Fest gelangweilt und hatte sich zurückgezogen. „Lutz, endlich!“, herrschte sie Annegret an. „Mir ist langweilig. Bereite mein Bett vor. Und woher kommt dieser abscheuliche Gestank?“

Annegret schloss die Tür hinter sich und drehte den Schlüssel im Schloss. Sie legte ihn auf den Kaminsims.

„Das, gnädiges Fräulein“, sagte Annegret, und ihre Stimme war nicht mehr die einer unterwürfigen Zofe, sondern die einer Richterin, die ihr Urteil spricht, „ist der Geruch von Gerechtigkeit.“

Klothilde starrte sie an. Sie sah die Veränderung in Annegrets Haltung, das unheimliche Leuchten in ihren Augen. „Was redest du da für einen Unsinn, du dummes Ding? Mach, was ich dir sage!“

Von draußen waren die Schreie nun lauter zu hören. Ein dumpfes Grollen erschütterte den Boden. Rauch begann, unter der Türschwelle hervorzuquellen.

„Hörst du das?“, fuhr Annegret mit der gleichen, furchterregend ruhigen Stimme fort. „Das ist ein Requiem. Für deinen Onkel. Für deine Freunde. Für den Grafen Hardenberg und den Grafen Kaspar. Für Frau Schmidt. Für dieses ganze verfluchte Haus.“

Klothildes Gesicht wurde kreidebleich. Sie verstand. „Du…“, flüsterte sie, ihre Stimme erstickt von Entsetzen. „Das warst du!“

„Ich habe hier viel gelernt“, sagte Annegret und trat langsam näher. „Ich habe gelernt, dass Feuer alles reinigt. Es reinigt den Schmerz, die Schande und die Ungerechtigkeit. Es verwandelt prächtige Burgen in Asche und arrogante Menschen in verkohlte Knochen.“

Klothilde sprang auf, ihre Augen weit aufgerissen vor panischer Angst. Sie rannte zur Tür und rüttelte am Griff. „Hilfe! Hilfe! Sie hat mich eingesperrt! Macht auf!“ Doch ihre Schreie wurden von dem wachsenden Inferno übertönt.

Sie drehte sich zu Annegret um, Tränen liefen ihr über das Gesicht. „Bitte, Annegret! Lass mich raus! Ich tue alles, was du willst! Bitte!“

Annegret betrachtete sie, ohne die geringste Regung von Mitleid. „Du hattest deine Chance, Gnade zu zeigen. Jeden Tag. Mit jedem Schlag. Mit jedem spöttischen Wort. Du hast dich dagegen entschieden.“ Sie ging zur einzigen Kerze, die im Raum brannte. „Du hast mir die Hölle auf Erden gezeigt, Klothilde. Nun zeige ich dir, wie es ist, darin zu verbrennen.“

Mit diesen Worten blies sie die Kerze aus und tauchte den Raum in fast völlige Dunkelheit, die nur vom unheimlichen, orangefarbenen Flackern des Feuers unter der Tür erhellt wurde. Sie ging zur Tür, nahm den Schlüssel und trat hinaus auf den raucherfüllten Korridor. Sie schloss die Tür von außen ab. Klothildes markerschütternde Schreie folgten ihr, bis sie vom Brüllen des Feuers verschluckt wurden.

Jetzt erst rannte Annegret. Sie rannte nicht in Panik, sondern mit kalter Effizienz. Sie folgte dem Fluchtweg, den sie wochenlang geplant hatte. Durch einen Dienstbotengang, hinunter zu einer kleinen Speisekammer im Erdgeschoss. Ein Fenster dort war, wie sie wusste, nur mit einem einfachen Haken verriegelt. Sie öffnete es und zwängte sich hindurch in die eisige Nachtluft.

Sie landete weich im Schnee. Die Kälte war ein Schock nach der sengenden Hitze, die bereits durch die Mauern der Burg drang. Sie riss sich einen schweren Umhang von einer Wäscheleine und hüllte sich darin ein.

Sie rannte, weg von der Burg, hinauf auf einen kleinen, bewaldeten Hügel in der Ferne. Von dort aus hatte sie einen perfekten Blick.

Das Schauspiel war apokalyptisch. Die Burg der Hohenzollern war eine gigantische Fackel, die den Nachthimmel blutrot färbte. Schwarzer Rauch stieg in dicken Säulen auf, und der fallende Schnee verwandelte sich in schmutzig-grauen Regen. Ganze Teile des Daches stürzten mit ohrenbetäubendem Krachen ein und sandten Funkenregen in den Himmel. Die Schreie waren verstummt. Es gab nur noch das triumphierende Brüllen der Flammen.

Annegret stand da, eine kleine, dunkle Gestalt im Schnee, und sah zu, wie ihre Hölle verbrannte. Sie spürte keine Freude. Sie spürte keine Genugtuung. Sie spürte nur eine riesige, kalte, absolute Leere. Der Hass, der sie so lange angetrieben hatte, war mit dem Feuer verbrannt. Er hatte seinen Zweck erfüllt.

Sie war frei. Aber das Mädchen, das vor einem Monat in diese Burg gekommen war, war für immer verloren. An ihrer Stelle stand eine Fremde, geschmiedet aus Schmerz und Feuer, ihre Seele eine Landschaft aus Asche und Narben.

Sie wandte der brennenden Burg den Rücken zu. Ohne ein weiteres Zögern, ohne einen Blick zurück, ging sie in die Dunkelheit des Waldes. Der Schnee fiel dichter und verwischte ihre Spuren.

Sie ging einer ungewissen Zukunft entgegen, ein Geist, der aus dem Grab seiner eigenen Vergangenheit auferstanden war. Sie wusste nicht, wohin sie ging oder was aus ihr werden würde. Sie wusste nur eines. Sie hatte überlebt. Und das Haus der Hohenzollern war nichts weiter als eine Erinnerung und ein Haufen rauchender Asche.


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