Novella
Birke Becker presents
4.6 (9)
Chapter 32 of 34
Am nächsten Morgen saßen die vier Männer beim Frühstück in Lirpas privatem Speisesaal. Die Stimmung war gelöst, fast heiter. Auf dem großen Flachbildschirm an der Wand liefen die internationalen Nachrichten. Und dann kam der Bericht.
Ein Bild von Johanna Kaisers Autowrack, tief in einer alpinen Schlucht, wurde gezeigt. Eine ernste Sprecherin sprach von einem „tragischen Unfall“, von „gefährlichen Straßenverhältnissen“ und dem „Verlust einer der profiliertesten Journalistinnen des Landes“.
Der Industrielle stieß ein zufriedenes Grunzen aus und hob sein Glas Orangensaft. „Auf eine saubere Lösung“, sagte er und grinste. Die anderen stimmten mit einem leisen Nicken ein. Ihr Plan hatte perfekt funktioniert. Sie waren sicher.
In diesem Moment klingelte Lirpas privates, verschlüsseltes Telefon. Er sah auf das Display. Es war der Minister. Lirpa nahm den Anruf mit einem selbstgefälligen Lächeln entgegen. „Guten Morgen, mein Freund. Haben Sie die guten Nachrichten gesehen?“
Die Stimme des Ministers am anderen Ende war nicht erleichtert. Sie war ein panisches Keuchen.
„Lirpa, wir haben ein Problem! Ein ernstes Problem!“
„Beruhigen Sie sich“, sagte Lirpa kalt, sein Lächeln gefror. „Die Journalistin ist… kein Problem mehr. Es war ein Unfall.“
„Das spielt keine Rolle!“, keuchte der Minister. „Ihr Chefredakteur! Der verdammte Narr will die Geschichte trotzdem veröffentlichen. Er sagt, er schuldet es ihr. Er sagt, der ‚Unfall‘ einer seiner besten Journalistinnen direkt nach einem Besuch bei Ihnen ist eine noch größere Geschichte. Er wird am Montag drucken, mit oder ohne Beweise. Er wird Fragen stellen, die wir nicht beantworten können!“
Lirpas Gesicht wurde zu Stein.
„Und es kommt noch schlimmer“, fuhr der Minister fort. „Meine Frau hat mit der Polizei gesprochen. Nicht nur das, sie hat mit der Bundespolizei gesprochen. Es gibt eine offizielle Untersuchung auf höchster Ebene. Nicht nur gegen das Institut. Gegen uns alle. Sie werden morgen früh mit einem Durchsuchungsbefehl vor Ihrer Tür stehen.“
Stille. Das leise Klirren von Eis in einem Glas war das einzige Geräusch.
„Ich verstehe“, sagte Lirpa nach einer langen Pause. Seine Stimme war nun so kalt und tot wie die Asche im Kamin. Er legte auf.
Er blickte in die Gesichter der anderen Männer. Er sah ihre blasse, schweißnasse Haut. Er sah die Panik in ihren Augen. Das Kartenhaus stürzte nicht mehr nur ein. Es stand in Flammen.
„Die Zeit für Subtilität ist vorbei“, sagte Lirpa. „Der Plan wurde soeben beschleunigt.“
Er ging zu seinem Schreibtisch und drückte einen Knopf auf seiner Sprechanlage. „Alexander. Versammeln Sie die verbliebenen Präfekten. Sofort. Initiieren Sie Protokoll Omega. Alle Beweismittel vernichten. Alle Aufzeichnungen löschen. Und bereiten Sie den Scheiterhaufen im Hof vor. Wir haben noch zwei oder drei… Verbindlichkeiten zu klären.“
Er wandte sich an die anderen. „Meine Herren. Es scheint, unsere Abreise muss vorgezogen werden.“
„Auf meiner Insel werden wir - vorerst - sicher sein.“, sagte van der Meers Stimme, ruhig und schneidend in der Stille des Raumes. „Dennoch. Es gibt zu viele Beweise.“
„Die Mädchen“, flüsterte der Richter, das Wort war kaum mehr als ein Hauch.
„Präzise“, sagte van der Meer. „Echo. Und die andere. Alina. Sie sind keine Zeuginnen mehr. Sie sind lebende Beweisstücke. Solange sie atmen, können wir nie mehr ruhig schlafen.“
„Ein bedauerlicher Unfall“, sagte Lirpa, als würde er aus einem Lehrbuch zitieren. „Ein Feuer im Institut. Ein tragischer Verlust. Zwei verwirrte junge Frauen kommen in den Flammen um. Eine Geschichte, die Mitleid erregt, keine Fragen aufwirft.“
„Exzellent“, sagte van der Meer. „Aber unvollständig. Eine bloße Beseitigung ist… unbefriedigend. Sie ist eine Verschwendung von Ressourcen. Wir haben Jahre und Millionen in die Ausbildung dieser Subjekte investiert. Ihr Ende sollte nicht nur eine Notwendigkeit sein. Es sollte ein letzter, triumphaler Beweis für die Wirksamkeit unserer Methoden sein. Eine letzte Demonstration. Für uns.“
Ein unheimliches Leuchten trat in seine Augen. „Bevor das Feuer ausbricht, wird die Strafsuite ein letztes Mal zum Einsatz kommen. Aber diesmal wird das Ziel nicht Korrektur sein. Das Ziel wird die systematische, physiologische Demontage sein. Die KI wird angewiesen, ein Protokoll auszuführen, das nicht auf Schmerzmanagement, sondern auf maximaler Belastung bis zum Punkt des totalen Systemversagens ausgelegt ist. Wir werden sehen, wie viel ein menschlicher Körper wirklich aushalten kann, wenn die Sicherheitsvorkehrungen entfernt werden. Es wird die ultimative Datenerfassung sein.“
Der Industrielle leckte sich die Lippen. Der Minister nickte langsam. Nur der Richter schien noch blasser zu werden.
„Alina ist hier“, sagte Lirpa. „Und Echo ist in der Gästesuite. Sie sind beide verfügbar.“
„Wir haben aber nicht ein Problem”, sagte van der Meer. „Der Oberpräfekt. Er ist Zeuge des … Unfalls … mit Elsie gewesen, und er war einfach zu involviert. Er weiß zu viel. Es ist klar, dass sich sein Gewissen regt. Eine tickende Zeitbombe. Ich schlage vor, wir machen mit ihm einen Probelauf, bevor wir die Mädchen herbestellen.” Die anderen Herren sahen das genauso.
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