Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 31 of 34
Während die letzten Funken von Johanna Kaisers Leben auf einem Monitor im Inneren des Instituts verloschen, warteten draußen in der kalten, stürmischen Nacht zwei Gestalten in dunklen Overalls geduldig neben ihrem unauffälligen Auto. Es waren van der Meers treueste Diener, Männer, die für ihn schwiegen, handelten und, wenn nötig, beseitigten. Sie waren keine Schläger oder Mörder im herkömmlichen Sinne. Sie waren Spezialisten für Logistik, Meister der unauffälligen Problemlösung.
Sie warteten auf das Signal, das über einen verschlüsselten Kanal auf einem ihrer Geräte einging. Ein einziges Wort: „Abgeschlossen.“
Ohne Eile, aber mit einer Effizienz, die aus jahrelanger Übung resultierte, machten sie sich an die Arbeit. Sie betraten die Strafsuite, wo zwei andere Diener bereits damit beschäftigt waren, den leblosen Körper der Journalistin von der Maschine zu lösen. Der Raum roch schwach nach verbrannter Haut und Ozon.
Einer der Männer sammelte die zerschnittenen Reste von Johanna Kaisers Kleidung vom Boden auf – den teuren Blazer, die Seidenbluse, den Rock. Er hielt die Stofffetzen in der Hand, als ihm etwas auffiel. Ein kleines, schweres Objekt fiel aus der zerfetzten Jackentasche auf den Basaltboden. Es war ihr Handy, der Bildschirm dunkel. Einer der Männer hob es auf und schaltete es ein. Er sah die offene Audio-App, die immer noch versuchte, ein Signal zu senden. Ein Anflug von Panik huschte über sein Gesicht.
„Sie hat aufgenommen“, zischte er.
Der andere zuckte nur mit den Schultern. „Prüf die Verbindung.“
Der erste Mann tippte auf dem Bildschirm. „Kein Signal. Kein Upload. Die letzte Verbindung wurde vor einer Stunde und zwölf Minuten getrennt.“ Er blickte sich in dem mit Stahl verkleideten Raum um. „Die magnetische Abschirmung der Suite hat gehalten. Nichts ist rausgekommen.“
Erleichterung. Er wischte weiter über den Bildschirm, überprüfte die lokalen Aufnahmen. Er fand eine einzelne Audiodatei, benannt mit dem aktuellen Datum und der Uhrzeit. Er hielt sich das Handy ans Ohr und hörte kurz hinein. Er hörte Lirpas Stimme, Johannas Schreie, das Summen der Maschine. Er löschte die Datei, formatierte die Speicherkarte und legte das Handy zu den anderen Gegenständen, die sie in einem feuerfesten Sack sammelten.
„Ihre Kleidung ist unbrauchbar“, sagte einer der Diener und deutete auf die zerschnittenen Reste. „Ein Unfall, bei dem der Fahrerin die Kleidung zerschnitten wird? Das wirft Fragen auf.“
„Der Professor hat Anweisungen gegeben“, sagte der andere. Er führte sie zu einem Lagerraum im Keller, in dem die konfiszierten Besitztümer der Schülerinnen aufbewahrt wurden. Koffer voller Markenkleidung, Schmuck, persönlicher Gegenstände – die Überreste der Leben, die sie bei ihrer Ankunft im Institut zurückgelassen hatten. Sie fanden schnell, was sie suchten: die Garderobe einer Tochter aus reichem Hause. Eine teure, aber unauffällige Jeans, ein Kaschmirpullover, robuste Stiefel.
Zurück in der Suite zwängten sie den leblosen Körper der Journalistin in die Kleidung des Mädchens. Dann wurde sie auf eine Trage gelegt und mit einem schwarzen Tuch bedeckt.
Die beiden Teams tauschten ein kurzes Nicken aus. Die Männer aus der Suite begannen mit der chemischen Reinigung des Raumes. Die beiden anderen schoben die Trage hinaus zu Johannas Wagen. Einer fuhr, der andere saß auf dem Beifahrersitz und zog sich Handschuhe an. Sie fuhren langsam die lange, gewundene Bergstraße hinunter, die zum Institut führte, die Scheinwerfer fraßen sich durch die Dunkelheit und den peitschenden Regen.
Etwa fünf Kilometer vom Institut entfernt, an einer scharfen, ungesicherten Kurve, die direkt an einer tiefen, felsigen Schlucht vorbeiführte, hielten sie an. Sie stiegen aus. Mit geübten Handgriffen platzierten sie den leblosen Körper der Journalistin auf dem Fahrersitz, legten ihre Hände ans Lenkrad und schnallten sie an. Sie lösten die Handbremse, legten den Gang ein und gaben dem Wagen den letzten, entscheidenden Stoß.
Das Auto rollte langsam auf die Kante zu, kippte nach vorne und stürzte in die Dunkelheit. Es gab eine Serie von krachenden, metallischen Geräuschen, als der Wagen die Felsen hinunterstürzte, und dann, nach einer langen Sekunde der Stille, eine dumpfe Explosion, als der Tank Feuer fing. Ein oranger Feuerball leuchtete kurz in der Schlucht auf und erlosch dann wieder.
Ein perfekter, tragischer Unfall. Eine Journalistin, die zu schnell gefahren war, die Kontrolle auf der nassen Straße verloren hatte. Niemand würde Fragen stellen.
Die beiden Männer gingen schweigend die Straße zurück, wo ihr eigenes, unauffälliges Fahrzeug im Schatten wartete.
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